> > > Reinecke, Carl: Dornröschen op. 139
Sonntag, 5. Dezember 2021

Reinecke, Carl - Dornröschen op. 139

Wachgeküsst


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Carl Reineckes 'Dornröschen' ist allemal eine Entdeckung wert. Ob es sich in irgendeiner Weise behaupten und im Repertoire halten kann, wird sich zeigen.

Viel zu lange hat es geschlafen, das 'Dornröschen' von Carl Reinecke. Wachgeküsst wurde es erst nach über hundert Jahren, und das auch nicht von einem Prinzen, sondern von einem Sänger und Hochschulprofessor in Detmold, dem Bariton Markus Köhler. Er entdeckte die Noten der Märchen-Dichtung in einer Bibliothek und sorgte für eine Wiederaufführung des Werks. Carl Reinecke, ein Zeitgenosse Schumanns und Mendelssohns, Lehrer von Grieg, Janácek und Busoni, schuf mit seinem 'Dornröschen' eine semi-dramatische Form zwischen Liederspiel, Melodram und Miniatur-Märchenoper. Vom Klavier begleitet agieren drei Solisten als Dornröschen, Prinz und Böse Fee/Spinnerin, unterstützt von einem kleinen Frauenchor; ein Erzähler verbindet die einzelnen Nummern, indem er die Geschichte vorantreibt. Reineckes 'Dornröschen' war sicherlich nicht für die große Bühne gedacht, es war und ist vielmehr ein Werk für den privaten Salon – ein typisches Stück höchst anspruchsvoller Hausmusik des 19. Jahrhunderts.

Bei cpo ist nun die Ersteinspielung dieser hochromantischen Märchen-Dichtung in der Besetzung der Detmolder Wiederaufführung aus dem Jahr 2011 auf einer gut einstündigen CD erschienen. Den hochvirtuosen Klavierpart meistert Peter Kreutz mit Eleganz und großem Einfühlungsvermögen. Sein Spiel lässt das fehlende Orchester schlicht vergessen. Er zaubert die schillernden Farben ebenso souverän wie die geheimnisvollen, dunklen Schattierungen, die den akustischen Märchenwald Reineckes entstehen lassen. Zu diesem Märchenwald gehört auch das von Anne Kohler erstklassig einstudierte Feen-Ensemble, das den ätherischen Chorpart zum Glitzern bringt.

Die eigentliche Entdeckung ist aber Catalina Bertucci, die mit glockenklarer Intonation und verbindlicher Wärme die Titelpartie gestaltet. Das Lied des Dornröschen 'Durch meine Seele zieht' rückt in fühlbare Nähe einer romantischen Opernarie, die Bertucci mit anrührender Schlichtheit vorträgt, wenn auch ihre Artikulation deutliche Steigerung vertragen würde.

In dieser Hinsicht ist Gerhild Romberger als Böse Fee und Spinnerin von ganz anderem Holz geschnitzt. Die Künstlerin spielt mit dem Text, entwickelt in wenigen Sätzen und Phrasen einen Charakter und meistert die heikle Gratwanderung zwischen Lied und Opernpartie. Samtig orgelnd und dennoch schlicht und eindringlich ist ihre Interpretation. Das Lied der Spinnerin stattet sie mit einer unterschwelligen Dämonie aus. In der 'Sage vom Dornröschen' findet sie schließlich zu einem faszinierenden Märchenton.

Den trifft der Sprecher Christian Kleinert leider nicht. Er umschifft zwar wohltuend die Klippen betulichen Erzählens, sein Vortrag wirkt allerdings gehetzt und teilweise sogar holprig, was mitunter auch an den altertümelnden Texten Reineckes liegt. Die Entscheidung, emotionsfrei das Versmaß und die Reime zu bedienen, erweist sich ebenso wenig als glücklich wie es die ausschweifende Sprechweise eines einlullenden Märchenonkels gewesen wäre. Den Mittelweg findet Kleinert nicht, obwohl seine Sprechstimme mit ihrer dunklen, warmen Färbung ideal fürs Märchenerzählen wäre. So liest man die verbindenden Zwischentexte besser selbst im Booklet und konzentriert sich auf die Musiknummern.

