> > > Händel, Georg Friedrich: Alcina
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Händel, Georg Friedrich - Alcina

Zauberin aus Fleisch und Blut


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'Alcina'-Inszenierung avancierte beinahe zur Kultinszenierung des Duos Wieler/Morabito, läuft nun seit 15 Jahren in Stuttgart und ist trotz ihrer Kürzungen eine wunderbare Interpretation der Händelschen Oper.

Ein großer Bilderrahmen, goldverziert, ein wenig Gerümpel in der Ecke, Holzfußboden (Bühne: Anna Viebrock). Die Sänger in schwarzen Anzügen, Cocktailkleidern, alles in einem vergleichsweise düsteren, strengen Farbschema gehalten: Die Stuttgarter 'Alcina' von Jossi Wieler und Sergio Morabito spielt ganz offensichtlich nicht auf einer Insel, die zu Stein verwandelten Männer sind nicht zu sehen, die Zauberin Alcina ist keine unerreichbare Magierin aus einer anderen Welt, sondern eine verführerische Frau, die alle Umstehenden in ihren Bann zieht an einem Ort, der zunächst von körperlicher Lust und, sollte diese einmal in Gefahr sein, von Gewalt geprägt ist. Liebe in all ihren Facetten ist Lebensinhalt der hier agierenden Figuren. Und damit werden sie alle zu erstaunlich verletzlichen, reizbaren, aufgewühlten Charakteren aus Fleisch und Blut. Doch was als Vexierspiel der Paare, als weitgehend lustvolle Angelegenheit und mit viel Eifer beginnt, bewegt sich zunächst langsam, dann immer rasender und unaufhaltsam in einer Abwärtsspirale auf die Katastrophe für alle Beteiligten zu.

Zwei Figuren befinden sich schon zu Beginn in ihrer persönlichen Katastrophe: Bradamante, die als Ricciardo verkleidet zu Alcina kommt, um ihren Verlobten, Ruggiero, zu finden, der sich vor ihren Augen mit dieser verführerischen Frau, Alcina, vergnügt. Helene Schneidermann gibt die etwas spröde Bradamante mit dunkel gefärbter Stimme und großer Agilität in den Koloraturen. Auch Oberto, in Wielers und Morabitos Inszenierung ein Teenager, schwankend zwischen Staunen ob der erotischen Freizügigkeit seiner Umgebung und verzweifelter Hilflosigkeit, ist in seinem persönlichen Albtraum gefangen, kann er doch schon seit einiger Zeit seinen Vater nicht mehr finden. Claudia Mahnke verleiht diesem Teenie mit ihrer runden Stimme Tiefgang.

Doch auch für die anderen Figuren entpuppt sich die zunächst teilweise harmlos oder sogar positiv beginnende Geschichte zunehmend zur Katastrophe. Das nächste Opfer dieser Verwirrungen ist Oronte, dessen Geliebte Morgana sich in Ricciardo/Bradamante verliebt. Rolf Romeis Oronte ist ein aufbrausender Hitzkopf mit Hang zur Gewaltbereitschaft. Die Inszenierung verleiht aber auch diesem Charakter eine tiefere Dimension, wenn er plötzlich sein körperliches Interesse an Ruggiero preisgibt. Romei verfügt über einen hellen Tenor, der die Koloraturen in raschem Tempo meistert, aber durchaus auch zu den leiseren Zwischentönen fähig ist ('Un momento di contento').

Ruggiero entdeckt als nächster, dass er nicht auf der rosa Wolke schwebt, wie er glaubte. Nachdem ihm von Melisso die Augen geöffnet werden und er sich wieder an seine Verlobte, Bradamante, erinnert, platzt für ihn die Liebesblase. In der vorliegenden Aufzeichnung von 1999 bezaubert Alice Coote in der Rolle des Ruggiero stimmlich wie darstellerisch. Sie meistert nicht nur die Herausforderungen der Hosenrolle ohne aufgesetzt burschikoses Einherschreiten, sondern mit empfindsamer Rollengestaltung, sie findet auch stimmlich immer wieder zu neuem Ausdruck, trifft die melancholischen wie aufrührerischen Passagen und nimmt so den Zuschauer gefangen. Sie ist der Alcina von Catherine Nagelstad eine wunderbare Partnerin. Alcina ist die nächste Figur, die der Verzweiflung erliegt, deren Herz gebrochen ist. Catherine Nagelstad weiß das wunderbar zu verkörpern. Ihr 'Ah, mio cor' ist Dreh- und Angelpunkt des Abends. Sie ist eine nicht zuletzt durch die einfallsreichen Kostüme (Anna Viebrock) und den bedingungslosen Körpereinsatz wunderbar in Szene gesetzte Herrscherin, deren Herz bricht und die fast zerrissen wird von Rachedurst und Verzweiflung. Nagelstad gestaltet die Partie musikalisch mit feinstem Gespür, ist auf der Höhe ihres Könnens, findet warme, runde Töne ('Di, cor mio'), überrascht mit beeindruckenden Höhenflügen ('Si son quella') und steht ihren Mitstreitern in der Gestaltung der Koloraturkaskaden in nichts nach. Und welch berührender, langgezogener Augenblick, ist Alcinas letzte Arie ('Mi restano le legrime'), die Nagelstadt mit so großer Intensität gestaltet.

Als Letzte lässt Morgana schließlich zu, dass ihr Traum zerbricht. Catriona Smith macht aus diesem Charakter auch wesentlich mehr als viele andere Sängerinnen vor ihr. Hier steht kein naives Mädchen, sondern die Schwester der großen Herrscherin, die sich zu wehren weiß. Der volle, glockenklare Sopran von Catriona Smith hält viele Nuancen bereit, erlaubt ihr, fast ohne Grenzen in die Höhen zu gleiten und mit Koloraturen zu brillieren. Die Sängerriege wird vervollständigt durch den Melisso von Michael Ebbecke und den Astolfo von Heinz Gerger. Das Ensemble wird von dem glänzend musizierenden Staatsorchester Stuttgart durch den Abend getragen. Dirigent Alan Hacker lässt den Hörer vergessen, dass es sich hier nicht um ein Barockensemble handelt.

Interpretation:
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Alcina

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
14.01.2013
Medium:
EAN:

DVD
807280230093


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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