> > > Kalabis, Viktor: Sinfonien & Konzerte
Montag, 19. November 2018

Kalabis, Viktor - Sinfonien & Konzerte

Ein großer Musikdramatiker


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Viktor Kalabis verstand es wie kaum ein anderer Zeitgenosse, Beklemmung und Resignation in Zeiten des Kalten Krieges differenziert, virtuos und hochdramatisch in Musik zu fassen.

Zu schnell vergisst man, dass Komponisten im 20. Jahrhundert häufig jahrzehntelang einem Brotberuf nachgehen musste, um zu überleben. Das gilt auch für Viktor Kalabis. 1923 in Ostböhmen geboren und in Südböhmen aufgewachsen, konnte er nach dem zweiten Weltkrieg das Konservatorium und die Akademie der musischen Künste in Prag besuchen, um Philosophie, Musikwissenschaft und Dirigieren zu studieren. Als Parteiloser und Ehemann der jüdischen Cembalistin Zusana Ruzickova blieb in der kommunistisch beherrschten Tschechoslowakei jedoch kein Raum für ihn als freischaffenden Komponisten. Daher arbeitete er beim tschechischen Rundfunk, rief u.a. den Kinderwettbewerb "Concertino Praga" ins Leben und setzte sich nach 1989 für das Werk von Bohuslav Martinu ein. Seine wichtigsten Werke entstanden in der Zeit der Unterdrückung und des Kalten Krieges zwischen 1959 und 1983. 2002 erblindete Kalabis, 2006 starb er nach längerer Krankheit.

Posthum zu seinem 90. Geburtstag bietet Supraphon auf 3 CDs einen Einblick in die stilistische Vielfalt des musikhistoriographisch zu einseitig auf den Neoklassizismus festgelegten Komponisten. In seinen Werken finden sich Elemente der Zwölftonmusik und des Serialismus. Anklänge an Bartok und Strawinsky treten ebenso hervor wie an Honegger oder Martinu; nur in seinen Frühwerken dominiert der Volkston seiner Heimat.

Supraphon konzentrierte sich bei der Auswahl auf Symphonien und Konzerte aus der mittleren und späten Schaffensjahre in Einspielungen mit der Tschechischen Philharmonie unter Leitung von Wolfgang Sawallisch, Vaclav Neumann und Jiri Belohlavek, dem Prager Radio Symphonieorchester unter Leitung von Tomas Koutnik, Milos Konvalinka und Viktor Kalabis, dem Prager Kammerorchester unter der Leitung von Viktor Kalabis und dem Bläserensemble der Tschechischen Philharmonie unter Leitung von Milos Formacek.

Unter dem Eindruck der Kuba-Krise und den damit verbundenen steigenden Spannungen im Kalten Krieg komponierte Kalabis die Symponie Nr. 2 'Sinfonia pacis'. Seine "Symphonie des Friedens" ist eine Dauerklage. Ein vereinzelter silbrig scharfer metallischer Ton leitet das Werk ein, gefolgt von einer Flöte, die ein zwölftöniges Thema intoniert. Wenn die weiteren Orchesterinstrumente einsetzen, ist die Stimmung von ahnungsvoller Trauer geprägt und immer wieder durchsetzt von dem einmal eingeführten Zwölftonthema. Mechanisch getrieben hetzen die Streicher durch den zweiten Satz und gestalten ein Klanginferno zum langgezogen Quintolenthema der Bläser. Im dritten Satz intonieren die Streicher in hoher Lage das Zwölftonthema, zunächst unisono, dann quasi fugiert. Die getrillerte chromatische Aufwärtsbewegung im Anschluss verschärft den Eindruck äußerster Spannung, weiter gesteigert durch plötzliche Subitoforte-Tutti-Einsätze zwischen trügerisch stillen Passagen. Versöhnung bietet Kalabis auch nicht im Schlusssatz, der mit donnerndem Fortissimo eindringlichst zur Umkehr mahnt.

Das Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 schrieb Kalabis kurz vor der Symphonie Nr. 2. Es strahlt ebenso vor allem Beklemmung aus. Die ersten Takte sind orchestrales Chaos pur, als welchem sich Petr Skvor im Violin-Solopart windet und überaus virtuos dem zwölftönig inspirierten musikalischen Verlauf folgt. Im zweiten Satz begleiten fahle Staccato-Flöten-Motive das sanft in Sphären sich hochwindende Violinmotiv bis zur Explosion. Pures Aufbegehren in wilder Schönheit kündet musikalisch vom Suizid der Musikwissenschaftlerin Hana Weberova-Hlavsova am Vorabend des Feiertags zur Großen Oktoberrevolution 1958.

