> > > Prokofieff, Sergei: Sinfonie Nr. 6 op. 111
Dienstag, 17. September 2019

Prokofieff, Sergei - Sinfonie Nr. 6 op. 111

Tief erschütternd


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vollauf gelungener Start in einen neuen Zyklus der Prokofjew-Sinfonien: Andrew Litton und das Philharmonische Orchester Bergen loten in der düsteren Sechsten Sinfonie das gesamte Ausdrucksspektrum aus.

Bei den stalinistischen Kulturwächtern machte er sich damit nicht eben beliebt: Nach der raumgreifenden und insgesamt doch optimistischen Fünften Sinfonie, in der Sergej Prokofjew nach fast fünfzehnjähriger Abstinenz seiner Sinfonik neue Perspektiven erschlossen hat, geriet die kaum später vollendete Sechste Sinfonie es-Moll op. 111 ungleich düsterer. Erste Ideen gehen sogar vor die Entstehungszeit der Fünften zurück, die kompositorische Ausarbeitung fand großenteils 1945 statt, im Sommer 1947 besorgte Prokofjew die  Instrumentierung. Im Oktober 1947 wurde die dreisätzige Sinfonie, die aufgrund ihrer dichten Faktur und der facettenreichen Klanggestalt zu den Höhepunkten des sinfonischen Schaffens von Prokofjew gehört, in Leningrad aufgeführt – mit großem Erfolg. Erst im Zuge der kulturbürokratischen Repressionen des Jahres 1948 geriet sie – zusammen mit Werken von Schostakowitsch, Khachaturian oder Miaskovsky – unter ‚Formalismus‘- und ‚Intellektualismus‘-Verdacht und verschwand daraufhin von der Bildfläche bzw. den Konzertpodien.

Prokofjew legte falsche Fährten, als er einmal behauptete, der Mittelsatz sei vorwiegend heiteren Charakters – in Wirklichkeit aber beinhaltet das ausgedehnte 'Largo' die schärfsten Dissonanzballungen der Sinfonie. Treffender ist ein an anderer Stelle geäußerter Kommentar des Komponisten, in dem er den tragisch-düsteren Tonfall der es-Moll-Sinfonie mit den leidvollen Folgen des Kriegs in Verbindung brachte, die jeder auf die eine oder andere Weise zu erdulden hatte und mit den Nachwirkungen zurechtzukommen hat. Auf der Grundlage des Dunklen aufbauend hat dieses hochexpressive Werk jedoch eine ganze Reihe von Stimmungsnuancen, die Prokofjew durch komplexe Material- und Klangfarbenschichtungen evoziert. Diese Vielfalt an Ausdrucksabstufungen musikalisch schlüssig herauszuarbeiten ist heikel; interpretatorisch besonders prekär ist der 'Largo'-Mittelsatz.

Der amerikanische Dirigent Andrew Litton hat nun zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Bergen, das er seit einigen Jahren mit größtem Erfolg leitet, eine Aufnahme vorgelegt, die alle interpretatorische Klippen sicher umschifft – aber viel mehr noch: an Ausdrucksstärke, erschütternder Wucht und Feinheit in der Darstellung der Stimmungen schwer zu überbieten ist. Litton wählt einen Zugang, der sich zwischen der jüngst dokumentierten leichtfüßigen, auf Durchsichtigkeit angelegten Lesart Sakari Oramos und der breiten Darstellung bedrohlicher Düsternis bei Dmitrij Kitajenko verorten lässt. In gewisser Weise verbindet Litton das jeweils Beste der unterschiedlichen Zugriffe: Er nimmt sich genügend Zeit, um die musikalischen Entwicklungen überzeugend zu gestalten, spürt aber gleichzeitig den zuweilen ambivalenten Atmosphären, die durch Motiv- und Instrumentalfarbenschichtungen hervorgerufen werden, geradezu akribisch nach. Diese detailreiche Annäherung wird durch eine exzellente klangtechnische Umsetzung unterstützt, die etwa das abgründige Zischen der Becken ins Klangbild einwebt und dabei doch stets die Balance der Instrumentengruppen in geradezu vorbildlicher Weise wahrt.