Im homogenen Solistenensemble finden sich auch die Sängerinnen des humoristischen Fliegen-Duetts: Maria Pönicke und Janina Hollich gefallen mit ihren ausgewogenen Stimmen, die sich hervorragend ergänzen. Als Prinz gibt sich Markus Köhler selbst die Ehre. Besonders im Duett mit dem Dornröschen von Catalina Bertucci kommt sein nobler Bariton bestens zur Geltung. Auch Köhler findet den überzeugenden Weg zwischen liedhaftem Tonfall und liebevoller Unmittelbarkeit. Ergänzt wird diese Einspielung durch sieben Kinderlieder von Carl Reinecke, die in Meike Leluschko und Janina Hollich zwei versierte Interpretinnen finden.

Reineckes 'Dornröschen' verfügt über eingängige, schlichte, teils aber auch dramatisch angehauchte Musik. In ihrer Spieldauer von knapp 50 Minuten ist die Märchendichtung vielleicht sogar eine Raritäten-Alternative für Kinder- und Familienkonzerte, wenn auch die Besetzung des Chores in der Theaterpraxis schnell zum Problem werden kann. Auf jeden Fall ist dieses 'Dornröschen' allemal eine Entdeckung wert. Ob es sich in irgendeiner Weise behaupten und im Repertoire halten kann, wird sich zeigen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Reinecke, Carl: Dornröschen op. 139

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.01.2013
Medium:
EAN:

CD
761203987023


Cover vergössern

Reinecke, Carl
 - Dornröschen op. 139 - Nr. 1 Prolog: Wundervolle Märchenwelt
 - Dornröschen op. 139 - Rezitation: Das ist ein Treiben
 - Dornröschen op. 139 - Nr. 2 Gesang der Feen: Segnend legen Feenhände ..
 - Dornröschen op. 139 - Rezitation: Wie Tau
 - Dornröschen op. 139 - Nr. 3 Gesang der bösen Fei: Ich bin eine Spinnerin
 - Dornröschen op. 139 - Rezitation: Verschwunden ist die Schreckgestalt
 - Dornröschen op. 139 - Nr. 4 Lied des Dornröschen: Durch meine Seele zieht ..
 - Dornröschen op. 139 - Rezitation: So wandelt
 - Dornröschen op. 139 - Nr. 5 Lied der Spinnerin: Blaue Blume steht im Feld'
 - Dornröschen op. 139 - Rezitation: Und wie die Alte
 - Dornröschen op. 139 - Nr. 6 Tanzlied der Fliegen: Summ, summ, summ, summ
 - Dornröschen op. 139 - Rezitation: Doch endlich


Cover vergössern

Dirigent(en):Kohler, Anne
Interpret(en):Kreutz, Peter
Kohler, Anne
Kleinert, Christian
Hollich, Janina
Pönicke, Maria
Köhler, Markus
Romberger, Gerhild
Bertucci, Catalina


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Des Kaisers Leben und Tode: Kate Lindsey, Arcangelo und Jonathan Cohen zeigen mit 'Tiranno', wie fesselnd und in allen Punkten überzeugend ein Solo-Album sein kann. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Zwischen Frömmigkeit und Opernlust: Für entdeckungsfreudige Barockliebhaber ist dieses Album mit sieben Ersteinspielungen ein Muss, für alle anderen eine atmosphärisch einladende Möglichkeit, einen zu Unrecht vergessenen Komponisten ins persönliche Repertoire aufzunehmen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Eine Art Salzburger 'Sommernachtstraum': Mit diesem 'Endimione' kommt man als interessierte Hörerschaft der stilistischen Vielfalt und dem Ideenreichtums Michael Haydns ein interessantes Stück näher. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Nebenschauplatz: Als Klavierkomponist hat Edward Gregson nur bedingt nachhaltige Bedeutung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Brahms ohne Schrei – aber als Trost im Lockdown: Emmanuel Despax realisiert mit engen Vertrauten seinen Jugendtraum, Brahms' 1. Klavierkonzert aufzunehmen. Und liefert eine im Lockdown entstandene Interpretation von 16 vierhändigen Walzern mit Ehefrau Miho Kawashima hinterher. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Very British: Die Ballette von Lord Berners sind in der Einspielung durch David Lloyd-Jones ein Vergnügen. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

IMMA

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich