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Samstag, 25. Juni 2022

Gander, Bernhard - Monsters and Angels

Rotzfrech – und ziemlich unterhaltsam


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label Kairos widmet dem österreichischen Komponisten Bernhard Gander erneut eine hervorragende Porträt-CD.

Dies ist nach der Produktion ‚Bunny Games‘ aus dem Jahr 2007 die zweite CD, die das Label Kairos dem Komponisten Bernhard Gander gewidmet hat. Und wie vor sechs Jahren zeigt bereits der Titel ‚Monsters and Angels‘, dass der 1969 geborene Österreicher mit seinen Vorstellungen zu jenen recht wenigen Künstlern gehört, die der Neue-Musik-Szene und ihrem sauertöpfigen Ernst das Lachen als Prinzip entgegenhalten. Rotzfrech ist das manchmal – und dabei ebenso musikalisch erfrischend wie unterhaltsam: Denn hier bricht sich eine ästhetische Haltung mit ironischem Potenzial Bahn, die sich aus einem nicht nachlassenden Interesse an Trash-, Pop- und Alltagskultur speist, aus Quellen also jenseits des eng abgezäunten Ästhetik-Ghettos, deren sich Gander mit einer ihm eigenen Mischung aus Zwanglosigkeit und strukturellem Denken bedient.

Die ebenso bunte wie musikalisch vitale, anspielungsreiche und vielseitig besetzte Werkschau hat es auf jeden Fall in sich und liefert einen prägnanten Querschnitt aus den Kompositionen der jüngeren und jüngsten Zeit. Ganz unverstellt zeigt sich Ganders Ansatz etwa in der Widmung ‚dedicated to the horror genre‘, die er seiner Komposition 'horribile dictu' für Stimmen, Streicher und Posaunen (2007) hinzugefügt hat, um sie dann auf klanglicher Ebene als Sprachgewirr zu gestalten, dessen Textgrundlage eine Collage von aneinandergefügten Passagen aus Horrorfilmen bildet. Die Neuen Vocalsolisten Stuttgart, das Ensemble Resonanz und das composers slide quartet unter Leitung von Titus Engel legen sich richtig ins Zeug, um das Werk augenzwinkernd und unter parodierendem Bezug auf Ausdrucksmittel des Horrorgenres herüberzubringen – und man dankt ihnen diesen Einsatz gern ob des plastischen Ergebnisses.

Dass der Komponist Textsplitter aus Onlineforen und Politikerinterviews jedoch ebenso behandelt, lässt sich in 'wegda! ' für Ensemble und Sopran (2011) anhand aktueller Sätze zur österreichischen Asylpolitik vernehmen: Mit ihrem zwischen Lakonik und Exaltiertheit angesiedelten Vortrag gibt die Sopranistin Ruth Rosenfeld zu den Klängen des österreichischen ensembles für neue musik unter Leitung von Titus Engel die Aneinanderreihung von Textfloskeln in einer Mischung aus Gesang und Rezitation wieder, während die Musik hierzu kräftige Akzente und Einwürfe setzt. Und die übrigen Werke stehen den Wirkungen dieser beiden Kompositionen in Nichts nach: Kraftvoll und mit Wucht agieren die Musiker des Arditti Quartet im ständig von Bewegungsverläufen durchzogenen Streichquartett 'khul' (2010), dessen Name als Permutation der Superheldenfigur Hulk zu lesen ist. Und auch in seiner Komposition 'schöne worte' für Klavier, Violine, Viola und Violoncello (2007), umgesetzt von Hsin-Huei Huang (Klavier), Irvine Arditti (Violine), Ralf Ehlers (Viola) und Lucas Fels (Violoncello), frönt Gander dem Hang zu gestenreichen Bewegungsgeflechten, die sich unter den Händen der Musiker zu schwindelerregend scharfkantigen Klangwirbeln fügen.

Den Rahmen bilden schließlich jene beiden Kompositionen, die der CD ihren Namen verleihen und zugleich die größten Besetzungen umfassen: 'dirty angel' für Akkordeon, Flügelhorn und Orchester (2010), gemeinsam dargeboten von Krassimir Sterev (Akkordeon), Anders Nyqvist (Flügelhorn) und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung Susanna Mälkki, erweist sich als brillant instrumentiertes Stück voller Überraschungen, während 'lovely monster' für Orchester (2009), auf der Basis von Material aus dem Iron-Maiden-Song 'Number of the Beast' komponiert, vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Peter Eötvös zu einer rauschhaften Auseinandersetzung mit Rhythmen und Glissandi geformt wird. Unter solchen Bedingungen bereitet es einfach großen Spaß, diese CD zu hören: Die musikalischen Details, die gelungenen Umsetzungen, die farbigen Besetzungen und Ganders Offenheit gegenüber Anregungen unterschiedlichster Art machen die Produktion zu einem erfreulichen und sehr unterhaltsamen Neue-Musik-Juwel.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gander, Bernhard: Monsters and Angels

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
15.03.2013
Medium:
EAN:

CD
9120010281846


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