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Sonntag, 16. Januar 2022

Rachmaninoff, Sergei - Klavierwerke

Suchscheinwerfer


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Alexei Volodins Rachmaninoff-Platte ist in Teilen vorzüglich gelungen, doch scheinen manche Stimmen wie auf dem Silbertablett präsentiert, anderes geht unter.

Zu den auserlesenen russischen Pianisten der jungen Generation gehört neben Daniil Trifonov, Nikolaj Tokarev oder Igor Levit auch Alexei Volodin. Über das Stadium des Talents ist der 1977 in St. Petersburg geborene Volodin weit hinaus. Der erste Platz beim Géza-Anda-Wettbewerb 2003 ebnete ihm den Weg für eine internationale Karriere: Aus dem Talent ist ein Künstler höheren Ranges geworden. Die Frage, ob man ihn bereits einen reifen Künstler nennen darf, wirft eine Neuaufnahme auf, die eben bei Challenge erschienen ist. Die dritte Einspielung für das holländische Label rückt die Musik von Sergej Rachmaninoff ins Zentrum. Um zwei Hauptwerke – die späten Corelli-Variationen op. 42 und die Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 36 – gruppieren sich in einem ersten Block eine Auswahl von Préludes, in einem zweiten einige 'Études-tableaux' – damit ist die CD randvoll gepackt.

Bereits in einem älteren Mitschnitt der 'Moments musicaux' op. 16 (bei Live Classics) wurde deutlich, dass Alexei Volodin für die Musik von Sergej Rachmaninoff ein Händchen hat. Mit kraftvoller Pranke meißelt er Thematisches heraus und spürt auch der Mehrstimmigkeit auf überzeugende Weise nach. Volodin verfügt über eine virtuose Technik, noch ansprechender allerdings ist sein Sinn für farbliche Abstufungen. Das zeigt sich in vorliegender Einspielung schon im Thema der Corelli-Variationen. Im Tempo bedächtig führt Volodin das Thema zu einem stetigen Aufleuchten, um gegen Schluss den voluminös eingefangenen Klavierklang wieder ins Dunkle zu führen. So starke Farbunterschiede bereits in wenigen Sekunden – das lässt befürchten, die lokale Konzentration aufs Detail lenke von dem immensen Spannungsbogen des knapp 20-minütigen Werks ab. Glücklicherweise tritt das aber nur teilweise ein. Volodin fasst Variationen in ihrer ähnlichen Stimmung und Faktur zusammen und markiert auf diese Weise Gravitationszentren des weit gespannten Verlaufs.

Allerdings hebt er innerhalb einzelner Variationen Phrasen mit temperamentvoll gestalteter Agogik aus dem Tempofluss deutlich heraus; das lenkt den Fokus immer wieder auf Einzelheiten. Gleiches gilt für einzelne Stimmen des dichten Klaviersatzes, die Alexei Volodin wie mit einem Suchscheinwerfer ausleuchtet, dabei aber den Rest im Dunkeln liegen lässt (nicht selten auch mit recht viel Pedal). Es gibt immer wieder thematische Prägungen, die ihn in besonderer Weise zu interessieren scheinen. Treten sie im Bass auf, werden sie von dem Pianisten mitunter eckig und wuchtig herausgestanzt, sowohl in den Corelli-Variationen wie auch in der b-Moll-Sonate, die hier in ihrer überarbeiteten (gegenüber der ersten Fassung kürzeren) zweiten Version aus dem Jahr 1931 erklingt. In den Corelli-Variationen ist manches wunderbar gespielt, aber immer wieder gibt es diese grell ausgeleuchteten Passagen, die sich in den größeren Zusammenhang nicht recht einordnen wollen.

In dem berühmt-berüchtigten cis-Moll-Prélude aus op. 3 erstellt er mit eiserner Pranke ein Portal, das er schier endlos verklingen lässt, dann formt er das gravitätische Thema weicher, in der Überlagerung von zart schattierter Oberstimme bekommt es im Bass dann wieder ein (gut dosiertes) Klirren. Solche Anschlagsnuancen zeigen sich auch im h-Moll-Prélude op. 32 Nr. 10, das sich in ebenso weiträumigen Steigerungszügen entfaltet wie die Nr. 3 c-Moll aus den 'Étude-tableaux' op. 33. Auch hier kehrt Alexei Volodin manche Einzelstimme an die Klangoberfläche, doch verträgt die kleinere Form derlei Spotlights leichter.

Mit spieltechnischer Brillanz und zündender Impulsivität nähert sich Volodin der b-Moll-Sonate. Auch hier ist es der vollmundige, im oberen Register strahlende, aber auch in Richtung stahlhart und gläsern bis eisig modulierte Klang, der den wuchtigen Zugriff unterstreicht. Von bebender Energie ist der 'Allegro molto'-Schlusssatz, während Volodin im Mittelsatz eine beachtliche Steigerung inszeniert, die in einem mit großzügigem Pedaleinsatz ermöglichten surrealen Cluster kulminiert.

Es zeigt sich in seinen Rachmaninoff-Deutungen, dass Alexei Volodin (noch) ein wenig zu sehr Einzelstellen ausleuchtet, die aus dem Gesamtzusammenhang herausstechen. Werden diese Details in den kommenden Jahren stärker integriert, wird man von Volodin noch viel hören. Denn seine manuellen Fähigkeiten, besonders im Hinblick auf klangfarbliche Schattierungen, sind immens.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rachmaninoff, Sergei: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
1
15.02.2013
Medium:
EAN:

CD
608917258721


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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