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Sonntag, 20. Oktober 2019

Janacek, Leos - Jenufa

Qualität aus kleinerem Haus


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Seriöse Deutung, ansprechendes Ensemble, starkes Orchester: Janáčeks 'Jenufa' am Opernhaus Malmö.

Für seine dritte Oper hat Leoš Janáček aus Gabriela Preissovás Drama ‚Ihre Ziehtochter‘ eine packende Erzählung geformt. Orpha Phelans Inszenierung, die 2011 an der Oper Malmö über die Bühne ging, erzählt einfach, aber wirkungsvoll die Geschichte von gesellschaftlichem Druck und Kindsmord, von Verstümmelung und Vergebung. Die Aufführung an diesem eher kleinen Haus überzeugt mit einem seriösen Ansatz und einem in weiten Teilen ansprechenden Ensemble. Diese 'Jenufa' lässt einen nicht kalt.

Der Wolkenhimmel lastet düster, Telegrafenmasten säumen den Horizont, ein Sonnenuntergang taucht den Prospekt in rötliches Licht. Doch die Weite suggeriert nicht Offenheit, sondern Verlassenheit (Bühne: Leslie Travers, auch Kostüm). Jenufa ist allein mit dem Kind, das Steva ihr gezeugt hat. Es ist ihre Tragödie und die der Küsterin, die den Säugling töten wird. Die Bühne ist karg, die Mühle am Fluss ein Holzhaus ohne Fenster; im zweiten Akt blickt man ins Innere, aber da ist nichts. Lampen hängen auch außerhalb der kargen Bretterwände herab. Die Regie verschiebt das Bühnenbild leicht ins Symbolische, ohne dass sie die Vorgänge tiefer psychologisierte (das überlässt sie der Musik). Oft setzt sie auf einen Realismus, der die Folklore streift – da tanzen Bauersfrauen, grölen Soldaten.

Die Oper wurde 1904 erstmals aufgeführt, ihre Handlung spielt eigentlich im späten 19. Jahrhundert, bei Phelan nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Regisseurin bezieht das Einzelschicksal auf die Politik – handwerklich akkurat, aber ohne größeren Mehrwert. Am Ende wird die Mühle zum Abriss vorbereitet, man will einen Plattenbau hochziehen, Jenufa und Laca stehen auf dem Geländer und singen ein Duett. Der Traum vom humanen Sozialismus scheint auf, doch das böse Erwachen von 1968, als die Sowjets in Prag einmarschierten, ist auch für die Beziehung der beiden zu befürchten.

Stark ist die Inszenierung im Erzeugen von Atmosphäre und in der Personenführung. Dass Laca Jenufa mit einem Messer das Gesicht verstümmelt, ist hier ein böses Versehen. Erika Sunnegardh in der Titelrolle gefällt mit einem weichgängigen Sopran, der Wärme verströmt. Glaubhaft sind die Rollenporträts. Daniel Franks Laca strahlt mit sprachnahem Gesang eine verzweifelte Ruhe aus. Joachim Bäckström intoniert mit zu viel Druck und im Ansatz manchmal zu tief; sein Steva ist so kraftvoll wie glatt. Ingrid Tobiasson singt die alte Hausfrau vibratolastig, Suzanne Flink gibt die Karolka mit kalter Koketterie. Neben Sunnegardh sticht Gitta-Maria Sjöberg in der Rolle der Küsterin heraus: abgründig, wie sie ihren Entschluss fasst, eindringlich, wie sie den Verstand verliert. Die Nebenrollen sind solide besetzt (exemplarisch fürs stimmige Spiel ist Per Hoyer als Altgesell).

Kundig begleitet werden die Sänger vom Opernorchester unter der Leistung von Henrik Marmén, der Bühne und Graben bei dieser Live-Aufnahme gut koordiniert; nur die Rekruten sind zu leise (für den Chor zuständig: Elisabeth Boström). Janáček erscheint hier ganz als der große Melodiker und Psychologe, der er war: Das Orchester beleuchtet die Farben, stellt die Kontraste heraus, deutet kleinteilig aus und spannt zugleich einen großen dramatischen Bogen. Blechderbheiten kann es ebenso wie feine Linien. Mitreißend ist die pointierte Rasanz, mit der es die Musik an manchen Stellen gleichsam ins offene Messer laufen lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
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Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Janacek, Leos: Jenufa

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
14.01.2013
Medium:
EAN:

DVD
807280166590


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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