> > > Barber, Samuel: Konzert für Cello & Orchester op. 22
Montag, 5. Dezember 2022

Barber, Samuel - Konzert für Cello & Orchester op. 22

Barber-Glanzstück


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nach den spannenden Komponistenportraits, die Christian Poltéra bislang veröffentlich hat, ist ihm mit dieser Barber-Platte ein bisheriger Höhepunkt seiner Reihe mit Cellowerken des 20. Jahrhunderts bei BIS gelungen.

Auf dem Tonträgermarkt konnte der Cellist Christian Poltéra insbesondere mit Werken des 20. Jahrhunderts sein Profil als einer der führenden Vertreter seines Fachs schärfen. Für das schwedische Label BIS hat der schweizerische Cellist bislang Werke von Komponisten erschlossen, die nicht in der ersten Reihe des Konzertrepertoires stehen – was freilich über die künstlerische Qualität wenig aussagt: Poltéras engagierter Einsatz für Honegger, Schoeck oder Martin zeigte eindrucksvoll, welch Preziosen sich in deren Schaffen befinden. Die umfassende, sich durch die Kombination von Konzerten und Kammermusikwerken auszeichnende Werkschau der genannten Komponisten ergänzt Christian Poltéra nun um eine weitere Einspielung, die als bisheriger Höhepunkt der Reihe mit Cellowerken des 20. Jahrhunderts gelten darf.

Vorliegende Aufnahme, ebenfalls als hybride SACD produziert, stellt das Schaffen des amerikanischen Komponisten Samuel Barber (1910–1981) in den Mittelpunkt. Barber ist weithin bekannt als Komponist des elegischen 'Adagio for Strings', das auch in diversen Filmen Verwendung fand. Es fehlt auch hier nicht. Weitaus interessanter sind freilich die beiden Werke für Cello. Im Cellokonzert op. 22 hat Poltéra mit dem Philharmonischen Orchester Bergen unter der Leitung von Andrew Litton einen exzellenten Klangkörper zur Seite; die Cellosonate op. 6 hat der Cellist mit seiner langjährigen Klavierpartnerin Kathryn Stott eingespielt.

Samuel Barber gilt aufgrund der außergewöhnlichen Kantabilität, die weite Teile seiner Werke charakterisiert, in der Musik des 20. Jahrhunderts als letzter Mohikaner, als ein Romantiker, der lyrische Ausdruckskraft, Verankerung in tonaler Harmonik und moderne Klangschärfungen auf überzeugende Weise zu verbinden wusste. Das zeigen die beiden Cellowerke in beeindruckender Weise, obgleich sie unterschiedlichen stilistischen Phasen in Barbers Schaffen angehören. Die Cellosonate op. 6 entstand 1932 noch während seines Studiums am Curtis Institute; gerade die lyrischen Seitenthemen der Ecksätze atmen Brahmssche Weite, gleichzeitig zeigt die thematische Erfindung und Verarbeitung dramaturgisches Geschick. Wie sich das Hauptthema des ersten Satzes in aufbauenden Schüben entwickelt, ist denkbar wirkungsvoll gestaltet. Das Cellokonzert, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden, mischt in die bis dahin perfektionierte Entfaltung des Lyrischen stärkere klangliche Härten und rhythmische Kanten. Die motivische Entwicklung ist kleingliedriger als in der Cellosonate, in der Ausarbeitung aber so zwingend, dass das Cellokonzert einen festen (und vorderen) Platz in der Celloliteratur des 20. Jahrhunderts einnehmen kann.

Wer sich Barbers Musik mit sachlicher Nüchternheit nähert, verfehlt ihren Kern. Gerade deshalb ist Christian Poltéras interpretatorischer Zugriff so schlüssig und anregend: Der Cellist füllt die lyrischen Bögen mit größter Emphase und wird in seiner Haltung von einem Orchester unterstützt, das Andrew Litton zu einem opulenten, körperlichen, regelrecht saftigen Klang anhält. Neben dem instrumentalen Gesang, den Poltéra mit sonorem, wohl gerundetem Klang wunderbar vollmundig zu formen versteht, bleibt der schweizerische Cellist jedoch wach für rhythmische Lebhaftigkeit, die große Agilität erfordert. Auch die zahlreichen anderen technischen Hürden, die Barber, selbst mit den Klangmöglichkeiten des Cellos eng vertraut, dem Interpreten aufgegeben hat, meistert Poltéra nicht nur, sondern lotet die expressiven Potentiale überzeugend aus. Von den Pizzicati in der Kopfsatz-Durchführung bis hin zu der kernigen Kadenz lässt er die dramatische Intensität anwachsen, ehe auch das Orchester am Satzende die kantige Motivik klanglich unterstreicht. Im cis-Moll-Mittelsatz ist der Dialog zwischen Cello und hervortretender Oboe feinfühlig gestaltet, im Finale lässt Poltéra sein Cello mit fast schon rasselndem Ton vibrieren; die Konturenschärfe der Rhythmik und die dagegengestellte Spannweite der lyrischen Kantilene sind bestens balanciert, so dass weder das Sangliche noch das scharf Geschnittene überwiegt.

In gleicher Weise überzeugt auch die Interaktion der Pianistin Kathryn Stott mit Christian Poltéra in der Cellosonate c-Moll. Die beiden Kammermusikpartner begegnen sich auf Augenhöhe und nehmen mit hoch engagiertem und sensiblem Spiel für sich ein. Die Spannungswellen im ersten Thema des ersten Satzes zeichnen beide nicht nur klanglich und dynamisch einhellig, sondern auch mit flexibel gehandhabtem Tempo hoch ausdrucksvoll nach. In der hitzigen Durchführung des ersten Satzes meißelt Stott wuchtige Akkordblöcke als Grundlage der motivischen Metamorphosen in der Cellolinie. Hoch virtuos ist der zweite Satz gestaltet, der von einem langsamen und sanglichen Teil in ein rasendes Scherzo umschlägt.

Nach den spannenden Komponistenportraits, die Christian Poltéra bislang veröffentlich hat, ist ihm mit dieser Barber-Platte ein bisheriger Höhepunkt seiner Reihe mit Cellowerken des 20. Jahrhunderts bei BIS gelungen. Auch diesmal lässt die klangliche Präsentation keine Wünsche offen. Der Cellist wird nicht zu sehr in den Vordergrund gerückt, der Orchesterklang im Konzert ist kompakt, in bestem Sinne fleischig gehalten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Barber, Samuel: Konzert für Cello & Orchester op. 22

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
09.01.2013
Medium:
EAN:

SACD
7318599918273


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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