Die Symphonie op. 24, entstanden im Sommer 1964, ist ein Variationen-Werk auf ein einfaches Thema stellvertretend für den Menschen am Anfang aller Einflüsse und Schicksalsschläge, die ihn am Ende zu etwas formen, das im Verständnis von Kalabis keine Katharsis zulässt. Gegenüber seiner Frau formulierte Kalabis, der erste Teil biete ein reales, der zweite Teil hingegen ein verzerrtes Spiegelbild. Sein Biograph Jiri Pilka bezeichnete es als "kafkaeskes Entsetzen". Opus 25 ist ein Konzert für ein Orchester im bewussten Verständnis einer Zusammensetzung aus vielen Solisten. So bestellte es Karel Ancerl. Kalabis gelingt es nicht nur, jede einzelne Instrumentengruppe technisch und interpretatorisch auf das äußerste herauszufordern, sondern schafft musikalische Charaktere von filmischer Qualität. Der Anfangssatz ist hoch explosiv und pulsierend, der zweite Satz eine Meditation von schmerzlich schöner Eindringlichkeit, der dritte Satz ist dominiert von einer minutiös ausgefeilten Kleingliedrigkeit der Textur. Im Schlussatz lösen sich unterschiedlichste Charaktere in rasantem Tempo voneinander ab und münden in einen überraschend positiven Schluss.

Die Symphonie Nr. 3 op. 33 ist vom "Kalabis-Schema" und dem "Kalabis-Dramatiker" bestimmt. Formal dreisätzig angelegt, schildert Kalabis in den von ihm bezeichneten Sätzen 'Prolog', 'Drama', 'Aria' einmal mehr seine Auffassung von Beklemmung und endgültiger Resignation. 1973 durfte Kalabis seine Frau, die Cembalistin Zusana Ruzickova, auf ihrer Tournee durch Frankreich begleiten. Im Nachgang komponierte er ein Konzert für Trompete und Orchester 'Le Tambour de Villevielle' op. 36, inspiriert von einer kleinen Gipsdarstellung eines alten französischen Trommlers. Kalabis erzählt im Solopart von Kriegsruhm, Glanz und Tragödie, aber auch von Komödiantischem und Absurditäten und fordert den Solisten zu extremer Virtuosität und Expressivität heraus, die Miroslav Kejmar souverän bietet.

Vergeblich bat seine Frau um ein fröhliches Konzert, als Kalabis das Konzert für Cembalo und Streichorchester op. 42 komponierte. In der vorliegenden Einspielung auch ein Beleg ihrer künstlerischen Perfektion spiegelt es noch eindringlicher Kalabis mandraartig vorgetragene, aber in neue Variationen gekleidete Klage, die, in rasende, aggressiv repetierende Motive übersetzt, einem Spiel um das nackte Leben gleich kommen.

Sein zweites Violinkonzert widmete Kalabis Josef Suk, der auch auf der Aufnahme zu hören ist. Kalabis verstand sein Opus 49 als Replik auf sein erstes Violinkonzert und packte in die knapp 16minütige einsätzige Fassung seine Sicht auf den Menschen, der sich die Frage nach den Schicksalswendungen in einzelnen Phasen seines Lebens stellt. Ein ungewohntes wie apartes Klangverhältnis erzeugte Kalabis in seinem Konzert für Klavier und Blasinstrumente op. 64. Nicht nur im Fagott sah er "einen guten Gesellschafter, der keine Unterhaltung verdirbt" und forderte im Concertino für Fagott und Blasinstrumente op. 61 bewusst eine Mitwirkung auf die Gestaltung. So entstand eine mustergültige Interpretation. Das gilt jedoch für alle Einspielungen in dieser CD-Sammelbox.

Im Booklet ist in englischer, deutscher und tschechischer Sprache viel über den Komponisten, seine Zeit und seine enge Zusammenarbeit mit den Interpreten zu lesen. Hinzu kommen aufschlussreiche Hinweise zu jedem Werk. Eine gelungene Würdigung dieses vielerorts unbekannten Komponisten und Musikers.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Kalabis, Viktor: Sinfonien & Konzerte

Label:
Anzahl Medien:
Supraphon
3
EAN:

099925410926


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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