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Freitag, 7. August 2020

Weill, Kurt - Zaubernacht

Weills Kinderpantomime


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kurt Weills wiederentdeckte Musik zu einer Kinderpantomime gewährt einen Blick auf seine frühen Jahre. Die gelungene Ersteinspielung klingt idiomatisch und macht neugierig auf eine Bühnenaufführung.

Es gehört zu den glücklichen Umständen der Musikgeschichte, dass verschollen geglaubte Werke überraschend wieder auftauchen. So auch das Orchestermaterial zu Kurt Weills einaktiger und einstündiger Kinderpantomime 'Zaubernacht', die der 22-jährige Komponist am 18. November 1922 im Berliner Theater am Kurfürstendamm zur Uraufführung gebracht hatte.

Idee und Szenario dieses Kinderspektakels stammt vom russischen Theatermacher Wladimir Boritsch, der die Pantomime in einer ersten Fassung 1919 in Vilnius auf die Bühne gebracht hatte. Mit dem noch kaum bekannten, jungen Kurt Weill fand er 1922 in Berlin schließlich einen Komponisten, dessen musikalische Herangehensweise an das Stück er für gut befand. Weill, der bei Engelbert Humperdinck studiert hatte und seit Ende 1920 in Berlin einer der fünf Schüler Ferruccio Busonis war, schrieb eine durchgängige Musik, in der freilich einzelne Nummern wie Märsche, Walzer oder eine historisierende Gavotte auszumachen sind. Den beschränkten Aufführungsbedingungen geschuldet, instrumentierte er die Musik für ein neunköpfiges Ensemble mit ungewöhnlicher Besetzung (Klavier, Schlagwerk, fünf Streicher, Flöte und Fagott). Die Premiere war erfolgreich, die Kritiken positiv. Der Rezensent des Berliner Börsen-Couriers etwa lobte den Aufbau, die Farbigkeit und Belebtheit der Musik.

Mit Boritsch gelangten das Stimmenmaterial und die Partitur nach New York für Aufführungen, die dort 1925 unter dem Titel 'Magic Night' stattfanden, danach verlieren sich die Spuren. Weills Material verschwand vermutlich bei seiner Flucht aus Nazi-Deutschland. Übrig blieb eine autographe Klavierfassung, die Weill für die Berliner Proben angefertigt hatte sowie die für großes Orchester gesetzte 'Orchestersuite aus der Kinderpantomime Zaubernacht' op. 9, die 1923 in Dessau zur Uraufführung kam und deren Titel Weill bald in 'Quodlibet' op. 9 änderte. Auf Grundlage des Klavierauszugs entstand Ende der 1990er Jahre eine Rekonstruktion, die auch zur Aufführung kam und von der es eine Aufnahme mit Kölner Kräften gibt.

2005 entdeckte man dann an der Yale University in einem vergessenen Tresor in der Bibliothek das Originalmaterial, das nun der Erstaufnahme der Originalfassung mit dem Arte Ensemble zugrunde liegt. Leider fehlt dem Beiheft eine Handlungsangabe; lediglich Hinweise lassen erschließen, dass eine Fee nächtens Spielzeug in einem Kinderzimmer zum Leben erweckt. Das erinnert natürlich an Maurice Ravels Einakter 'L’enfant et les sortilèges' (der allerdings erst 1925 uraufgeführt wurde) und ein bisschen auch an Josef Bayers Ballettklassiker 'Die Puppenfee' (1888).

Tatsächlich beginnt Weills 'Zaubernacht' mit einem Mädchen und einem Jungen, die einschlafen. Eine Fee erweckt darauf mit einem Lied um Mitternacht Spielzeug und Märchenfiguren zum Leben (mit Weills Song-Stil hat das freilich noch nichts zu tun). Die beiden Kinder werden Teil des nächtlichen Geschehens, bei dem zum Beispiel H.C. Andersens Zinnsoldat dabei hilft, Hänsel und Gretel zu retten. Am Ende wird die böse Märchenhexe von allen gejagt. Als die Fee verschwindet, fallen die Kinder wieder in ihren Schlaf zurück, ihre Mutter kommt ins Zimmer uns sieht nach ihnen. So jedenfalls liest sich die knappe Zusammenfassung, die David Drews 1987 in seinem ‚Weill Handbook’ ohne Kenntnis des erst später gefundenen Materials gab. Nun ist es schwer, der leitmotivgesättigten Partitur, die offensichtlich sehr illustrativ angelegt ist, in ihren 25 Einzelabschnitten zu folgen, wenn man die Handlung nicht verfolgen kann. Und so ist die Wirkung dieser Aufnahme leider begrenzt, fehlt doch eine entscheidende Komponente für das Verständnis der Komposition.

Was bleibt, ist also eine jener typischen kleinteiligen Kompositionen für Kammerensemble, die in den Zwanziger Jahre häufiger anzutreffen sind. Und so klingt es denn immer wieder auch nach diesen Vorbildern: Hindemiths Erste Kammermusik, Schrekers Tanzmusik, Einflüsse der französischen Gruppe Les Six, aber auch Mahler und Busoni lugen hervor. Nur gelegentlich hört man schon den frechen Kurt Weill, der sechs Jahre später mit der 'Dreigroschenoper' einen Sensationserfolg haben wird. Trotzdem, die Partitur wirkt stilistisch geschlossen und hat – vor allem mit den beiden Märschen und Walzern, aber auch einem Foxtrot – Eingängiges zu bieten.

Im warmen, räumlichen Klang der Aufnahme hört man diese Musik gerne an, zumal die aus Solisten der NDR Radiophilharmonie stammenden Instrumentalisten die Partitur mit merklichem Einfühlungsvermögen angehen und in ihren vielfältigen Solopassagen ebenso zu überzeugen wissen wie in den diversen Mischungen der Farben, die aus den von Weill geschickt inszenierten ungewöhnlichen Instrumentenkombinationen entstehen. Die Motive sind klar herausgearbeitet, vieles klingt plastisch und die beständigen Tempo- und Rhythmuswechsel sorgen für die nötige Lebhaftigkeit. Der theatrale Moment, der auch spontanes Reagieren beinhaltet, fehlt freilich. Dennoch ist es eine idiomatische Interpretation, die Vergnügen bereitet. Lediglich die beiden Lieder der Fee fallen etwas ab. Ania Vegry ist nur schwer verständlich und forciert ihren leichten Sopran zu sehr; das ist wenig feenhaft. Insgesamt ist diese Veröffentlichung aber eine wichtige Ergänzung zum frühen Weill’schen Oeuvre und der Musik Berlins in den Zwanziger Jahren.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Frank Fechter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Weill, Kurt: Zaubernacht

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.02.2013
Medium:
EAN:

CD
761203776726


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Weill, Kurt
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Andante non troppo
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Lied der Fee. Ziemlich rasch
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Allegro molto
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Langsamer Walzer
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Allegro
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Zögernd
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Molto vivace
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Andantino
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Allegro giocoso
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Die Achtel etwas schneller als vorher die Viertel
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Molto agitato
 - Zaubernacht: Kinderpantomime in einm Akt - Moderato, molto misterioso


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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