> > > Homilius, Gottfried August: Markuspassion
Freitag, 23. August 2019

Homilius, Gottfried August - Markuspassion

Kompositorische Meisterschaft


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Markuspassion von Gottfried August Homilius in einer erfrischenden Interpretation durch Fritz Näf, die Basler Madrigalisten und L'arpa festante.

Gottfried August Homilius (1714-1785) einen der einflussreichsten und anerkanntesten Kirchenmusiker Mitteldeutschlands in der an potenziellen Konkurrenten nicht gerade armen Zeit des 18. Jahrhunderts zu nennen, hat einige Plausibilität. Zu Lebzeiten spätestens seit dem Beginn seines Kreuzkantorats 1755 hochanerkannt, erwies sich auch die Musikpraxis nach seinem Tod als günstig, wurden etliche seiner repräsentativen Arbeiten auch Jahrzehnte später immer wieder aufgeführt. Erst die im 19. Jahrhundert aufkommende Bachrenaissance drängte Homilius beiseite. Schließlich erschwerte die Überlieferung seiner Werke deren Rezeption in der Moderne: Homilius‘ Erben zerstreuten die schriftlichen Überlassenschaften ihres Vorfahren in alle Winde, so dass Abschriften aus dem Umfeld des preußischen Hofs und aus der Hamburger Zeit des Homilius-Bewunderers Carl Philipp Emanuel Bach zu den wichtigsten Quellen wurden.

Die aktuell eingespielte Markuspassion ist formal dem älteren Typ der oratorischen Passion verpflichtet, während sich um Homilius herum die gefühlig modernisierten Libretti Brockes‘ und Ramlers längst durchgesetzt und dem uns heute zumindest textlich gelegentlich fremd scheinenden Passionsoratorium zum Durchbruch verholfen hatten. Homilius bedient die ältere Form nicht mit säuerlicher Rückwärtsgewandtheit, vielmehr deutet er sie modern: Affektiv oft konzentriert, in den nicht sehr zahlreichen, dabei durchaus ausgedehnten Arien immer wieder auch expressiv. Diese Arien sind geprägt von leicht fasslicher Linearität in gesanglicher Invention, Textdeutung vollzieht sich dezent, getragen von charaktervoller Instrumentierung – Homilius schafft mit vielen kleinen Gesten und Details eine oft subtil schattierte Stimmung.

Die Rezitative sind knapp und klar gehalten, nicht ohne Finessen und harmonische Reize, dabei elegant und mit feinem dramatischen Zug im Wechsel der direkten Rede versehen. Die effektvollen Turbachöre sind intensive Skizzen mit schöner Profilierung, durchaus eigenständig und etabliert, funktional von Gewicht. In schlichten, direkt wirksamen und eingängig harmonisierten Chorälen wird das Geschehen reflektiert.

Die gut zweistündige Komposition verrät deutlich satztechnische Souveränität, einen klug disponierenden Gesamtüberblick und einen feinen Sinn für die Dramatik des Stoffes, ohne die Härten früherer ästhetischer Epochen wieder aufzugreifen. Musikalisch wie in den frei kompilierten Texten ist die deutliche Betonung des Optimistischen, Versöhnlichen, Gewissen auffällig – selbst der Text des beschließenden Chors spricht vom versöhnten Gott, der die Donner niederlegt, auch nach dem Kreuzestod seines Sohnes.

Ausgewogen hohes Niveau

Fritz Näf findet einen ebenso kundigen wie interpretatorisch tragfähigen Zugang zu dieser hochinteressanten Musik: Er gewinnt etliche energetische Impulse aus kleinteiligen Instrumentalfiguren, auch aus der klaren Diktion manches Turbachores und kontrastiert dieses Geschehen fein mit der bemerkenswert lyrischen Erzählhaltung des Evangelistenberichts. Auch einige der Arien sind ruhevoll und mild durchsonnt, interessanterweise auch die Sopran-Arie 'Ihr Tränen fließt' unmittelbar nach dem Kreuzestod Jesu.

Monika Mauch zeigt sich hier und an anderer Stelle leicht und fein, in der Höhe rein und fast körperlos, während die Altistin Ruth Sandhoff mit ihrer gedeckten Stimme eine entfaltungsfähige Höhe vorstellt, in der bewegten Arie 'Verkennt ihn nicht' etwas Kraft in der Tiefe vermissen lassend. Hans Jörg Mammels Evangelist ist versiert und gewandt, mit üppiger linearer Eleganz. Homilius verlangt von seinem Erzähler keine akrobatischen Höchstleistungen, wie wir sie von Bach Vater kennen. Vielmehr interessieren den Kreuzkantor lyrische Biegsamkeit und eine gediegene Entfaltung der sprachlichen Mittel – all das löst Mammel sehr überzeugend ein. Thomas Laske legt seinen Jesus nobel an, mit genau der richtigen vokalen Haltung: erhaben, aber nicht entrückt, durchaus dramatisch zugespitzt und immer wieder auch expressiv gesteigert.

Die Basler Madrigalisten steuern feine Choräle bei, singen energische Turbae, haben aber insgesamt ein nur relativ knapp bemessenes Feld zu bestellen – dies ist eindeutig keine Passion für den Chor. Die aus dem Ensemble hervortretenden Soliloquenten überzeugen überwiegend, mit wenigen Ausnahmen.

L’arpa festante erweist sich als nobles Instrumentalensemble, das mit federnder Prägnanz zu überzeugen weiß. Ein harmonischer Gesamtklang basiert auf geschlossenen Streicherregistern. Immer wieder lösen sich feine obilgate Beiträge aus dieser Sphäre. Der Basso continuo wird überaus klar gespielt, gut fokussiert, sehr aufmerksam und dezent.

Klanglich ist das Geschehen in erfreulicher Plastizität realisiert, reich und vielschichtig gestaffelt. Das Verhältnis von vokalen und instrumentalen Beiträgen erweist sich als geglückt, die Verortung im Raum ist ansprechend, wobei eine schöne Natürlichkeit bewahrt scheint.

Gottfried August Homilius war sicher eines der prominentesten ‚Opfer‘ der im 19. Jahrhundert einsetzenden Bach-Renaissance. Das ist diskografisch inzwischen mit einer guten Anzahl von bemerkenswerten Produktionen korrigiert – es ist heute leicht, sich ein relativ präzises Bild vom Dresdner als Komponist von Passionen, Kantaten oder Motetten zu machen. Dazu ist nun auch diese sehr qualitätvoll musizierte Markuspassion zu zählen. Vermutlich wird sie sich abseits spezialisierter Ensembles auf Grund ihres eher schmalen chorischen Anteils eher nicht durchsetzen – sie zu kennen, lohnt aber allemal. Fritz Näf und seine Ensembles überzeugen auf der ganzen Linie mit ihrem frischen, direkten, durchaus dramatisch orientierten Ansatz, der auch das Elegante, Schlichte schön zur Entfaltung kommen lässt. Eine feine Bereicherung des Repertoires.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Homilius, Gottfried August: Markuspassion

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Carus
2
01.02.2013
Medium:
EAN:

CD
4009350832602


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