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Dienstag, 9. August 2022

Schönberg, Arnold - Sämtliche Werke für Klavier

Schönberg als Klangerlebnis


Label/Verlag: Odradek
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Pina Napolitano hält in ihrer Einspielung von Schönbergs Klavierwerk das Maß zwischen großem Bogen und Liebe zum Detail.

Wer es sich zur Aufgabe macht, das Gesamtwerk für Klavier von Arnold Schönberg einzuspielen, der muss sich einlassen auf eine stilistische Vielfalt, die ihresgleichen sucht. Schönbergs Klavierwerk repräsentiert beinahe jede Station seines kompositorischen Werdegangs auf dem Weg zur Zwölftonreihe. Es reicht von den zwar atonalen, aber in ihrer Idee noch dem romantischen Charakterstück verhafteten 'Drei Klavierstücken' op. 11 über das vorwiegend seriell konzipierte op. 23 bis hin zu den endgültig dodekaphonen Stücken opp. 33a und 33b. Dazwischen sind die 'Sechs kleinen Klavierstücke' op. 19 sowie die 'Suite' op. 25, die auf barocke Tanzformen zurückgreift, anzusiedeln.

Mit ihrer bei Odradek Records erschienenen Einspielung dieses zwar nicht umfangreichen, aber differenzierten Klavierwerks stellt sich die italienische Pianistin Pina Napolitano der Schwierigkeit, die verschiedenen Facetten von Schönbergs Kompositionsverfahren zur Darstellung zu bringen. Sie leistet damit nicht zuletzt einen unverzichtbaren Beitrag zur Rezeption einer Musik, die, obwohl sie rund hundert Jahre nach ihrer Entstehung längst nicht mehr als ‚neu‘ zu bezeichnen ist, im aktuellen Musikbetrieb um ihren Platz kämpfen muss. Dass Pina Napolitano Schönberg nicht nur hier und da in ihr Repertoire integriert, sondern sogar eine Gesamtdarstellung seines Klavierwerks präsentiert, macht sie in diesem Sinne zweifellos zu einer Ausnahmeerscheinung innerhalb des Plattenbetriebs.

Die Anforderungen an den Interpreten einer nicht-tonalen Musik, die zudem mit so komplexen polyphonen Vorgängen operiert wie diejenige Schönbergs, bestehen vor allem darin, die Struktur der Werke für den Hörer verständlich zu machen, ihm innerhalb des dichten Stimmengeflechts etwas an die Hand zu geben, was es ihm erleichtert, den musikalischen Prozess so weit wie möglich zu verfolgen. Pina Napolitano wird diesem Anspruch auf mehreren Ebenen gerecht. Zunächst sei auf ihr beispielhaftes Artikulationsvermögen verwiesen, das ihr eine präzise Wiedergabe von Schönbergs Angaben im Notentext erlaubt und für den Zuhörer das Auseinanderhalten einzelner Stimmen möglich macht. Auch im Hinblick auf Tempoaspekte fällt auf, dass Napolitano sich Abweichungen vom Zeitmaß nur dort gestattet, wo sie vom Komponisten vorgeschrieben sind, ein Verfahren, das Klarheit schafft, indem es rhythmische Gestalten nicht durch Dehnung oder Raffung verzerrt.

Napolitanos Fähigkeit zu artikulatorischer Deutlichkeit und Festigkeit des Tempos bewährt sich insbesondere in den 'Drei Klavierstücken' op. 11, wo eine präzise Formulierung der Phrasen die Grundvoraussetzung dafür liefert, dass der musikalische Hauptgedanke im Verlauf des Stücks wiedererkannt werden kann. So gelingt es der Pianistin, selbst das vielschichtige dritte Stück noch durchsichtig zu präsentieren. In den beiden vorausgehenden Stücken, die beide einen lyrischen Tonfall ausprägen, rückt Napolitano das romantische Moment der Kompositionen in den Vordergrund und besticht durch ausdrucksvolle, warme Tongebung.

Gerade diesem ausgeprägten Klangsinn ist es zu verdanken, dass die sechs Miniaturen op. 19 bei Napolitano zum besonderen Erlebnis werden. Die Interpretin lässt jedes der meist nicht einmal einminütigen Stücke in anderem Licht aufleuchten, taucht jedes in eine ganz bestimmte Atmosphäre, sodass die kaum greifbaren, flüchtigen Visionen des Zyklus auf einmal als in sich ruhende Bestandteile eines facettenreichen Gesamtbildes in Erscheinung treten. Napolitano beeindruckt hier insbesondere durch ihre Fähigkeit, ihr Piano scheinbar unendlich auszudifferenzieren, sodass Schönbergs dynamischen Vorgaben, die das Spektrum zwischen ein- und dreifachem Piano auf engstem Raum abdecken, in jeder Hinsicht Rechnung getragen werden kann. Die intime, fast entrückte Klangsphäre, die Napolitano in den sechs kurzen Stücken schafft, ist wesentlich ihrer feinsinnigen Anschlagskultur zu verdanken.

