> > > Dvorak, Antonin: Sinfonie Nr. 9 op. 95: Aus der Neuen Welt
Dienstag, 2. März 2021

Dvorak, Antonin - Sinfonie Nr. 9 op. 95: Aus der Neuen Welt

Erregte Reise: Dvořáks böhmische Prärie


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Andris Nelsons macht sich mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf zu einer sehr energiegeladenen Reise in die Neue Welt - mit Dvořáks Symphonie Nr. 9. Als Zugabe gibt's das 'Heldenlied' op. 111.

Man kann natürlich fragen: Braucht die Welt noch eine CD-Einspielung von Dvořáks Symphonie Nr. 9? Es gibt so viele hervorragende Aufnahmen dieses Meisterwerks aus dem Jahr 1893, sowohl historische als auch neuere in digitalem Supersound, dass man als Katalog-Newcomer schon gute Nerven und überzugende interpretatorische Argumente braucht, um sich neben der Konkurrenz erfolgreich positionieren zu können. Die vorliegende Aufnahme mit Andris Nelsons ist ein Mitschnitt aus dem Herkulessaal in München vom Dezember 2010, die vor allem durch unüberhörbaren Drive besticht. Nelsons liebt es offensichtlich, ‚Dvořáks böhmische Prärie‘ (wie es im Booklet so schön heißt) mit starken Kontrasten und lustvoll-leidenschaftlichen Akzenten zu dirigieren, vor allem aber auch ziemlich rasant – was mir besonders im Scherzo ('Molto vivace') auffiel. Dieses Aggressiv-Drängende der Interpretation ist nicht ohne Reiz, genauso wie der teils sehr innige Streicherklang, den Nelsons dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks immer wieder entlockt, ein Klang, dem man einen gewissen ‚Seelenton‘ attestieren kann, der wunderbar zu Dvořák passt.

Beim wiederholten Hören fiel mir jedoch auf, dass ich mich immer stärker nach den ruhigeren klassischen Aufnahmen eines Kubelik & Co. zurücksehnte, besonders im erwähnten Scherzo und Finale ('Allegro con fuoco'). Denn die Hochdruck-Interpretation wirkte auf mich – trotz vieler wunderbarer Details – irgendwann ermüdend. Außerdem gehen nicht wenige der wunderbaren Details verloren bzw. kommen nicht voll zur Geltung, wenn sie immerzu unter Dampf produziert werden oder von Dampf überschattet werden.

Dem generellen Hochdruck steht das sehr intim gespielte 'Largo' gegenüber, das ungeachtet aller hervorragenden Solopassagen nicht den poetischen Zauber verbreitet, den es bei anderen Dirigenten hat; es fehlt Nelson scheinbar der Mut zum Schmelz, zum großen elegischen Atem, in dem all die Details gebündelt werden. Dieses wunderbare Wiegenlied nach einer Pseudo-Indianerweise blüht – in meinen Ohren – an den entscheidenden Stellen einfach nicht auf, wie beispielsweise in der Aufnahme von Klaus Tennstedt mit den Berliner Philharmonikern aus dem Jahr 1984, ebenfalls digital.

Was heißt das alles nun in Bezug auf die Eingangsfrage? Selbstverständlich braucht niemand, der bereits eine Lieblingsaufnahme (oder mehrere) der 'Symphonie aus der Neuen Welt' hat, diese BR-Klassik-CD als ergänzendes ‚must have‘. Es gibt keine interpretatorischen oder klanglichen Neuerungen, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Wer allerdings eine rasant und leidenschaftlich musizierte heutige Aufnahme der Neunten Symphonie als erste Begegnung mit dem Werk sucht, der wird mit dieser CD hervorragend bedient. Sie gibt Zeugnis einer funkensprühenden Begegnung zwischen dem lettischen Maestro und dem bayerischen Luxusklangkörper, der hier viel Charakter in allen Instrumentengruppen demonstriert.

Und: Als Bonus bietet die CD einen Mitschnitt von 2012 aus der Philharmonie im Gasteig mit dem 20-minütigen 'Heldenlied', einer symphonischen Dichtung, die vier Jahre nach der Neunten Symphonie entstand und 1898 von den Wiener Philharmonikern unter Gustav Mahler uraufgeführt wurde. Das Werk verströmt nicht den unwiderstehlichen Charme der Neunten, weil es nicht dessen klare Struktur hat, wie ja überhaupt Dvořáks Symphonische Dichtungen nie die Popularität seiner Symphonien oder Symphonischen Tänze erreicht haben – oder die von Liszts Vorbildern (von Strauss ganz zu schweigen). Dennoch beeindrucken auch hier die Streicher mit ihrem sehr erdigen und seelenvollen Ton. Und das Blech darf sich fulminant austoben – was von den Mikros des Bayerischen Rundfunks blenden eingefangen wird. In den finalen Presto-Passagen geht wirklich die Post ab!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorak, Antonin: Sinfonie Nr. 9 op. 95: Aus der Neuen Welt

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BR-Klassik
1
18.03.2013
Medium:
EAN:

CD
4035719001167


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 150 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm konnte der Bayerische Rundfunk einen erfolgreichen, externen Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Spotify u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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