> > > Brahms, Johannes: Klaviersonate Nr. 3, Händel-Variationen
Samstag, 6. März 2021

Brahms, Johannes - Klaviersonate Nr. 3, Händel-Variationen

Kraft und Noblesse


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zu den besten Brahms-Klavierplatten der letzten Jahre gehört zweifellos dieses Debüt von Jonathan Plowright auf dem Label BIS (2012). Es umfasst die dritte Sonate als heroisches Hauptwerk und die kraftstrotzenden Händel-Variationen.

Das 'Allegro maestoso' führt uns in Plowrights Darstellung in jene Sagen- und Ritterwelt, welche später auch die Balladen op. 10 andeuten. Das Eingangsthema ist äußerst kraftvoll und akzentuiert. Der Übergang zum Seitenteil nicht gnomisch-verspukt als Szenerie nach außen verlagert (wie etwa bei Evgeniy Kissin), sondern eine andere subjektive Charakter-Facette entwickelnd, im Bass weiterhin kämpferisch, ja spitz akzentuiert, in der melodischen Motivik abgedunkelt und grüblerisch, bevor das Sehnsuchtsthema zur großen Geste gerät. Das ist eine Ich-Erzählung, wie sie im sehr breit und gut einführenden Booklet-Text auch Malcolm MacDonald formuliert: ‚Das ist Musik für einen Helden, der dem Schicksal trotzt.‘

Brahms aus der heroischen Ich-Perspektive

Plowright ist ein Ich-Erzähler, dessen Neigung zum Grüblerischen in der Sonate weithin trägt. Der durchführende Mittelteil erscheint wie erstarrt, bis das Hauptthema hereinbricht als lauter kämpferischer Aufruf und schließlich vehement die Reprise als finale Kampfzone mobilisiert (man fühlt sich an Walter Scotts Waverley erinnert). In der Reprise habe ich den Nachsatz des Hauptgedankens kaum so gefühlvoll, eindringlich gehört, bevor in zweiten schön gesteigerten Abschnitt ein triumphales Sich-Erheben über das Dunkle, Depressive inszeniert erscheint. Das elegische 'Adagio espressivo' ist in Tempo und Demut hervorragend getroffen, die fallenden Töne eingangs weniger impressionistisch angetupft als bereits melodisch-sehnsuchtsvoll formuliert zum Einstieg in einen ganzen Gefühlsprozess der folgenden Gedanken. Plowright nähert sich immer mal wieder verlangsamend und leise dem Erstarren, lauscht den Arpeggien. Die wechselnden neuen liedhaften Einfälle, Episoden einer erinnerten Ballade, wirken wie gerade erträumt, sensibel, kontemplativ erfahren. Und die Durchbruchsmomente auch dieses Satzes sind genau richtig dosiert. Nicht das Depressive, sondern das Utopische eines romantischen Fühlens findet sich in größter Glaubwürdigkeit formuliert. Das finale Choralthema dann wie ein Kirchgang: sehr langsam genommen mit der Basstonrepetition als tief schlagender Glocke, die überwältigende subjektiv-euphorische Variante dann mit Statur und Größe, unmittelbar erhaben statt sich erhebend. So war das noch nicht zu hören.

In der Ruhe liegt Plowrights Kraft

Das Walzerhafte im Scherzo, im Bass wieder schön akzentuiert, in der Rechten mit sicherer Pranke, führt gleichwohl in die Waverly-Welt zurück: Ball und Tanz als Begegnung; und der Mittelteil wie dann das ‚rückblickende‘ Intermezzo gerät abermals zur Selbstverständigungszone jenes grüblerischen musikalischen Ichs dieser Sonate, in dem sich Komponist und Interpreten treffen, überschneiden, nahezu ideal entsprechen. Formulierung und Fortsetzung des Finalthemas gelingen so prägnant, dass zum Schluss der Sonate eine ungeheure Spannung entsteht, die im Wechsel mit den neugewonnenen lyrischen Themen diesem Schlusssatz eine frappante erzählerischere Dichte verleiht – bis zum Happy End des wunderbar variierten Jubilus-Liedthemas.

Die Händel-Variationen profitieren ebenfalls von Plowrights charakteristischer Profilierungskunst: Schon das Thema erklingt weniger harmlos als in den meisten anderen Interpretationen, und eingangs der ersten, rhythmisch schmissigen Variation bremst der Pianist über ein kleines Rubato den eigentlich aufkommenden Schwung ein wenig. Das hat fast höfische Eleganz und Zurückhaltung. Die Differenzierung zwischen Nonlegato und nirgends verklebten Legato-Studien (schon Variation 2), der Sinn für raffinierte rhythmische Gewichtungen im Takt (Variation 3), die machtvolle Attacke (Variation 4 und später auch die Finalvariationen und die Fuge) – alles ist am Ort, überzeugend, spieltechnisch makellos, klanglich plastisch auch durch die ausgezeichnete Aufzeichnung der BIS-Ingenieure. Zurecht hat das Label nach dieser Knaller-Aufnahme weiter auf den Pianisten gesetzt und ihm eine Gesamtaufnahme der Klavierwerke ermöglicht: Diese Titulierung folgte erst ab Folge 2; die jüngst erschienene dritte Folge – siehe Rezension bei klassik.com – fällt allerdings in allen Belangen so weit ab, dass man fast schon einen anderen Pianisten vermuten könnte. Doch das tut der überragenden Qualität gerade dieser Einspielung keinen Abbruch, sie sei wärmstens als ‚state of the art‘ und sicherlich längerfristige Referenz für beide Werke empfohlen. Wer einen ‚stürmischen‘, fast impressionistisch farbenreichen Brahms auf dem Klavier sucht, ist derzeit vielleicht mit Anna Vinnitskaya sogar noch besser bedient; Jonathan Plowright zeigt uns diese Musik hingegen ebenso überzeugend in nobler Größe und Gedankentiefe.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Klaviersonate Nr. 3, Händel-Variationen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
09.01.2013
Medium:
EAN:

SACD
7318599920474


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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