In der 'Suite' op. 25 nimmt Napolitano es mit ganz anders gearteten musikalischen Charakteren auf. Die Pianistin überträgt hier mit Gewinn die Leichtigkeit und Lebendigkeit barocker Tänze auf Schönbergs atonalen Satztypus. Die Reibung zwischen der archaischen Form der Suiten-Sätze und der progressiven Tonsprache der Musik der Zweiten Wiener Schule, die den Reiz des umfänglichen Stücks ausmacht, wird durch Napolitanos Wiedergabe noch akzentuiert. Ebenso wie in den übrigen Werken beweist die Pianistin auch hier strengste Texttreue, indem sie jedes verfügbare Mittel anwendet, um Schönbergs präzisen Spielanweisungen gerecht zu werden. In beispielhafter Weise gelingt ihr das Kunststück, zum einen jedes Detail der Kompositionen auszuleuchten, zum anderen aber darüber nicht den Sinn für den großen Bogen zu verlieren. Besonders die 'Suite' präsentiert sich in Napolitanos Interpretation als ein in sich geschlossenes Ganzes, das sich innerhalb seiner formalen Begrenzungen ausdifferenziert in kontrastierende Gestalten und Charaktere.

In den opp. 23 und 33 allerdings tritt als Mangel an die Oberfläche, was noch in op. 19 gerade den Reiz ausmachte: Napolitano unterschlägt die herben, manchmal ruppigen Forte-Ausbrüche und dynamischen Steigerungen, die Bestandteil der Musik sind. Was das Piano der Interpretin mit seinen vielfachen Abstufungen und Schattierungen verspricht, löst das Forte nicht ein. Fast alle Passagen, in denen Schönberg, dessen dynamische Angaben gewiss wohlüberlegt und untrennbare Elemente des Tonsatzes sind, ein Überschreiten der vorherrschenden Lautstärke vorschreibt, geraten bei Napolitano zu flach, zu wenig einschneidend. Das bedeutet nicht, dass sie sich über die Anweisungen einfach hinwegsetzt. Aber ihr Forte wird nicht als Kontrast verständlich, als Widerpart zum leisen Register. So wünscht man sich gerade in dichten und unübersichtlichen Abschnitten mehr Mut zum plastischen Spiel, zu einer sich wirklich markant von den übrigen Stimmen absetzenden Hauptlinie. Zwar sorgt Napolitano im Bereich der Artikulation in vorbildlicher Manier für Klarheit und Durchsichtigkeit in Schönbergs komprimiertem Satzgefüge. Aber die dynamische Realisierung der Schichten des Tonsatzes bleibt dahinter zurück.

Der Vorwurf, den man Napolitanos Schönberg-Interpretation machen kann, besteht darin, dass sie zu sehr auf das Runde und Weiche ihres Klavierklangs fixiert ist. Ihre Scheu vor dynamischem Zugriff, der manchmal vielleicht die Schönheit des Gesamtklangs durchbrechen muss, droht gerade die besonders komplexen Stücke von op. 23 und 33 einzuebnen. Die delikate Anschlagskultur der Pianistin lässt dagegen die zerbrechlichen Miniaturen op. 19 voll zur Geltung kommen. Dank ihrer Bemühungen, Schönbergs Notentext in all seinen Einzelheiten umzusetzen, kleinste Details der Stücke präzise auszugestalten und klangliches Feingefühl ganz in den Dienst der von anderen Interpreten oft so unbeteiligt vorgetragenen Musik zu stellen, ist Napolitanos Schönberg-Einspielung jedem ans Herz zu legen, der sich für das Klavierwerk des Komponisten interessiert und begeistert.

Als deutlicher Schwachpunkt der Gesamtkonzeption tritt leider das Booklet hervor, dessen gewiss informative Werkbeschreibungen vollkommen unzulänglich übersetzt worden sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Schönberg, Arnold: Sämtliche Werke für Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Odradek
1
30.01.2015
Medium:
EAN:

CD
855317003004


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Odradek

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Wir möchten dazu beitragen, dass Musik wieder ausschließlich als Kunstwerk wahrgenommen und die ursprüngliche Funktion musikalischer Interpretation wiederhergestellt wird ? die einzige, die eine mögliche Zukunft eröffnet: ein Feld der Forschung.

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