> > > Gottwald/Mahler: Alma und Gustav Mahler: Transkriptionen für Chor a cappella
Montag, 25. Oktober 2021

Gottwald/Mahler: Alma und Gustav Mahler - Transkriptionen für Chor a cappella

Mahler a cappella


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit zwölf von Clytus Gottwald eindrucksvoll eingerichteten Transkriptionen für Chor a cappella von Werken Gustav und Alma Mahlers entführt das SWR Vokalensemble Stuttgart aus dem Hier und Jetzt.

Die beiden großen Säulen, auf denen Gustav Mahlers Werk formal steht, sind die Symphonie und das Lied. Beide Formen hat Mahler gerne und immer wieder miteinander verbunden, wie etwa in seinen ersten vier Symphonien, den sogenannten ‚Wunderhorn-Symphonien‘. Reine Vokalmusik indes hat Mahler kaum komponiert. Clytus Gottwald (*1925) sieht darin ein generelles Phänomen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts und führt es darauf zurück, ‚dass sich die Chormusik im 19. Jahrhundert sehr weit auseinander entwickelt hat. Auf der einen Seite stand das sehr ausgeprägte Laienchorwesen, befördert durch Friedrich Silcher. Auf der anderen Seite stand die Kunstmusik, in der gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Chormusik fast nur noch als Teil von Instrumentalwerken vorkam, aber nicht mehr als eigenständige Kunstform‘ (so Clytus Gottwald im Booklet). Auf Gustav Mahler bezogen ist das absolut zutreffend, denn tatsächlich finden sich unter seinen mit Chor besetzen Werken nur solche, bei denen der Chor in ein größeres symphonisches Werk eingebunden ist, wie beispielsweise in seiner Zweiten und Achten Symphonie.

Mahler a cappella

An diesem Punkt setzen die Transkriptionen für Chor a cappella von Clytus Gottwald an, der für diese Besetzung nicht nur ausgewählte Lieder von Gustav und Alma Mahler eingerichtet hat, sondern auch einen rein symphonischen Satz, nämlich das 'Adagietto' aus der Fünften Symphonie. Die Kompositionen erscheinen durch die veränderte Besetzung in einem völlig neuen Gewand, das in Gottwalds Änderungsschneiderei je nach Bedarf, mehr oder weniger stark bearbeitet wurde. Gottwald selbst sieht seine Transkriptionen aber nicht als bloße Umschrift, sondern vielmehr als eine selbständige Form im Sinne einer ‚Reflexion auf das Original‘ (so Gottwald). Zwar wird an der Aussage der Lieder nicht viel bis gar nicht gerüttelt, aber die Aussagekraft erreicht durch den alleinigen Zugang über die menschliche Stimme eine ganz andere Qualität, die durch die Unmittelbarkeit des Chorklanges auf wundersame Weise zum Ausdruck kommt.

Mit Transkriptionen ins Transzendente

Auch die musikalische Leistung der Interpreten kann nicht hoch genug gelobt werden. Das SWR Vokalensemble Stuttgart präsentiert unter den zwölf aufgenommenen Transkriptionen (neun von Gustav und drei von Alma Mahler) gleich neun Erstaufnahmen und läuft unter Marcus Creed erneut zu Höchstformen auf! Der gleichzeitig fokussierte und unbeschwert leichte Klang des 33-köpfigen Ensembles ist überwältigend. Auf der CD ist der Chor in einer angenehmen Mischung aus Präzision und leichtem Hall abgebildet, wobei der Klang auch bei den bis zu sechzehnstimmigen Chören nicht auseinanderbricht. Schöner disponiert kann man sich einen Chor kaum vorstellen. Die Entführung aus dem Raum-Zeit-Kontinuum ins Transzendente vollzieht sich unmerkbar schnell, so dass man um das Hören von Titeln wie 'Urlicht' (Erstaufnahme) oder bei 'Ich bin der Welt abhanden gekommen' bald die Zeit vergisst. Besonders gut funktioniert das mit dem letzten Track, der Einrichtung des bereits erwähnten 'Adagietto' aus der Fünften Symphonie. In Anlehnung an Gedanken von Dieter Schnebel versteht Gottwald diesen wohl berühmtesten Symphoniesatz Mahlers als ‚Liebeslied‘ für Alma Mahler, ‚in dem schon alles enthalten ist – der Moment der Krise, des Abschieds, der Trennung‘ (so Gottwald) und legt dazu dem Chor einen Text von Joseph von Eichendorff in den Mund, womit sich der Kreis wieder schließt und die aus der Vokalmusik hervorgegangene Instrumentalmusik wieder zur Vokalmusik wird. Unter dem Titel 'Im Abendrot' stellt das vierstrophige Gedicht, mit dem das 'Adagietto' nun erklingt, hier einen eindeutigen Mehrwert dar und passt ausgesprochen gut zur Musik. Nach dem Hören ist man derart von der Welt entrückt, dass man einen Moment braucht, um zurück ins Diesseits zu kehren. Welch eine Magie!

Der Gesang als Alpha und Omega aller Musik

Am Anfang war die Vokalmusik, so könnte, rückbesinnend auf den Ursprung aller Musik, die Leitidee von Clytus Gottwalds Transkriptionen lauten. Dem SWR Vokalensemble gelingt unter Leitung von Marcus Creed eine Umsetzung dieser Idee, wie man es sich kaum besser vorstellen kann. Überragend!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Peter Büssers Kritik von Peter Büssers,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gottwald/Mahler: Alma und Gustav Mahler: Transkriptionen für Chor a cappella

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.01.2013
063:09
2012
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4009350833708
8337000


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"Seit mehr als zwanzig Jahren erarbeitet der Chorleiter und Musikwissenschaftler Clytus Gottwald Transkriptionen von Klavierliedern oder Instrumentalstücken für Chor a cappella, die in ihrer an Ligeti geschulten Satzweise höchste musikalische Ansprüche stellen. In einer meisterhaften Interpretation stellt das SWR Vokalensemble Stuttgart auf dieser CD Transkriptionen von Werken Alma und Gustav Mahlers vor. Darunter das bekannte "Adagietto" aus der Sinfonie Nr. 5 in Bearbeitung für sechzehnstimmigen Chor."


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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