> > > Beethoven, Ludwig van: Klaviersonaten Nr. 28 & 29
Donnerstag, 23. Januar 2020

Beethoven, Ludwig van - Klaviersonaten Nr. 28 & 29

Mit nobler Sprache


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Evgeni Koroliov widmet sich zwei späten Beethoven-Sonaten und überzeugt erneut auf ganzer Linie. Insbesondere die große Fuge am Ende der Hammerklaviersonate sucht ihresgleichen.

Wenn Evgeni Koroliov Klavier spielt, dann hat er etwas mitzuteilen. Was er auch anfasst, unter seinen Händen scheint es etwas selbständiges, ja etwas ganz selbstverständliches zu werden. Einmal angefangen zuzuhören ist man wie gebannt und mag sich seinem Klavierspiel überhaupt nicht mehr entziehen. Und so sollte es doch eigentlich auch sein bei einem guten Interpreten, vor allem auf dem mit guten Aufnahmen inzwischen wirklich überschwemmten Tonträgermarkt. Doch das ist schon längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Das neue Beethoven-Album von Deutsche Grammophon Shooting-Star Yundi, beispielsweise, ist vollkommen entbehrlich. Bei aller technischen Perfektion bleibt Yundis Beethoven seelenleer und kraftlos. Anders bei Koroliov: Sein Beethoven hat Charakter, ist lebendig und vor allem spannend!

Überlegt und artikuliert

Nachdem Koroliov sich auf seinen letzten Aufnahmen neben Bach vor allem Chopin zugewandt hatte, widmet er sich auf seiner neusten CD zwei späten Beethoven-Sonaten. Ausgewählt hat er die Nummern 28 in A-Dur (op. 101) und 29 in B-Dur (op. 106), letztere auch bekannt unter dem Beinamen ‚Hammerklavier-Sonate‘. Schon mit dem ersten Satz der A-Dur-Sonate fesselt Koroliov die Zuhörer. Der gesamte Satz, der von Beethoven neben der Überschrift 'Allegretto, ma non troppo' auch um die deutsche Vortragsbezeichnung 'Etwas lebhaft und mit der innigsten Empfindung' ergänzt wurde, beginnt auf der Dominante E-Dur und will sich tonartlich bis kurz vor Ende nicht festlegen. Dieser Sonatenhauptsatz ist formal aufgeweicht und für den Kopfsatz einer Sonate auch ungewohnt lyrisch, was bei Koroliov besonders gut hörbar ist. Im Booklet schreibt Thomas Seedorf dazu: ‚Der Satz ist geprägt von einem wundersamen Fließen der Musik‘ – und dem spürt Koroliov hier feinfühlig nach. Sein Beethoven spricht eine noble Sprache. Überlegt und artikuliert im Ausdruck, warm und angenehm im Klang.

Reif

Auch die Lesart seiner ‚Hammerklaviersonate‘ zeugt von ausgesprochener Reife. So nimmt er etwa die vielfach umstrittene Tempoangabe (Halbe=138) nicht wörtlich, sondern geht mit dem Tempo freier um und legt vor allem Wert auf die Gestaltung der musikalischen Zusammenhänge. Von der Unspielbarkeit, die man der Sonate anfänglich nachsagte, ist hier wenig zu hören, dazu klingt es zu selbstverständlich. Vor allem die fugierten Passagen erscheinen in einem transparenten Gewand. Schon das Fugato im Schlusssatz der A-Dur-Sonate ist beeindruckend dargestellt, aber getoppt wird das noch von der großen Fuge im letzten Satz der ‚Hammerklaviersonate. Wer Koroliovs Bach-Aufnahmen, vor allem sein Wohltemperiertes Klavier, kennt, der wird beim Hören schmunzeln können und schnell merken, woher diese Auffassung rührt. Sein Gespür für die Darstellung polyphoner Zusammenhänge auf dem Konzertflügel ist einfach unglaublich stark.

Gebanntes Zuhören

Auch klanglich spielt die Aufnahme erneut auf höchstem Niveau. Der Bösendorfer-Flügel, auf dem Koroliov spielt, klingt ausgesprochen rund und majestätisch, ohne im Diskant zu aufdringlich zu klingen. Die Kraft, die andere Interpreten oft alleine durch ein atemberaubendes Tempo mobilisieren, legt Koroliov in die Gestaltung seiner Melodien, freilich ohne dabei langsam zu spielen. Es gelingt ihm vom ersten Ton an, eine ungeheure Spannung zu erzeugen und damit den Zuhörer wahrhaft in seinen Bann zu ziehen, wie es heute längst nicht mehr alle Interpreten schaffen. Eine in jeder Hinsicht hervorragende Beethoven-Aufnahme.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Peter Büssers Kritik von Peter Büssers,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Klaviersonaten Nr. 28 & 29

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
1
21.01.2013
Medium:
EAN:

CD
4009850020608


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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