Das Philharmonische Orchester Bergen findet einen für Prokofjew bestens geeigneten Klang: Die Streicher decken vom spritzigen Animato im wirbelwindartigen Eingangsthema des Finalsatzes bis hin zu spitzen Nadelstichen und breit ausschwingenden Kantilenen mit düsterer Note (wie im Kopfsatz) oder fahlen Klangflächen das gesamte geforderte Ausdrucksspektrum ab, für die herausragenden Holzbläser gilt das gleiche. Besonderer Erwähnung bedürfen allerdings die Blechbläser, die hier wirklich Außergewöhnliches leisten. Auch in der Suite zu 'Die Liebe zu den drei Orangen' op. 33b begeistert das auch zu bleischwer lastendem Dunkel fähige Blech mit blitzender Schärfe.

Einen weiteren Attraktionspunkt dieser Einspielung bildet die 'Leutnant Kije'-Suite, die hier nicht mit solistischem Saxophon in den Sätzen Nr. 2 und 4 erklingt, sondern in der Fassung mit Bariton. Der junge Russe Andrej Bondarenko zeichnet mit farblicher Differenzierung die grotesken Bilder ebenso eindrücklich nach wie das erstklassige, agile und farbenfrische Orchester.

Ungewöhnlich genug, dass ein Prokofjew-Zyklus mit einer Einspielung der es-Moll-Sinfonie begonnen wird – doch wird diese Gesamteinspielung zu den reizvollsten gehören, die der Tonträgermarkt zu bieten hat, wenn Andrew Litton den eingeschlagenen Weg so erfolgreich fortsetzt. Es besteht kein Anlass, daran zu zweifeln.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Prokofieff, Sergei: Sinfonie Nr. 6 op. 111

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
13.02.2013
Medium:
EAN:

SACD
7318599919942


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Dr. Tobias Pfleger zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Alternative zum Quadrat: Andrew Littons Zugriff auf Strawinskys 'Sacre du Printemps' knüpft an ältere Interpretationstraditionen an, indem die flüssige Bewegung des Balletts betont wird. Das hoch virtuos agierende Philharmonische Orchester Bergen sorgt für satte Farben. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 28.07.2012)
  • Zur Kritik... Meister der Instrumentation: Auch in seiner Einspielung von Strawinskys 'Feuervogel' knüpft Litton an ältere Interpretationstraditionen an. Das Spiel mit Klangfarben betont er nicht nur im Ballett, sondern auch den anschließenden Orchestrierungen von Werken anderer Komponisten. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 31.07.2012)
  • Zur Kritik... Absolut stilecht: Andrew Litton und der Pianist Freddy Kempf geben sich der Schönheit von Gershwins Musik und ihrer rhythmischen Zugkraft rückhaltlos hin. Das Philharmonische Orchester Bergen mutiert, wo nötig, zur veritablen Jazzband. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 27.08.2012)
  • Zur Kritik... Tiefenscharfe Prokofjew-Lektüre: Sakari Oramos Einspielung der Sinfonien Nr. 5 und 6 von Sergej Prokofjew ist eine begrüßenswerte Erweiterung der Diskographie, vor allem wegen der packenden Interpretation der Sechsten Sinfonie. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 03.10.2012)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Für Studienzwecke geeignet: Schumanns Streichquartette sind Meisterwerke der Kompositionskunst. Das Engegård Quartet aus Norwegen nähert sich akademisch. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Chinesische Erinnerungen: Zwei Violinkonzerte zeigen den Komponisten Tan Dun von ganz verschiedenen Seiten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Meisterliche Mugge: Freunde der romantischen Kammermusik für Klavier und Streicher dürften mit dieser hybriden SACD ihre Freunde haben. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Üppige Symphonik aus Frankreich: Das Philharmonische Orchester Freiburg unter Fabrice Bollon legt hier Magnards dritte und vierte Symphonie in lebhaften Aufnahmen vor. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Besonderes Erlebnis: Auf ihrem Debüt-Album kann Moné Hattori ihr immenses Talent voll ausspielen. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Starke Crossover-Platte: Das WDR Funkhausorchester Köln serviert drei Symphonic-Jazz-Leckerbissen für Klarinette und Orchester. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (8/2019) herunterladen (3670 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Cipriano de Rore: Missa Vivat Felix Hercules & Motets - Ave regina caelorum

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich