> > > Delvincourt, Claude: Werke für Violine & Klavier
Donnerstag, 17. Juni 2021

Delvincourt, Claude - Werke für Violine & Klavier

Herbe Schönheit


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ilona Then-Bergh (Violine) und Michael Schäfer (Klavier) demonstrieren ihre Entdeckerfreue mit einer Einspielung von Werken Claude Delvincourts.

Schaut man sich die gemeinsame Diskografie der Geigerin Ilona Then-Bergh und des Pianisten Michael Schäfer näher an, so wird man allerlei Ungewöhnliches entdecken. Wenn es nämlich darum geht, lohnenswerte Kompositionen aus dem Dornröschenschlaf zu holen, um sie dem Licht der Öffentlichkeit zu überantworten, gehören die beiden Musiker zu den wichtigsten und vor allem überzeugendsten Interpreten. Diese leidenschaftliche Entdeckerfreude ist beispielhaft und verdeutlicht, welche Schätze oft noch jenseits des Konzertsaals verborgen liegen, zumal jede neue CD des Duos eine ganze Reihe von Überraschungen mit sich bringt. Dies gilt auch für die neueste Veröffentlichung – wie die übrigen Produktionen bei Genuin erschienen –, die sich dem Schaffen des französischen Komponisten Claude Delvincourt (1888-1954) widmet und wieder einmal die Frage aufkommen lässt, warum zum Teufel es so wenig Geiger gibt, die sich mit diesem faszinierenden Repertoire auseinandersetzen.

Kernstück der Platte ist die selten gespielte Violinsonate aus dem Jahr 1923, deren Beginn unmissverständlich unterstreicht, auf welch hohem Niveau hier musiziert wird: Die Klavierakkorde, von Schäfer zurückhaltend angeschlagen, umkreisen eine modal geprägte Harmonik, über der sich zunächst eine nahezu farblos angestimmte Melodie entfaltet, die Then-Bergh dann – nicht ohne sie jedoch immer wieder in die Zurückhaltung des ersten Erklingens zurückgleiten zu lassen – Schritt für Schritt stärker aufblühen lässt. Dass der Aufbau des Satzes weniger durch seine Stringenz, als durch die Aneinanderkettung atmosphärischer Momente wirkt, nutzen die Interpreten zu einer detailreichen, zwischen melodisch gezeichneten und deklamatorisch angestimmten Abschnitten pendelnden Umsetzung, die sich nahtlos in den übrigen Werkteilen fortsetzt. Der zweite Satz etwa, scherzohafte Elemente beinhaltend, überzeugt durch einen elastischen, voller raffinierter Rubati steckenden Vortrag, der trotz schwierig zu realisierenden Zusammenspiels immer hervorragend ausbalanciert ist; und die klangliche Gestaltung des mit ‚Calme, mystérieux et lontain‘ überschriebenen Abschnitts vor dem raschen 'Animé'-Finale steckt voller farbenreicher Raffinessen, deren Wechsel einen immer wieder aufhorchen lassen.

Die Distanz, die Delvincourt durch kontrolliert eingesetzte Modernismen zu den – immer noch unverkennbaren – impressionistischen Einflüssen schafft, verleiht seiner Musik eine herbe Schönheit, die auch für die 'Boccarerie' (1926), einen fünfteiligen Klavierzyklus von 'Portraits pour le Décaméron', prägend sind. Hier kann Schäfer seine Differenzierungsfähigkeit als Solist unter Beweis stellen: Nahtlos knüpft er dabei an seine zahlreichen Einspielungen von Musik des Fin de siècle an und gestaltet stimmungsvolle Klangbilder von jeweils individueller Charakteristik. Die abwechslungsreiche Folge von Einzelstücken, ein willkommenes Gegenstück zur ambitionierten Sonate, wird in den fünf 'Danceries' für Violine und Klavier (1935) erneut aufgegriffen. Delvincourts stilisierter Rückgriff auf unterschiedliche Tanzformen bietet ein reiches Panorama an Möglichkeiten, denen sich die Interpreten dankbar annehmen und sie – wie etwa den Mittelteil der Bourrée – zu geschliffenen, funkelnden Klangsituationen formen. Mit einem Einzelsatz, der ruhigen 'Contemplation' (1935), schlagen die Interpreten am Ende der CD einen Bogen zum leisen Beginn der Sonate zurück und runden damit ihre außergewöhnliche Interpretation, die wieder einmal das phänomenale Zusammenspiel beider Kammermusikpartner unter Beweis stellt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Delvincourt, Claude: Werke für Violine & Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
01.04.2013
Medium:
EAN:

CD
4260036252712


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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