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Mittwoch, 18. Oktober 2017

Porpora, Nicola Antonio - Aminta - Pastoral-Kantaten

Die Schäfer im Salon


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Pastorale Kammerkantaten von Nicola Porpora in einer gelungenen Interpretation des Ensembles Stile Galante und der Mezzosopranistin Marina De Liso.

Die Schäferdichtung ist bereits in ihrer literarischen Form eine Kunst der Mehrstimmigkeit und Mehrdeutigkeit, der fragilen Strukturen. Es geht um das schmale, schlanke, schillernde, mit einer Redensart: Es geht um das Kleine, aber Feine. Die Rezeption dieser antiken Gattung in der Renaissance entfaltet eine ungeheure Vielfalt und Komplexität. Es wird nun immer deutlicher, dass in diesem preziösen Rahmen immer auch über Kunst gesprochen wird. Hier vollzieht sich mit Deutlichkeit die grundlegende literarische Erkenntnis, dass man nicht über Blumen, Bäume und Frauen schreiben kann, ohne auch über andere Bücher zu schreiben. Spätestens mit Torquato Tassos ‚Aminta‘ hat sich die Bukolik auch auf den Bühnen etabliert, was bis zur Uraufführung in Ferrara 1573 noch recht experimentell vorzustellen ist. Der Vielstimmigkeit, bei gleichzeitiger Verwirrung der Perspektiven, ein weiter und weiter gehender Rückzug des mürben Christentums vor den heidnischen Lustprinzipien – all das ließ sich wunderbar auf das Theater stellen und zum Klingen bringen. Denn schon in der Schrift ist eines der Hauptthemen der Bukolik die Musik; in der Chiffre Musik und Gesang fassen sich alle Künste, alle kreativen Potenziale des Menschen zusammen.

Da ist es natürlich nur konsequent (wäre die Gattung nicht so schmählich vergessen und marginalisiert, könnte man geradewegs sagen: ist es selbstverständlich), dass Nicola Porpora noch gut hundert Jahre nach Tasso bukolisch orientierte Kammerkantaten geschrieben hat, eine Verwicklungsform, die schon mit dem Niedergang der Bukolik einhergeht; ebenso konsequent ist es, dass nun eine Sammlung solcher Kantaten unter dem Namen ‚Aminta‘ erschienen ist. Dass die CD beim Schweizer Label Pan Classics erschienen ist, wirkt da wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen der Paratexte.

Die italienische Mezzosopranistin Marina Del Liso und das Ensemble Stile Galante unter der Leitung von Stefano Aresi nehmen sich der kleinen Kantaten mit spürbarem Verve an. Die kleinen delikaten Stücke – man hört aus ihren Dimensionen, aber auch aus ihrem teils enormen technischen Ansprüchen durchaus die hervorragenden Palazzi und Privatgemächer heraus, in denen sie ihr natürliches Habitat hatten – können sowohl ihren Schwung, als auch ihre zarte Poesie entfalten. Zuweilen zwar scheint es, als geriete Del Lisos Gesang etwas zu opernhaft und pompös, das Vibrato zu weitschwingend, der Gestus zu unwirsch für eine zarte Schäferin, wie man sie unter den Namen Amaryllis, Oinone, Lydia, Lycoris, Galatea, Nysa, Phyllis, Crocale, Meroë, Lepidina, Hyale, Lycida und so fort imaginiert. Aber das sind Ausbrüche aus einem hohen musikalischen Niveau und sollen einer Virtuosin, wie sie Marina Del Liso ist, gestattet sein. Die nachvollziehbare Dialogizität der kleinen Szenen vollzieht sich zudem über einem soliden, sensibel musizierten Bass, der an den Fähigkeiten der Musiker keinen Zweifel lässt.

Entsprechend gelungen und eine unerwartete Beigabe zu diesem im Text fluchtenden Programm sind die Instrumentalwerke: vier kurze Stücke für Cembalo (Andrea Friggi) und die Cellosonate in F-Dur (Agnieszka Oszanca und Andrea Friggi). Nicht nur sind es willkommene Abwechslungen und Auflockerungen im Kantatenprogramm. Sie zeigen auch, besonders in der zierlichen Cellosonate, das kammermusikalische Niveau, auf dem das Ensemble Stile Galante agieren kann. Mit großer Sorgsamkeit und einem stilsicheren Klanggespür wird hier wenig gehörte Alte Musik an das Licht des Klanges gebracht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Porpora, Nicola Antonio: Aminta - Pastoral-Kantaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pan Classics
1
01.04.2013
EAN:

7619990102859


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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