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Samstag, 28. Mai 2022

Liegti, György - Volumina - Orgelwerke

Abwechslungsreiche Klangreise


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Organist Dominik Susteck lässt sich mit Werken György Ligetis hören und überrascht mit einer ebenso geglückten wie fantasiereichen Darstellung.

Während der vergangenen Jahre hat sich der Organist Dominik Susteck als erfreulicher Lichtblick auf dem Feld der avancierten zeitgenössischen Orgelmusik erwiesen. Seine letzten CDs, eine Orgelversion von Karlheinz Stockhausens 'Tierkreis' (2011) und eine Einspielung von Wolfang Rihms Orgelwerken (2012) zeugen vom glücklichen Zusammentreffen eines faszinierenden Instruments – der Orgel in der Kunst-Station Sankt Peter Köln mit ihren originellen und ungewöhnlichen Möglichkeiten der klanglichen Disposition – und eines klugen Kopfes, bei dem sich exzellente technische Fähigkeiten, Neugier und Experimentierfreude miteinander verbinden. Dies sind auch die idealen Voraussetzungen für Sustecks jüngste CD, die sich – wie ihre Vorgängerinnen in exzellenter, räumlich sehr gut ausgehörter Klangqualität bei Wergo erschienen – den Orgelwerken György Ligetis widmet.

Kenner dieses für die Entwicklung des zeitgenössischen Orgelspiels immens bedeutsamen Repertoires werden sich nun – nicht ganz zu Unrecht – fragen, wie man mit drei Kompositionen, deren Gesamtdauer kaum die 30-Minuten-Grenze erreicht, eine ganze CD füllen kann: Hat doch Ligeti neben den wuchtigen 'Volumina' (1961/62, revidiert 1966) und seinen 'Zwei Etüden' (1967/69) mit den Titeln 'Harmonies' und 'Coulée' keine weiteren Werke für die ‚Königin der Instrumente‘ geschrieben. Ein Coup besonderer Art ist Susteck daher mit seiner für Orgel eingerichteten Fassung von Ligetis frühem Klavierzyklus 'Musica ricercata' (1951-53) gelungen, mit welcher die CD eröffnet wird: Hier entsteht etwas ganz Eigenes, das dennoch in seiner Diktion typischer Ligeti geblieben ist. Erstaunlich ist, welche Dimensionen die nach recht strengen Prinzipien komponierten Stücke hinzugewinnen, wie die überlegte Registrierung für eine Flexibilisierung des Klangs sorgt und damit der oftmals strengen Erscheinungsweise der Klavierfassung eine ganz andere Richtung verleiht. So entsteht letzten Endes eine sehr farbenreiche Interpretation, in der auch ungewöhnliche Register wie die Glocken gewinnbringend und musikalisch sinnvoll eingesetzt werden.

Diesem Ausflug ins frühe Schaffen Ligetis schließen sich die übrigen Orgelstücke in fesselnder Wiedergabe an. Dass Susteck sein Handwerk versteht und sich seine Lesarten der Werke nicht hinter anderen Einspielungen verstecken müssen, belegen einerseits der versierte Umgang mit den ungewöhnlichen Spielaktion und Aufführungsvorschriften in 'Volumina', andererseits aber auch die Umsetzung der Etüden: Insbesondere 'Couleurs' zeichnet der Organist als suggestive Farbstudie, indem er die feinen Veränderungen und farblichen Verästelungen im schrittweise sich steigernden Verdichtungsprozess als geradezu orchestrale Wirkung – man mag dabei ruhig an Ligetis Orchesterwerk 'Atmophères' denken – entfaltet. Darüber hinaus hat Susteck die CD aber auch mit einer eigenen Orgelimprovisation mit dem Titel 'Sprachsignale' (2012) bereichert, in deren Rahmen er einige der in Ligetis Musik aufbewahrten Einflüsse logisch weitergedacht hat.

Insbesondere die Auseinandersetzung des Komponisten mit Sprache und deren Simulation durch sprachnahe musikalische Artikulationen, wie sie einerseits durch Integration von Elementen eines folkloristisch-deklamatorischen Stils in die 'Musica ricercata' eingeflossen sind, andererseits aber auch von Ligeti während seines Aufenthalts im Studio für elektronische Musik des WDR Köln in der elektronischen Komposition 'Artikulation' (1957/58) realisiert wurden, haben den Organisten zu einem in sich stark differenzierten Triptychon inspiriert, das auf unterschiedliche Weise die Möglichkeiten einer Musikalisierung sprachähnlicher Laute reflektiert und dabei zwischen feinen Texturen und dichten Klangballungen pendelt. Dadurch rundet sich, über Ligeti hinausweisend, diese in höchstem Maße geglückte Produktion zu einer abwechslungsreichen Klangreise, die zudem noch durch einem ganz ausgezeichneten Booklettext Ingo Dorfmüllers bereichert wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Liegti, György: Volumina - Orgelwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
12.04.2013
77:51
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228675726
WER 67572


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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