> > > Madetoja, Leevi: Sinfonie Nr. 2
Montag, 18. Oktober 2021

Madetoja, Leevi - Sinfonie Nr. 2

Tragische Transformation


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leevi Madetojas Zweite Sinfonie wurde bereits mehrmals eingespielt. Die Neuaufnahme mit John Storgårds und dem Philharmonischen Orchester Helsinki ist nicht nur in Bezug auf das Orchesterspiel hervorragend, sondern auch in klanglicher Hinsicht.

Carl Nielsen und Jean Sibelius haben nicht sehr viel gemeinsam, doch der von ihnen ausgehende Schattenwurf in ihren jeweiligen Heimatländern ist vergleichbar groß. Während Nielsen das Musikleben im Dänemark des angehenden 20. Jahrhunderts als führender Komponist bestimmte, überschattete der Riese Sibelius in Finnland die Musikkultur als anerkannter Nationalkomponist. Wer sich ansonsten noch neben ihm als Komponist zu profilieren suchte, Robert Kajanus etwa, Oskar Merikanto oder Armas Järnefelt, hatte einen schweren Stand.

Das gilt auch für den 1887 im ostbottnischen Oulu geborenen Leevi (Antti) Madetoja. Er wurde in Helsinki ausgebildet (unter anderem von Järnefelt und Sibelius), gefolgt von Studienaufenthalten in Berlin, Wien und Paris. Auch wenn Sibelius zweifellos als musikalisches Aushängeschild Finnlands galt, so gelang es Leevi Madetoja doch, so etwas wie eine finnische Nationaloper zu schreiben: 'Pohjalaisia' (Die Ostbottnier, 1924). Einen gewichtigen Teil seines Schaffens machen Orchesterwerke aus; auch in ihnen ist das melodische Material oft ostbottnischer Volksmusik entlehnt. Madetoja schrieb drei Sinfonien und einige einsätzige Orchesterwerke. Sie alle liegen in ordentlichen, teils sehr ansprechenden Einspielungen meist finnischer Provenienz vor. Nun hat Ondine eine Aufnahme veröffentlicht, in deren Zentrum Madetojas Zweite Sinfonie Es-Dur op. 35 steht, die längste, beliebteste und profundeste der drei Sinfonien. Sie wird eingerahmt von der sinfonischen Dichtung 'Kullervo' op. 15 und der auf keinem Sampler skandinavischer Adagio-Sätze fehlenden 'Elegie' (1909), dem ersten Satz der Sinfonischen Suite op. 4. Musikalisch zeichnet das technisch erstklassige und klanglich luxuriöse Philharmonische Orchester Helsinki unter der Leitung von John Storgårds verantwortlich.

In der Tondichtung 'Kullervo' (1913), in deren Zentrum der gleichnamige Held des finnischen Nationalepos ‚Kalevala‘ steht, zeigt sich Madetojas Orchesterstil, der in der Zweiten Sinfonie freilich reicher schattiert ausfällt, voll ausgeprägt. Von ostinaten Figuren (die zuweilen an Bruckner erinnern) grundiert erheben sich konturenscharfe, prägnant erfundene Motive. Allerdings wirkt der gesamte Orchestersatz recht kantig, selbst wenn in dem sehrenden Seitenthema einiges an Tschaikowskys Lyrizismen angelehnt sein mag; auch die französische Musik seiner Zeit hat in 'Kullervo' so manche Spur hinterlassen. Die Schichten – ostinate rhythmische Figuren als Klangschraffur, davon abhebend die melodisch-motivische Konturen – verbinden sich nie homogen, sondern erzeugen spannende Reibungsflächen. Auch die Entwicklung ist von Madetoja sehr eigenwillig gestaltet.

