> > > Rachmaninov, Sergey: Sinfonie Nr. 3
Mittwoch, 30. November 2022

Rachmaninov, Sergey - Sinfonie Nr. 3

Zweischneidig


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Rachmaninoffs Sinfonische Tänze geraten Leonard Slatkin und dem Detroit Symphony Orchestra rhythmisch bewegt und wunderbar spukhaft, die Dritte Sinfonie aber ist spannungslos, schlecht balanciert und dynamisch eingeebnet.

Leonard Slatkin hat sich schon vor langer Zeit für die Sinfonien Sergej Rachmaninoffs eingesetzt. Seine in den späten 1970er Jahren mit dem Saint Louis Symphony Orchestra für Vox aufgenommene Gesamteinspielung gehörte damals zu den wenigen Zyklen der Rachmaninoff-Sinfonien (neben Ormandy und Previn, wenig später auch Ashkenazy). Nun wendet sich Slatkin als Chef des Detroit Symphony Orchestra für Naxos abermals diesen Werken zu. Die vor längerer Zeit erschienene erste Folge mit der Zweiten Sinfonie wurde von der Musikkritik größtenteils positiv aufgenommen. Da muss es – vor allem auch vor dem Hintergrund von Slatkins jahrelangem Umgang mit Rachmaninoffs Orchestermusik – umso mehr überraschen, dass die jüngste Produktion erstaunlich viele interpretatorische Unzulänglichkeiten aufweist.

Vorgelegt hat Slatkin nun die auf Tonträgern beliebte Werkkombination von Dritter Sinfonie a-Moll op. 45 und den Sinfonischen Tänzen op. 45. Mit beiden Werken wird nicht nur die Spielzeit einer CD voll ausgeschöpft, sondern zudem zwei Werke miteinander in Kontakt gebracht, die während Rachmaninoffs amerikanischem Exil entstanden sind und darüber hinaus einige kompositorische Gemeinsamkeiten haben: Im Gegensatz zu den ersten beiden Sinfonien entwickelt Rachmaninoff hier die Themen nicht in weit ausgreifenden Linien, sondern arbeitet mit der Verzahnung relativ kleingliedriger Abschnitte, die den diskontinuierlichen Verlauf entscheidend prägen.

Freilich lässt dieses Verfahren dennoch größere Spannungswellen entstehen – sofern man sie denn zulässt. Slatkin tut das nicht, zumindest nicht in der Dritten Sinfonie. Und so ergibt sich ein bemerkenswert uneinheitliches Bild: Die musikalische Darstellung der Dritten Sinfonie missrät in weiten Teilen, die Sinfonischen Tänze dagegen überzeugen in weiten Teilen. Slatkin hat die Partituren offenbar genau gelesen; die mehrstimmigen Schichtungen lassen oftmals Nebenmelodien oder einfärbende Holzbläsergirlanden stärker hörbar werden als in vielen anderen Aufnahmen. Da erstaunt es, dass in der Klangfarbenmischung des eröffnenden Mottos der Dritten Sinfonie die gestopften Hörner überhaupt nicht zu hören sind. Beim ersten aufrauschenden Tutti-Fortissimo vor Beginn des Hauptthemas drohen dann rüde zu Werke gehende Becken und Große Trommel den Klang unter sich zu begraben, während später dann (in der Überleitungsstrecke vor Eintritt des Seitenthemas) das Becken unterrepräsentiert ist.

Äußerst fragwürdig ist auch die Balance im Seitenthema des Kopfsatzes. Es ist zwar durchaus schön, dass Slatkin die synkopierten Bewegungen in den Holzbläsern als melodischen Kontrapunkt zum Thema im Cello nicht unter den Tisch fallen lässt – aber dass sie prominenter sind als die Cellokantilene stellt die Balance dieser Passage auf den Kopf. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Slatkin zwar stets auf ein flüssiges, mit feinen Rubati ausgestattetes Musizieren setzt, die Musiker aber von einem vollmundigen Espressivo abhält. Richtig aufrauschen dürfen die Celli an dieser Stelle also nicht, weswegen die Holzbläser-Synkopen umso prominenter wirken. Ein wenig scheint es, als lasse Slatkin das technisch versierte Detroit Symphony Orchestra mit angezogener Handbremse spielen. Die Dynamik ist eingeebnet, und wenn sich, wie am Expositionsende des Kopfsatzes, einfach nur dreimal aneinander reiht, was eigentlich beim dritten Mal zur Klimax führen sollte, dann erscheint dieses Stück kleingliedriger, ja bruchstückhafter als es eigentlich ist. Immerhin fängt Slatkin im bewegten Finalsatz ein wenig mehr Feuer.

