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Freitag, 15. Dezember 2017

Haydn, Joseph - Sämtliche Klaviersonaten

Nicht und nie genug


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ekaterina Derzhavina hat sämtliche Klaviersonaten Joseph Haydns eingespielt - und überzeugt dabei soweit es diese Musik zulässt.

Der Kosmos Joseph Haydn ist, wie Nietzsche über das Meer sagt, ‚groß und voller Wunder‘. Zugleich ist der Komponist in der unangenehmen Situation des unbekannten Klassikers und im verharmlosenden Image des ‚Papa Haydn‘ gefangen – er wäre also auch so für Überraschungen gut, wenn nicht bereits die kluge, ästhetisch kalkulierte Überraschung zu seinen kompositorischen Markenzeichen gehören würde. Die russische Pianistin Ekaterina Derzhavina hat sich nun der wahrhaft kosmischen Aufgabe gestellt, sämtliche Klaviersonaten Haydns vorzulegen – bei der Profil Edition ist die Box von nicht weniger als 9 CDs erschienen. Die Box entpuppt sich schnell als Wunderkammer.

Gut Ding will Weile haben. Die Einspielungen entstanden in den Jahren 1993 bis 2008 in den Studios des Saarländischen Rundfunks und sofern sich das rechnen lässt, lässt sich doch sagen, dass diese investierte Zeit nicht umsonst war, sich gelohnt hat. Es ist, mit einem Wort, schwer, sich an diesen vielen CDs satt zu hören. Man bekommt nicht genug von den Einfällen Joseph Haydns, die Ekaterina Derzhavina mit leuchtendem, klaren Ton und einem feinen Sinn für Strukturen vorträgt. Es gelingt ihr, die Schlüssigkeit und Klugheit der Sonaten zu vermitteln, Verläufe in Aussicht zu stellen, zu tragen und auch zu unterlaufen. Schon im Verlauf der Sonate, die man noch nie gehört hat, beginnt man das Thema zielsicher mitzusummen; kaum fühlt man sich mit einem Sonatensatz vertraut, wird das Ohr mit Witz aufs Glatteis geführt. Derzhavina leistet in diesem Sinne mehr als eine Einführung, mehr als ein Überblickswissen, wie es die recht nüchtern aufgemachte Box anfangs zu versprechen scheint. Die Phantasie, die sich hier feiert, der cornucopische Einfallsreichtum, der sich auch in den Details der Verzierungen feiert, das gelingt. Dadurch wird es nicht zuletzt auch im Hörer freigesetzt. Dadurch gelangt man aber auch deutlicher an die kritischeren Stellen und Details der Einspielung.

Das Spiel der Melodien und Figuren in diesen geistreichen Sonaten kommt in seiner Wirkung fast der Lektüre von Philosophie nahe: Wie man da zuweilen bei der Lektüre das Gefühl hat, man könne klarer und schärfer denken solange man weiter liest, so verhält es sich hier mit der musikalischen Vorstellungskraft. Sie wird von Haydn nicht nur erfreut und befriedigt, sondern auf eigentümliche Weise gesteigert. Damit wächst natürlich auch das Ungenügen an manchen Stellen in der Interpretation Derzhavinas, es stellt sich erst langsam ein. Man denkt an eine andere Interpretation zurück, die vielleicht gelungener war – aber der Gang zum Plattenschrank tut nicht die gehoffte Wirkung, man findet nirgends mehr Trost, das Imaginäre der Musik lässt sich kaum mehr stillen. Dann merkt man wieder von neuem, welche Qualitäten Derzhavinas Einspielung hat: Transparenz, Einfühlungsvermögen, Witz.

Was sich aber beanstanden ließe? Es wäre nun übertrieben zu sagen, dass die Details der Gestaltung, die Übergänge, die Charakterisierungskunst, die Argumentation der Sonaten an manchen Stellen nicht genügend durchdacht erscheinen. Derzhavina hält ihr Klavierspiel beweglich und beredsam. Allerdings stellt sich das poetische Gespür, die luzide Intelligenz, oder wie man sonst jenes hohe je-ne-sais-quoi ansprechen will, das für die Interpretation Haydns erforderlich ist, nicht mit schlafwandlerischer Sicherheit ein. Und gerade in den Finalsätzen der späteren Haydn-Sonaten wird das spürbar; dort wird auch die scheinbare Kleinigkeit in Färbung, Timing, Proportionierung überaus deutlich. Diese flinken, schlauen Sätze bilden eine einzige Goldkante, auf die ein Interpret sich legt: Jeder Anschlag gilt das Ganze. So gerät beispielsweise das 'Presto' aus der G-Dur-Sonate Hob.XVI:40 noch geschwinder als seinerzeit bei Alfred Brendel, einen Hauch schließlich zu schnell um noch olympische Kontrolle und Helle auszustrahlen – und dieser Hauch bringt die Architektur und Gedankenführung des ganzen Gebildes in Gefahr. Die Interpretation ist dann, so quer das klingen mag, sehr gut, aber eben nicht brillant genug. Ebenso verhält es sich mit manchen Akzenten, die sehr hart fallen, mit manchem Phrasenschluss, der etwas zu wenig Luft bekommt. Ist es aber möglich? Es scheint: nie genug. Nie genug. Und deshalb ist es umso besser, dass es diese Einspielung gibt. Sie ist gewiss nicht der haydnschen Weisheit letzter Schluss, aber sie ist im eigentlichen Sinne eine Referenzaufnahme.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Sämtliche Klaviersonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
9
18.03.2013
EAN:

881488120370


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
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Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
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