> > > Schubert, Franz: Sonate in c-Moll, D 958
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Schubert, Franz - Sonate in c-Moll, D 958

Neue Einsichten in Schuberts Klavierwerk


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Konstanze Eickhorsts Schubert-Interpretationen sind frei von jeglicher biedermeierlichen Sentimentalität, gleichzeitig wird das dramatische Element in ein ausgeglichenes, geradezu klassisches Verhältnis gebracht mit strukturellen Momenten.

Klang und Zeit – die Gestaltung dieser beiden Elemente ist der Kern jeder Schubert-Interpretation. Dass ein solchermaßen geschultes Gespür für musikalische Zusammenhänge die Interpretation einer Auswahl von Werken von Franz Schubert zum Ereignis werden lässt, dafür liefert die neue CD von Konstanze Eickhorst einen eindringlichen Beweis. Gleichzeitig unterstreicht Konstanze Eickhorst damit eindrucksvoll, dass sie zur Zeit zu den interessantesten deutschen Pianistinnen gezählt werden kann.

Überraschendes Standardrepertoire

Die 'Moments musicaux' (D 780) gehören eigentlich zum Standardrepertoire. Was jedoch Konstanze Eickhorst daraus macht, ist mehr als überraschend. Um es gleich vorweg zu sagen: Am pianistischen Niveau ist überhaupt nichts zu tadeln, das ist gleichsam selbstverständliche Vorgabe. Wie sie aber differenziert die Relation von Geist und Körperlichkeit, zwischen rhythmischer Stringenz und freier Führung der polyphonen Linien gestaltet, das überzeugt. Man hört das etwa im 'Moment musicaux' cis-Moll, wo auch im auf den ersten Blick plakativ erscheinenden Dur-Mittelteil nach versteckten Stimmen gesucht wird. Dabei orientiert sich die Pianistin an der Natürlichkeit der fließenden Linien und der selbstverständlichen Kraft rhythmischer Potentiale. Die Musik interpretiert sich so gewissermaßen von selbst. Deutlich auch zu hören am 'Moment musicaux' in f-Moll, an das sich fast jeder Klavierschüler einmal heranwagt. Bei Konstanze Eickhorst wird ‚große‘ Musik daraus.

Natürlich gilt das in hervorragendem Maße auch für die ‚Wanderer-Fantasie‘ D 760. Es gibt bei ihr kein vordrängendes Ich, das geflissentlich die verschiedenen Aspekte aufzeigen würde, sondern alles fließt, als könne es nicht anders sein. Dabei wurden aber intelligent die motivischen Zusammenhänge und Facetten der vielschichtigen Satzstruktur aufgezeigt. Wunderschön die scheinbaren rhythmischen Stockungen im ersten Satz, wo man das Gefühl hat, die rechte Hand hält inne, um einem Motiv im Bass den Vortritt zu lassen. Überzeugend auch der kontemplative Zugang zum 'Adagio' des zweiten Satz, dessen prosaischer Charakter durch behutsamen Einsatz beider Pedale nicht in larmoyante Gefühlsduseleien abgleitet.

Entspannt und gleichzeitig virtuos

Diese offene und entspannte Haltung, die den musikalischen Triebkräften freien Lauf zu lässt, ist es auch, die die Interpretation der Sonate c-Moll D 958 zum Ereignis werden lässt. Wer die ewige Gestaltung von Abschiedsstimmungen in Schuberts letzten Sonaten leid ist, dem sei der Zugang Eickhorsts nachdrücklich empfohlen. Ausgegrenzt werden Aspekte unbotmäßiger Subjektivität. Man kann das Werk auch im Sinne Eichendorffscher Ironie auffassen. Eine solche Herangehensweise ist erfrischend.

Schwerelos tönende Ordnung

Vor dem Hintergrund überzeugender straffer Tempi gelingt es, die komplexen Zusammenhänge klar und deutlich zu strukturieren. Faszinierend vor allem, wie die Pianistin die vielen Wiederholungen nicht als ebensolche gestaltet, sondern wie in einem inneren Monolog quasi als Erinnerungsfetzen, in einem ständigen Fluss und mit subtilen semantischen Veränderungen. Das Ganze bewahrt dabei einen ruhevollen Impetus scheinbar selbstverständlich gewachsener, einheitlicher Struktur- und Gestaltungszusammenhänge, die gerade nicht durch bedeutungsschwere Rubati gestört werden. Rubati werden behutsam da eingesetzt, wo es notwendig ist, etwa zur Herausarbeitung des Verhältnisses von Thema und Begleitung im Kopfsatz oder zur Verdeutlichung der ‚Klangrede‘ des zweiten Satzes. Der vierte Satz erscheint, trotz seiner Bezüge zum ersten Satz, nicht als sentimentale Rückschau, sondern als friedvolles ‚Als-ob‘ in der Art von Eichendorffs ‚Mondnacht‘. Fazit: Eine vorzügliche Einspielung!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Sonate in c-Moll, D 958

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
01.02.2013
Medium:
EAN:

CD
4260036252897


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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