> > > Kalmar, Carlos: Werke von Elgar, Vaughan Williams & Britten
Dienstag, 16. August 2022

Kalmar, Carlos - Werke von Elgar, Vaughan Williams & Britten

Albatros-Spannweite


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch die zweite Einspielung bei Pentatone, mit der die erfolgreiche Zusammenarbeit von Carlos Kalmar mit The Oregon Symphony dokumentiert wird, widmet sich britischer Musik. Sie ist musikalisch vollauf gelungen.

Wenn es stimmt, dass man die Qualität eines Dirigenten vornehmlich daran erkennt, was zwischen den Notenköpfen passiert, dann ist Carlos Kalmar ein großartiger Vertreter seines Fachs – zumindest wenn das Urteil über die Güte dieses hierzulande nahezu unbekannten Orchesterleiters anhand einer jüngst erschienenen Einspielung mit Konzertmitschnitten fällt. Carlos Kalmar, in Uruguay als Sohn österreichischer Eltern geboren, gehört nun wahrlich nicht zur Spitze der internationalen Pultstars. Es ist ihm allerdings während seiner zehnjährigen Amtszeit gelungen, The Oregon Symphony zu einem konkurrenzfähigen Orchester zu machen. Sollte es eines letzten Beweises bedürfen, dass die ehemaligen ‚Big Five‘ in der US-amerikanischen Orchesterlandschaft nicht mehr unangefochten an der Spitze stehen, so könnte man als Beispiel neben den Orchestern aus Pittsburgh, Dallas, Detroit oder Seattle auch das Minnesota Orchestra oder eben die in Portland beheimatete Oregon Symphony als Beispiel nennen.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit von Carlos Kalmar mit der Oregon Symphony wird beim holländischen Label Pentatone nun schon mit der zweiten Einspielung dokumentiert. Auch sie ist, wie bei Pentatone üblich, als hybride SACD produziert und besticht mit großer klanglicher Wärme. Dass es sich um Konzertmitschnitte handelt, merkt man kaum; Zuschauergeräusche sind bis auf kleinste Nebengeräusche nicht existent. Offenbar hat die britische Musik es Carlos Kalmar angetan. Bildeten schon auf der letzten CD (unter dem übergeordneten Titel ‚Music for a Time of War‘) Werke des ungleichen Paars Ralph Vaughan Williams und Benjamin Britten den Hauptgegenstand, so knüpft die nun unter der assoziationsreichen Überschrift ‚This England‘ versammelte Zusammenstellung daran direkt an: Im Zentrum der Aufnahme steht Vaughan Williams‘ Sinfonie Nr. 5, gefolgt von den 'Four Sea Interludes' aus Brittens 'Peter Grimes' samt zugehöriger 'Passacaglia'.

Eingeleitet wird diese wunderbare Aufnahme jedoch mit einem dritten Briten, Edward Elgar. In der Ouvertüre 'Cockaigne (In London Town) ' op. 40 wirken zwar manche Tempoübergänge in der Gestaltung von Kalmar ein klein wenig künstlich, doch insgesamt kann The Oregon Symphony mit agogisch fein austariertem Schmelz und rhythmischer Griffigkeit begeistern. Die meistersingerhafte Abwechslung zwischen Pomp und leichtfüßiger Agilität erreicht Kalmar, indem er sorgsam darauf achtet, das Blech schlank zu halten; doch die kantablen Themen dürfen sich mit aller Eleganz breit aussingen – ein denkbar launiger Einstieg in das Programm.

In Topform präsentiert sich das Orchester in der Fünften Sinfonie von Ralph Vaughan Williams. Die pastoralen Weiten dieser modal eingefärbten Sinfonie pflanzen sich unter den Händen von Carlos Kalmar ebenso natürlich wie suggestiv fort. Sowohl im 'Preludio' aus auch im langsamen Satz erreichen die Spannungsbögen, die der Dirigent mit ruhiger Hand zu zeichnen versteht, Albatros-Spannweiten. Die dichten Klänge formt der Dirigent ungemein zwingend, so dass sich Spannungs- und Entspannungszustände unmittelbar mitteilen, und das sowohl im Kleinen wie auch auf der Ebene ganzer Sätze. Kalmar kennt die Musik offenbar gut und weiß, wie er einen beinahe zwölfminütigen Satz wie den ersten in einem dramaturgischen Bogen mit klarem Höhepunkt formt. Das Orchester pflegt einen wundervoll sonoren Streicherklang (bei dem allerdings die Bässe ein wenig stärker profiliert sein dürften). Auch die tragisch-dunklen Untertöne, die so mancher Interpret bei so viel pastoralem Zauber übergeht, sind in die sinfonischen Entwicklungen schlüssig und im rechten Maß eingebunden.

Carlos Kalmar weiß allerdings nicht nur größere Dimensionen spannungsvoll auszufüllen; auch die kurzen, aber stimmungsdichten und farbigen Sätze von Benjamin Brittens 'Four Sea Interludes' op. 33a aus 'Peter Grimes' gelingen überzeugend. Vor den letzten Satz 'Storm' schiebt Kalmar die ebenfalls aus 'Peter Grimes' stammende Passacaglia op. 33b, eine dramaturgisch schlüssige Anordnung. The Oregon Symphony erweist sich auch hier als versierter Klangkörper, der vor allem in den Bläsern mit satten Farben für sich einnehmen kann. Der Höhepunkt in der Passacaglia ist von eherner Wucht, das virtuose Spiel etwa der Trompeten lässt keine Wünsche offen.

Die leuchtende Farbkraft hängt freilich nicht zuletzt an der erstklassigen tontechnischen Qualität. Pentatone hat den Orchesterklang mit großer Wärme eingefangen, die Instrumente sind klar im Raum zu verorten, fügen sich aber trotzdem zu einem sehr runden Klang zusammen. Allerdings sind die Hörner und Streicherbässe zuweilen etwas schwach. Das führt dazu, dass sich zwischen dem kernigen tiefen Blech rechts hinten zu den klanglich sehr gut fokussierten hohen Streichern im linken Vordergrund eine schräge Linie großer Klangstärke ergibt, die andere Instrumente manchmal etwas in den Hintergrund treten lässt.

Doch diese Kleinigkeiten können die Güte dieser Produktion nicht schmälern. Man braucht von diesem Konzertmitschnitt nicht zu erwarten, dass die Stücke durch einen roten Faden verbunden sind. Die Aufnahme macht vielmehr den Eindruck eines abwechslungsreich zusammengestellten Programms – das von der Oregon Symphony unter der Leitung von Carlos Kalmar mit innigem Ausdruck präsentiert wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kalmar, Carlos: Werke von Elgar, Vaughan Williams & Britten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
20.11.2012
Medium:
EAN:

SACD
827949047169


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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