Diese Musik spielt sich nicht von selbst, sie erfordert eine klare Zeichnung mit suggestiv herausgearbeiteten Höhepunkten. Genau hier liegen die Stärken von Storgårds Zugang. Die beiden Anläufe der Durchführung führen zu einem dramatischen Höhepunkt, die folgende Threnodie mit unisono geführten Streichern und trauermarschähnlichen Bläsereinwürfen ist, mit wuchtigen Akzenten durchsetzt, absolut zwingend gestaltet. Auch die gegen das Metrum akzentuierten Tonrepetitionen in den Trompeten arbeitet Storgårds, Erfahrungen mit den rhythmischen Komplexitäten zeitgenössischer Musik einbringend, in der Durchführung sehr sensibel heraus. Auf diese Weise macht er die rhythmisch-metrische Vielschichtigkeit von Madetojas Orchestersatz erfahrbar, die sich in gesteigerter Form auch in der Zweiten Sinfonie zeigt.

Die in Es-Dur beginnende und in e-Moll endende Zweite Sinfonie, begonnen 1916 und 1918 fertiggestellt, ist sowohl in der Gestaltung des orchestralen Satzes als auch (und vor allem) formal individuell gehandhabt. Ein ausgedehnter schneller Eingangssatz wird mit einem ebenso umfangreichen, attacca anschließenden langsamen Satz zu einem ersten Teil zusammengefügt. Es folgt ein Scherzo und Finale in eins fassender, konflikthafter schneller Satz, der von einem kurzen, ruhigen Epilog beschlossen wird. Die im ersten Satz exponierte Hauptmotivik durchzieht die gesamte Sinfonie. Sie wird stets weiterentwickelt, doch ergibt sich keine zielgerichtete Dramaturgie, sondern ein quasi vegetativer Transformationsprozess. Im ersten Satz gibt es keinen klar abgrenzbaren Seitensatzbereich, sondern kontrastierende Motivik, die jedoch sogleich wieder mit Elementen der Hauptmotivik unterlegt wird. Der zweite Satz beginnt als pastorale Idylle mit einem Dialog von Horn und Oboe in der Ferne, entwickelt jedoch starke Spannungen, die sich dann im vehementen dritten Satz entladen, um sodann über einen Marschgestus und aufhellende Harmoniefolgen über einem Orgelpunkt in den Epilog zu münden, der der Sinfonie ein sanftes, aber tragisches Ende bereitet.

Diese interpretatorisch heikle Sinfonie wurde bereits mehrmals eingespielt. Die vorliegende Aufnahme mit dem Philharmonischen Orchester Helsinki ragt im Hinblick auf die klangliche Präsentation und vor allem die Spielkultur des Orchesters deutlich heraus. Nicht aber, wenn man die interpretatorische Ausformung betrachtet. Hier ist die Interpretation des Sinfonischen Orchesters Oulu unter Arvo Volmer doch ein Stück zwingender. Denn John Storgårds widmet zwar dem vielschichtigen Orchestersatz seine Aufmerksamkeit und legt ihn mit beachtlicher Klarheit offen; allerdings mangelt es ein wenig an zündenden musikalischen Entwicklungen. Die Höhepunkte wirken etwas gedämpft, was sich auf die gesamte Dramaturgie auswirkt: Wenn die Klimax im dritten Satz nicht wirklich alles in Stücke gehen lässt, ist nicht recht einsichtig, wieso dann noch ein Epilog kommt, der die Trümmer zusammenklaubt.

Freilich hat John Storgårds’ Deutung ihre Meriten. Sie liegen eher im Klanglichen, was sich mit der einmal mehr vorbildlichen Auffächerung des Orchesterklangs durch die Tontechnik wunderbar verbindet. In der abschließenden 'Elegie' zeigt sich Storgårds‘ Fähigkeit, weite Bögen zu formen. Die Streicher des Philharmonischen Orchesters Helsinki pflegen einen weichen, sonoren Klang, der so viel Tragkraft hat, die lyrische Melodie selbst in diesem vergleichsweise langsamen Tempo zu stützen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Madetoja, Leevi: Sinfonie Nr. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
11.02.2013
Medium:
EAN:

CD
761195121221


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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