> > > Prokofieff, Sergei: Sinfonie Nr. 6 op. 111
Sonntag, 18. August 2019

Prokofieff, Sergei - Sinfonie Nr. 6 op. 111

Tief erschütternd


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vollauf gelungener Start in einen neuen Zyklus der Prokofjew-Sinfonien: Andrew Litton und das Philharmonische Orchester Bergen loten in der düsteren Sechsten Sinfonie das gesamte Ausdrucksspektrum aus.

Bei den stalinistischen Kulturwächtern machte er sich damit nicht eben beliebt: Nach der raumgreifenden und insgesamt doch optimistischen Fünften Sinfonie, in der Sergej Prokofjew nach fast fünfzehnjähriger Abstinenz seiner Sinfonik neue Perspektiven erschlossen hat, geriet die kaum später vollendete Sechste Sinfonie es-Moll op. 111 ungleich düsterer. Erste Ideen gehen sogar vor die Entstehungszeit der Fünften zurück, die kompositorische Ausarbeitung fand großenteils 1945 statt, im Sommer 1947 besorgte Prokofjew die  Instrumentierung. Im Oktober 1947 wurde die dreisätzige Sinfonie, die aufgrund ihrer dichten Faktur und der facettenreichen Klanggestalt zu den Höhepunkten des sinfonischen Schaffens von Prokofjew gehört, in Leningrad aufgeführt – mit großem Erfolg. Erst im Zuge der kulturbürokratischen Repressionen des Jahres 1948 geriet sie – zusammen mit Werken von Schostakowitsch, Khachaturian oder Miaskovsky – unter ‚Formalismus‘- und ‚Intellektualismus‘-Verdacht und verschwand daraufhin von der Bildfläche bzw. den Konzertpodien.

Prokofjew legte falsche Fährten, als er einmal behauptete, der Mittelsatz sei vorwiegend heiteren Charakters – in Wirklichkeit aber beinhaltet das ausgedehnte 'Largo' die schärfsten Dissonanzballungen der Sinfonie. Treffender ist ein an anderer Stelle geäußerter Kommentar des Komponisten, in dem er den tragisch-düsteren Tonfall der es-Moll-Sinfonie mit den leidvollen Folgen des Kriegs in Verbindung brachte, die jeder auf die eine oder andere Weise zu erdulden hatte und mit den Nachwirkungen zurechtzukommen hat. Auf der Grundlage des Dunklen aufbauend hat dieses hochexpressive Werk jedoch eine ganze Reihe von Stimmungsnuancen, die Prokofjew durch komplexe Material- und Klangfarbenschichtungen evoziert. Diese Vielfalt an Ausdrucksabstufungen musikalisch schlüssig herauszuarbeiten ist heikel; interpretatorisch besonders prekär ist der 'Largo'-Mittelsatz.

Der amerikanische Dirigent Andrew Litton hat nun zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Bergen, das er seit einigen Jahren mit größtem Erfolg leitet, eine Aufnahme vorgelegt, die alle interpretatorische Klippen sicher umschifft – aber viel mehr noch: an Ausdrucksstärke, erschütternder Wucht und Feinheit in der Darstellung der Stimmungen schwer zu überbieten ist. Litton wählt einen Zugang, der sich zwischen der jüngst dokumentierten leichtfüßigen, auf Durchsichtigkeit angelegten Lesart Sakari Oramos und der breiten Darstellung bedrohlicher Düsternis bei Dmitrij Kitajenko verorten lässt. In gewisser Weise verbindet Litton das jeweils Beste der unterschiedlichen Zugriffe: Er nimmt sich genügend Zeit, um die musikalischen Entwicklungen überzeugend zu gestalten, spürt aber gleichzeitig den zuweilen ambivalenten Atmosphären, die durch Motiv- und Instrumentalfarbenschichtungen hervorgerufen werden, geradezu akribisch nach. Diese detailreiche Annäherung wird durch eine exzellente klangtechnische Umsetzung unterstützt, die etwa das abgründige Zischen der Becken ins Klangbild einwebt und dabei doch stets die Balance der Instrumentengruppen in geradezu vorbildlicher Weise wahrt.

Das Philharmonische Orchester Bergen findet einen für Prokofjew bestens geeigneten Klang: Die Streicher decken vom spritzigen Animato im wirbelwindartigen Eingangsthema des Finalsatzes bis hin zu spitzen Nadelstichen und breit ausschwingenden Kantilenen mit düsterer Note (wie im Kopfsatz) oder fahlen Klangflächen das gesamte geforderte Ausdrucksspektrum ab, für die herausragenden Holzbläser gilt das gleiche. Besonderer Erwähnung bedürfen allerdings die Blechbläser, die hier wirklich Außergewöhnliches leisten. Auch in der Suite zu 'Die Liebe zu den drei Orangen' op. 33b begeistert das auch zu bleischwer lastendem Dunkel fähige Blech mit blitzender Schärfe.

Einen weiteren Attraktionspunkt dieser Einspielung bildet die 'Leutnant Kije'-Suite, die hier nicht mit solistischem Saxophon in den Sätzen Nr. 2 und 4 erklingt, sondern in der Fassung mit Bariton. Der junge Russe Andrej Bondarenko zeichnet mit farblicher Differenzierung die grotesken Bilder ebenso eindrücklich nach wie das erstklassige, agile und farbenfrische Orchester.

Ungewöhnlich genug, dass ein Prokofjew-Zyklus mit einer Einspielung der es-Moll-Sinfonie begonnen wird – doch wird diese Gesamteinspielung zu den reizvollsten gehören, die der Tonträgermarkt zu bieten hat, wenn Andrew Litton den eingeschlagenen Weg so erfolgreich fortsetzt. Es besteht kein Anlass, daran zu zweifeln.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Prokofieff, Sergei: Sinfonie Nr. 6 op. 111

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
13.02.2013
Medium:
EAN:

SACD
7318599919942


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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