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Samstag, 3. Dezember 2022

Bruch, Max - Schottische Fantasie op. 46

Zirkularatmung


Label/Verlag: Tudor
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Guy Braunsteins Auseinandersetzung mit Bruch ist vor allem wegen der 'Schottischen Fantasie' reizvoll. Der Solist gestaltet äußerst weit gespannte Bögen, doch hat man den Eindruck, er atme nur in Pausen.

Guy Braunstein ist als Konzertmeister der Berliner Philharmoniker bekannt. Seit dem Jahr 2000 wirkte er in dieser Position, in diesem Jahr wird er seinen Schwerpunkt auf solistische und kammermusikalische Auftritte legen und sich verstärkt dem Dirigieren zuwenden. Bereits während seiner Konzertmeister-Zeit ist Braunstein als Solist mit seinem damaligen Orchester sowie manch anderem Klangkörper hervorgetreten. Nun reüssiert er auch auf dem Tonträgermarkt als Violinsolist – mit einer der Musik von Max Bruch gewidmeten Aufnahme. Sie ist als hybride SACD bei dem schweizerischen Label Tudor erschienen, dem Hauslabel der Bamberger Symphoniker, die hier unter der Leitung von Ion Marin musizieren.

Natürlich darf hier Bruchs Dauerbrenner – das Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26 –, dem der Komponist später selbst kritisch gegenüberstand, nicht fehlen. Weitaus interessanter ist allerdings Bruchs sogenannte ‚Schottische Fantasie‘ op. 46 für Violine und Orchester. Der Komponist selbst nannte das Werk ‚Schottisches Konzert‘, was nicht nur durch die äußeren Dimensionen des Werks gerechtfertigt ist. Das Charakteristische des Werks bringt allerdings sein originaler Titel deutlicher zur Geltung: Das Pablo de Saraste gewidmete Stück heißt eigentlich ‚Fantasie (Einleitung – Adagio – Scherzo – Andante – Finale) für die Violine mit Orchester und Harfe unter Benutzung schottischer Volksmelodien‘. Weitaus stärker als so manches von schottischer Landschaft und Bardenlyrik inspirierte Werk des 19. Jahrhunderts wurzelt Bruchs Fantasie in der volksmusikalischen Tradition; es tauchen mehrere Volksweisen auf, die entweder – wie in der langsamen Einleitung – in Umrissen angedeutet werden oder – wie im Scherzo – eine durchführungsartige Verarbeitung erfahren; dazu gibt es rustikal-archaische Bordunquinten und eine groß angelegte Steigerung von dem dunkel dräuenden, mit Beckenklang unterstützten Trauermarsch-Beginn bis zum rhythmisch und melodisch zünftigen Finale.

Guy Braunstein verfügt über die nötige technische Sicherheit, um den fordernden Solopart bravourös zu meistern. Er ist nicht nur den strichtechnischen Herausforderungen gewachsen, sondern agiert auch in den zahlreichen mehrstimmigen Passagen sicher in der Intonation. In der Ausformung der Solostimme konzentriert er sich ganz auf ein bruchloses Legato und formt Bögen von großer Spannweite – zu großer, möchte man sagen. Wenn man unter einem kantablen Vortrag versteht, Melodien auf dem Instrument so zu ‚singen‘, wie ein Sänger sie gestalten würde, so kann Guy Braunsteins Geigenspiel hier nicht kantabel genannt werden – außer der imaginäre Sänger, an dem er sich orientiert, verfügte über eine Zirkularatmung: Guy Braunstein atmet in seinem frei strömenden Melos fast nie; Momente des ruhevollen Ausatmens und Abschließens von Phrasen finden sich nur bei Pausen. Ansonsten zieht er Linien, die kein Sänger zu singen vermag.

Hinzu kommt ein stets ein wenig zu sehr abgesicherter Ton, der weder im Dynamischen noch im Timbre wirklich auf die risikoreiche Suche nach Färbungen geht. Besonders in der ‚Schottischen Fantasie‘ wären an einigen Stellen durchaus fahle, dem Trauergestus entsprechende Schattierungen denkbar, doch Guy Braunstein bleibt hier bei rundem, stets hellen Klang, der mit vergleichsweise schnellem, eng oszillierendem Vibrato ausgestattet ist. Allerdings führt Braunsteins künstlerisch konsequenter Zugriff natürlich auch dazu, dass die liedhaften Themen in ihrer ganzen melodischen Schönheit auch wirklich zur Geltung kommen. Das gilt nicht zuletzt für den langsamen Mittelsatz des g-Moll-Konzerts und in noch größerem Maße für die Romanze F-Dur op. 85, eigentlich für Viola und Orchester, die in einer vom Solisten arrangierten Fassung schlichtweg ergreifend schön gespielt wird.

Die Bamberger Symphoniker machen ihrem Ruf als einer der international exzellenten Klangkörper alle Ehre. Vor allem dunkle Piano-Schattierungen erklingen mit dunkel samtenem Streicherklang und rundem Blech, auch die Holzbläser faszinieren mit satten Brokatfarben. Allerdings ist das Tutti unter Ion Marin nicht ganz so sensibel ausgehört und klangschön, wie man das von dem Klangkörper gewohnt ist.

Man hätte sich von Solist und Orchester, vor allem freilich von Guy Braunstein, ein wenig mehr gestalterischen Schattierungsreichtum gewünscht und einen etwas riskanteren Zugang, der die interpretatorische Komfortzone internationaler Konfektionsware hinter sich lässt. Aber vielleicht braucht Guy Braunstein einfach noch ein wenig mehr Zeit, um sich von den Fährten der Orchesterarbeit freizuschwimmen. Bis dahin wird bei Bruchs Violinkonzert wohl an der exzellenten Einspielung von Vadim Gluzman kein Weg vorbeiführen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruch, Max: Schottische Fantasie op. 46

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tudor
1
18.02.2013
Medium:
EAN:

SACD
0812973011880


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