> > > Lüneburg, Barbara spielt: Werke von Bach & Scelsi
Samstag, 15. August 2020

Lüneburg, Barbara spielt - Werke von Bach & Scelsi

Spiegelungen


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Geigerin Barbara Lüneburg kombiniert Bachs berühmte d-Moll-Partita mit Solowerken von Giacinto Scelsi und schafft dadurch ein spannendes Gegenüber historisch weit entfernter Kompositionen.

Was haben historisch so weit voneinander entfernte Komponisten wie Johann Sebastian Bach und Giacinto Scelsi miteinander zu tun? Diese Frage stellt die experimentierfreudige Geigerin Barbara Lüneburg mit ihrer neuesten, bei Coviello erschienenen CD-Produktion ‚Beyond‘ – nicht ohne aus ihrer Perspektive die Antwort gleich mitzuliefern: seien es doch, so Lüneburg in einem Gespräch mit Moritz Bergfeld, ‚die Absolutheit und die Spiritualität‘ in der Musik beider Komponisten, die eine Gegenüberstellung so faszinierend machen. In der Tat scheint es zunächst kaum größere Kontraste als jene zwischen den hier eingespielten Solowerken für Violine zu geben: Da ist einmal die verschwenderische, in der berühmten 'Ciaccona' gipfelnden Klangarchitektur von Bachs Partita d-Moll BWV 1004, während in Scelsis Diptychon 'L’âme d’ailée – L’âme ouverte' (1973) und in der dreiteiligen Komposition 'Xnoybis' (1964) eine nur auf wenige Klänge fokussierte Kargheit in den Fokus rückt. Und dennoch schafft es die Geigerin, zwischen den Werken beider Komponisten über die Jahrhunderte hinweg eine dialogische Situation herzustellen.

Diese Bemerkungen machen deutlich, dass es Lüneburg bei ihrer Bach-Interpretation nicht um die Rekonstruktion eines historisch informierten Musizierens geht, sondern dass sie sich als Zeitgenossin mit der Partita auseinandersetzt, um die Verbindung eines Repertoirewerks aus der Vergangenheit mit der Musik eines Komponisten, der zu den wichtigsten des 20. Jahrhunderts zählt, herzustellen. Daher muss Bachs Violinwerk nicht nur im Kontext mit Scelsis Werken gehört werden, sondern auch die spezifischen Zugangsweisen der Geigerin zu den einzelnen Kompositionen nehmen aufeinander Bezug. So hat beispielsweise die leichte Schärfe, die Lüneburg in ihrer Tongebung bei der Bach-Wiedergabe neben einem ansonsten oft wunderbar schlanken und zerbrechlichen Ton gelegentlich einsetzt, ihren Ursprung in der klanglichen Eigenart von Scelsis Komposition. Darüber hinaus scheinen aber auch Entscheidungen wie das ruhige Tempo in der eröffnenden Allemande und der abschließenden Chaconne Kennzeichen der jüngeren Werke zu spiegeln. Gerade die Temponahme führt dazu, dass Lüneburg die Bach’schen Phrasen genau ausformuliert, dass sie sich Zeit für die melodischen Verzweigungen lässt, ohne dabei den großen Bogen zu vernachlässigen. Und da die Gestaltung aus dem Klang und der Harmonik heraus im Mittelpunkt steht, strahlt die Komposition zudem eine Ruhe aus, wie man sie sonst heute selten zu hören bekommt.

All diese Elemente kann man gleichfalls – freilich auf ganz andere Weise – in den asketischen Stücken Scelsis wiederfinden: So werden die aufgrund der hervorragenden Aufnahmetechnik in eine räumliche Weite ausstrahlenden Klänge der Bach’schen Musik in Scelsis Stücken durch die Tendenz ersetzt, das Innenleben des Klangs zu erkunden und aus den auf Mikrointervallen basierenden Umspielungen weniger Tonhöhen sowie unter Einbeziehung vielfältiger farblicher und dynamischer Schattierungen möglichst viele Facetten zu gewinnen. Diese Situation erhält in 'Xnoybis' dadurch zusätzliche Prägnanz, dass Scelsi Timbre und Resonanzen der Violine durch eine extreme Veränderung der normalen Saitenstimmung modifiziert und dazu noch einen speziellen metallenen Resonator vorschreibt, der den Violinklang um eine ungewöhnliche Komponente, nämlich ein klirrendes Schwirren, bereichert. Ergebnis ist eine in sich kreisende Musik, deren subtile Veränderungen Lüneburg genau auszutasten weiß. Dass die Geigerin damit den Hörer herausfordert, den gegenseitigen Spiegelungen von Bach in Scelsi und Scelsi in Bach nachzuspüren und die beiden Komponisten aus dem jeweiligen Gegenpol heraus zu erkunden, ist die schönste Nebenerscheinung dieser hörenswerten Veröffentlichung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Lüneburg, Barbara spielt: Werke von Bach & Scelsi

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
1
01.02.2013
Medium:
EAN:

CD
4039956613022


Cover vergössern

Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Prof. Dr. Stefan Drees zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Kompromisslos: Nicht nur für die Interpretin stellen die hier versammelten Kompositionen eine Tour de force dar; auch der Hörer wird gefordert und in musikalische Extrembereiche geführt. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 15.01.2007)
  • Zur Kritik... Innovative audiovisuelle Produktion: Die Geigerin Barbara Lüneburg präsentiert eine faszinierende DVD mit fünf für sie entstandenen audiovisuellen Kompositionen. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 25.07.2011)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Coviello Classics:

  • Zur Kritik... Brennend: Für Vivaldi und Händel geben Réka Kristóf und die Accademia di Monaco alles. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Jugendliche Meisterschaft: Ein junges Klaviertrio stellt wenig bekannte Frühwerke berühmter Komponisten vor. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Nach Schütz: Barockes Dresden einmal ohne Schütz: Giuseppe Perandas Musik vorzustellen ist höchst verdienstvoll. Und dank hochklassiger Deutung ist gleich ein interpretatorischer Meilenstein gelungen. Eine in jeder Hinsicht gelungene und unbedingt habenswerte Platte. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Coviello Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Requiem für Furtwängler: Ein Requiem für Wilhelm Furtwängler – eine gewiss zufällige zeitliche Koinzidenz macht diese Aufnahme der zweiten Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Eugen Jochum zu einer besonderen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ausflug ins tschechische Viola-Repertoire: Jitka Hosprová engagiert sich leidenschaftlich für drei tschechische Violakonzerte, die allerdings in ihrer Substanz nur teilweise gelungen sind. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Unbekannter Norweger: Der in Deutschland fast gänzlich unbekannte Norweger David Monrad Johansen überrascht durch seine Biografie wie durch die Dichte seiner Kompositionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Cloclo - Die Garde Cloclo's

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Edlira Priftuli im Portrait "Musikalisch praktizierte Ökumene"
Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich