> > > Berger, Wilhelm Georg: Viola Concerto; Symphony No. 4
Mittwoch, 1. April 2020

Berger, Wilhelm Georg - Viola Concerto; Symphony No. 4

Kein Viola-Konzert für Nonkonformisten


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Bratschenkonzert von Wilhelm Georg Berger sitzt stilistisch zwischen den Stühlen und gibt sich allzu wohlgefällig. Die kantige Vierte Sinfonie ist da aus anderem Holz geschnitzt.

Für Komponisten mit dem Bekanntheitsgrad eines Wilhelm Georg Berger (1929-1993) ist es fast schon eine posthume Würdigung, wenn ihre Werke es bis in das Repertoire eines internationalen Starsolisten schaffen. Die Rede ist von Nils Mönkemeyer, der mit seinem Viola-Spiel gerade die versammelte Riege der Kritiker in seinem Bann hält. Wer Mönkemeyer kennt, weiß, dass es ihm eine Herzensangelegenheit ist, sich für Viola-Originalwerke – und seien sie noch so unbekannt – mit seiner ganzen Reputation einzusetzen. Wer ihn etwa bei den diesjährigen Weimarer Meisterkursen mit Rebecca Clarkes Bratschen-Sonate gehört hat, weiß, welche Emphase Mönkemeyer bei dieser ambitionierten Mission an den Tag legt. Dass sich der in seinen Interpretationen eher als Nonkonformist geltende Bratschen-Virtuose Mönkemeyer ausgerechnet einem so konventionellen Werk wie dem Bratschen-Konzert des Siebenbürger Sachsen Berger widmet, ist erstaunlich und ganz sicher auch ein Wagnis.

Berger, der sich in den 1950er Jahren zwischen den Stühlen der musikalischen Zeitströmungen wiederfand, ist heute außerhalb von Rumänien fast vergessen. Weder huldigte er dem Expressionismus Hindemithscher Prägung noch dem Serialismus oder der Avantgarde eines Messiaen, noch passte er sich dem Primat des Folkloristischen im sozialistisch-realistischen Gewand an. Bei ihm wird man vielmehr Ohrenzeuge vom Verblühen spätromantischer Klangwelten – oft kombiniert mit einer kaschierten Reihentechnik oder mathematischen Konstruktionsprinzipien.

Dass das Label cpo beim Angebot des ansonsten bei Sony unter Vertrag stehenden Künstlers Mönkemeyer für eine Ausnahme-Aufnahme nicht nein sagen wollte, ist klar. Doch das musikalische Ergebnis überzeugt nicht. Zwar ist das Viola-Konzert ein tiefernstes konzertantes Werk, und Mönkemeyer holt aus ihm alles heraus, was möglich ist. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass Werk und Interpret hier nicht ganz zueinander passen wollen. Mönkemeyer umgarnt das eher unscheinbare Opus förmlich mit seinem ganzen spielerischen Charme, und dennoch bleibt ein eher fader Beigeschmack angesichts eines in seiner Tonsprache heute etwas verstaubt klingenden Werkes, dem einfach die Ecken und Kanten fehlen. Das liegt vor allem am gravitätischen, oft unauffällig grundierenden Orchestersatz, dem Horia Andreescu und die Musiker vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin beim besten Willen nicht mehr abgewinnen können. Lediglich im kurzen 'Larghetto'-Satz blitzt Mönkemeyers kristallines Lagenspiel auf – hier lässt er seine Viola wie ein Cello singen. Letztlich bleibt es dabei: Das Experiment, ein konformistisches Werk mit einem Nonkonformisten an der Bratsche zu kombinieren, scheitert – wenn auch auf hohem künstlerischen Niveau.

Dass Berger wohl eher ein Meister sinfonischen Formats ist, lässt die ebenfalls auf der CD eingespielte packende Vierte Sinfonie des Komponisten erahnen. Ebenso vielschichtig wie abwechslungsreich sprüht dieses Werk geradezu vor musikalischen Ideen, die immer wieder neu geordnet und formuliert werden. Zudem bietet das Werk einiges an orchestralen Oberflächen-Reizen. Der raffinierte Einsatz des Schlagwerks etwa oder klagende Klarinetten-Sequenzen über Gongklängen und ein fast orientalistisches Klangspektrum – all das macht die Sinfonie zu einer faszinierenden Tour de force. Gerade das oft plötzliche Vor- und Zurückfluten von gewaltigem spätromantischen Orchesterklang in aufs äußerste reduzierte kammermusikalische Besetzungen ist sehr ungewöhnlich. Auch die forcierten, stellenweise fast gewalttätigen Schlagzeug-Rhythmen treiben das Werk unaufhaltsam vorwärts. Die Schlusstakte schließlich – ein verkappter Brucknerscher Bläsersatz, aufreizend umspielt von verhallenden Holzbläserrufen – besitzen große meditative Qualitäten und lassen den Hörer letztlich restlos begeistert zurück. Die wunderbar homogene Ausgeglichenheit der Klanggruppen des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin erweist sich hier als Glücksumstand – gepaart mit einem Höchstmaß an Einfühlungsvermögen in diese Musik garantiert sie für eine ebenso elektrisierende wie authentische Interpretation dieses Werks.

Die Sinfonie beweist auch, dass der Riecher von Horia Andreescu für Berger doch richtig war – wenn auch nicht im Falle seines Viola-Konzerts. Wenn diese Beispiel-Interpretation repräsentativ ist, gilt es mit den 21 Sinfonien von Berger noch einen Schatz zu heben. Vielleicht ringt sich ja cpo zu einer Gesamteinspielung der Sinfonien durch. Die Sinfonie Nr. 10 für Orgel und Orchester steht schon ganz oben auf meiner persönlichen Wunschliste.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Berger, Wilhelm Georg: Viola Concerto; Symphony No. 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
1
20.03.2013
072:26
2009
Medium:
EAN:

CD
761203775620


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Berger, Wilhelm Georg
 - Konzert für Bratsche Nr. 1, op. 12 - Allegro moderato
 - Konzert für Bratsche Nr. 1, op. 12 - Larghetto
 - Konzert für Bratsche Nr. 1, op. 12 - Finale. Tema con variazioni
 - Sinfonie Nr. 4, op. 30 - Allegro, meditativo e serioso
 - Sinfonie Nr. 4, op. 30 - Largo, fervido e serioso, a calmo ma fluente


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Dirigent(en):Andreescu, Horia
Orchester/Ensemble:Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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