Im positiven Sinn ganz anders dagegen die Sinfonien Tänze – offensichtlich liegt Slatkin der Drive der tänzerischen Bewegung weitaus mehr. Aber nicht nur die Energie des Tanzes, auch der melancholische Mittelteil des ersten Satzes 'Non allegro' gelingt mit nostalgischer Saxophon-Kantilene sehr bewegend. Hinzu kommt, dass Slatkin die spukhaften Nacht-Stimmungen feinfühlig zum Ausdruck bringt und den Finalsatz in einem Dies-irae-Wirbel sondergleichen gipfeln lässt, der in einem schaudern machenden, ins Nichts verklingenden Tam-tam-Schlag zu Ende geführt wird. Da zeigt Slatkin nicht nur, dass er genau liest, was Rachmaninoff notiert hat, sondern dass er durchaus in der Lage ist, machtvolle Steigerungen in Gang und effektvoll zum Abschluss zu bringen. Warum aber nicht in der Dritten Sinfonie? Das macht die Platte zu einem sehr zweischneidigen Schwert. Die Sternebewertung ist daher als Mittel zwischen anderthalb Sternen für die Dritte Sinfonie und vier Sternen für die Sinfonischen Tänze zu lesen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Rachmaninov, Sergey: Sinfonie Nr. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Naxos
1
01.04.2013
74:19
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
747313305179
8.573051


Cover vergössern

Pizzicato: "Leonard Slatkin sucht nicht das Spektakuläre oder (wie Kirill Petrenko z.B.) die rassige Eleganz in Rachmaninovs Musik, sondern ein Maximum an Klangfülle, an Orchesterfarben, an Transparenz auch, sodass die einzelnen Sätze der Symphonie sich wie ein üppiger Blumenstrauß präsentieren. In den Symphonischen Tänzen geht es dem Dirigenten eher darum, Stimmungsbilder zu entwerfen als die Tanzform in den Vordergrund zu stellen. Das alles ergibt sehr schöne und solide Interpretationen, denen Slatkin seinen ganz persönlichen Charakter aufdrückt."


Cover vergössern

Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Naxos:

blättern

Alle Kritiken von Naxos...

Weitere CD-Besprechungen von Florian Schreiner:

  • Zur Kritik... Ordnende Hand: Interpretatorisch lässt sich Paavo Järvis Einspielungen mit dem Cincinnati Symphony Orchestra einiges abgewinnen. Klanglich gibt es aber bei einem großen Teil erhebliche Mängel. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
  • Zur Kritik... Sattes Fundament: Diese äußerst reichhaltige Sammlung historischer Aufnahmen eines Großteils des Schaffens von Carl Nielsen ist vor allem für jene, die Nielsen aus jüngeren Aufnahmen schon einigermaßen kennen, eine unverzichbare Bereicherung. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
  • Zur Kritik... Wiederentdeckung des Gesangs: Das Ensemble Armoniosa bringt Giovanni Benedetto Plattis Triosonaten zum Funkeln. Mitreißend vom ersten bis zum letzten Ton. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
blättern

Alle Kritiken von Florian Schreiner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Hörgenuss französischer Cello-Konzerte: Daniel Müller-Schott und Alexandre Bloch am Pult des Deutschen Symphonie-Orchester Berlin bieten französische Meisterwerke höchst expressiv als Ganzes und mitreißend in jedem Detail. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Camilla Nylund at her best: Diese 'Tote Stadt' schickt gewiss keine der älteren Aufnahmen aus dem Rennen, ist aber allein schon wegen Camilla Nylund eine lohnenswerte Ergänzung. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Unterhaltungsmusik à la Great Britain : Die siebte Folge der British-Light-Music Serie von Naxos präsentiert die kompositorische Vielfalt von Robert Docker. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2022) herunterladen (5000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Henri Bertini: Nonetto op.107 in D major - La Melancolie - Lento con tranquilezza

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich