> > > Turina, Joaquin: Danzas Fantasticas op. 22
Samstag, 3. Dezember 2022

Turina, Joaquin - Danzas Fantasticas op. 22

Vollauf geglückte Symbiose


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Chandos präsentiert eine in der Programmzusammenstellung und interpretatorischen Umsetzung gelungene Auswahl an Orchesterwerken des spanischen Komponisten Joaqín Turina.

Parallel zu der Stärkung nationaler Idiome in den europäischen Musikkulturen kam es Ende des 19. Jahrhunderts auch in Spanien zu einer Besinnung auf genuin spanische Traditionen. Im Gegensatz zu anderen Ländern konnte die iberische Halbinsel zu dieser Zeit keine wirtschaftlichen Zuwachsraten verzeichnen, die ehemalige Kolonialmacht war ausgelaugt – da war Selbstvergewisserung und Kräftigung der eigenen Identität auf kulturellem Gebiet das Los der Stunde. Auf musikalischem Gebiet legten Isaac Albéniz und Enrique Granados den Grundstein einer dezidiert spanischen Kunstmusiktradition, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Manuel de Falla und Joaquín Turina fortgeführt wurde. De Falla feierte vor allem mit musikdramatischen Werken Erfolge, der in Paris bei d’Indy ausgebildete Turina konzentrierte sich vor allem auf die traditionellen Gattungen der Instrumentalmusik. Wie kein zweiter in der spanischen Musikgeschichte verband er Elemente der spanischen Folklore mit dem Kunstanspruch sowie den Gattungen und Formen der französischen und deutschen Musik. Seine höchst reizvolle Kammermusik etwa verbindet an Franck und Brahms erinnernde Satzgestaltungen mit einem spanischen Tonfall.

Ebenso attraktiv ist aber auch Turinas Oeuvre für Orchester. Eine gelungene Auswahl hat nun das britische Label Chandos in seiner Reihe ‚La Música de España‘ veröffentlicht. Mit Juanjo Mena steht am Pult dem BBC Philharmonic ein ausgewiesener Kenner und engagierter Anwalt der Musik seines Heimatlandes. Eingerahmt von den interessantesten und kurzweiligsten Stücken dieser Zusammenstellung, den 'Danzas fantásticas' op. 22 und der 'Sinfonía sevillana' op. 23 steht mit der choreographischen Fantasie 'Ritmos' op. 43 ein sechssätziges Orchesterwerk. In der Mitte finden sich Werke für Mezzosopran und Orchester, von denen die 'Poema en forma de canciones' op. 19 den größten Teil ausmachen.

Gleich mit den 'Danzas fantásticas' gelingt ein fulminanter Einstieg. Turina erweist sich im ersten Satz 'Exaltación' als ein Meister des Übergangs: In wenig mehr als fünfeinhalb Minuten wechselt er mehrmals von einem beschwingten Tanzrhythmus im Dreier-Takt in eine zarte, lyrische Stimmung und gestaltet die Übergänge musikalisch so geschickt, dass man sie gar nicht bemerkt. Eingeleitet wird der Satz mit einem zart schimmernden Klanggewebe, das Debussy größte Konkurrenz macht und von dem BBC Philharmonic äußerst sensibel aufgefächert wird.

Turinas Orchestermusik ist schillernd instrumentiert. Neben diversen Schlagzeuginstrumenten nehmen rauschende Harfen eine wichtige Position ein. Im zweiten Satz, der ein folkloristisches Tanzmotiv im 5/8-Takt mit einem klagenden Melodie im 6/8-Takt abwechseln lässt, sind Glocken geschickt ins Klangbild eingebettet. Das zündende Finale, 'Orgía' überschrieben, schlägt thematisch einen Bogen zum ersten Satz zurück. Es wartet am Schlusshöhepunkt mit einigen etwas dick aufgetragenen Pathosformeln auf, bringt aber einen wunderbaren Dreisätzer an sein Ende, der etwa mit Griegs 'Norwegischen Tänzen' oder auch den 'Sinfonischen Tänzen' auf gleiche Stufe gestellt werden kann.

Turinas Satzformen lösen sich nicht selten von der Sonatendramaturgie. Der erste Satz der 1920 uraufgeführten 'Sinfonía sevillana', einem seiner Hauptwerke, hat eher Gemeinsamkeiten mit Sibelius‘ ‚rotational forms‘. Tänzerische Rhythmik und helle Klangfarbenvielfalt verbindend gelingt Turina auch in den beiden folgenden Sätzen eine ‚duftende‘ musikalische Beschwörung seiner Heimatstadt. Das BBC Philharmonic geht mit hörbarer Lust zu Werke, besonders die kräftige Farbakzente setzenden Bläser – von Holzbläsermelodien (besonders die Oboe tritt oft, hier sehr feinfühlig gespielt, hervor) bis zu von schlank gehaltenen Posaunen knackig unterstützten Rhythmen und virtuosen Trompetengirlanden – zeigen sich von ihrer besten Seite. Mena lässt mit rhythmischem Drive musizieren, doch spürt er in gleicher Weise den klangfarblichen Nuancen nach. Turina ist kein Komponist folkloristischen Kastagnetten-Geklappers, sondern ein brillanter Orchestrierer, was von Dirigent und Orchester überzeugend vermittelt wird.

Von den Orchesterliedern bleibt vor allem die schöne instrumentale Ausarbeitung in Erinnerung. Die Mezzosopranistin Clara Mouriz hingegen klingt stellenweise, als sei sie bemüht, sich zurückzunehmen; anderes wird in der hohen Lage fast ein wenig grell. Wie es für Chandos typisch ist, wird das opulente Farbenschimmern in einem eher homogenisierenden Klangbild präsentiert, das zwar gepfefferte Akzente in der Pauke nicht unterdrückt, aber doch eher auf einen sehr runden Gesamtklang ausgelegt ist. Die Balance der Orchestergruppen ist tadellos, so dass sich der ganze Reichtum von Joaqín Turinas Musik ungehindert mitteilen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Turina, Joaquin: Danzas Fantasticas op. 22

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
01.02.2013
Medium:
EAN:

CD
095115175323


Cover vergössern

Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Chandos:

  • Zur Kritik... Spielfreudig: Peter Donohoe wirft sich voller Verve in Busonis Klaviermusik. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Unausgewogen: Eine aufnahmetechnisch problematische Richard-Strauss-CD mit Konzertwerken. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Intereuropäischer Austausch: Nach vielen Jahren endlich wieder einmal eine Orgelproduktion aus der St Paul’s Cathedral London. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Chandos...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Forsch und erfrischt: Eine frische, zupackende Telemann-Lesart durch das polnische Altberg Ensemble und seinen Leiter Peter Van Heyghen. Das Programm zeigt einen schönen Ausschnitt der stilistischen Elastizität und Wendigkeit des Komponisten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Detailverliebt: Alina Ubragimovas Einspielung der Capricci op. 1 von Paganini zeichnet sich nicht durch die Herausarbeitung des großen Bogens aus. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Hörgenuss französischer Cello-Konzerte: Daniel Müller-Schott und Alexandre Bloch am Pult des Deutschen Symphonie-Orchester Berlin bieten französische Meisterwerke höchst expressiv als Ganzes und mitreißend in jedem Detail. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2022) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich