> > > Svetlanov, Evgeny dirigeirt: Werke von Rachmaninoff & Prokofieff
Montag, 6. Februar 2023

Svetlanov, Evgeny dirigeirt - Werke von Rachmaninoff & Prokofieff

Tief bewegender Abschied


Label/Verlag: ICA Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenige Wochen vor seinem Tod führte Evgeny Svetlanov in London Rachmaninoffs 'Glocken' auf. ICA Classics macht diesen Mitschnitt nun zugänglich.

Mitte April 2002 gab der bereits krankheitsgeschwächte Evgeny Svetlanov im Londoner Barbican ein Konzert mit dem BBC Symphony Orchestra, dem er seit 1979, als ihn das britische Orchester zum Ersten Gastdirigent erkor, eng verbunden war. Die zweite Programmhälfte war einem Werk gewidmet, das nicht nur vom Komponisten zu seinen liebsten gezählt wurde, sondern auch zu den Lieblingsstücken des Dirigenten gehörte: Sergej Rachmaninoffs vokal-symphonisches Gedicht 'Die Glocken' op. 35 für Soli, Chor und Orchester. Die freie Übertragung einer Vorlage von Edgar Allan Poe ins Russische durch Konstantin Balmont zeichnet anhand des Motivs der Glocken – Schlitten-, Hochzeits-, Feuer- und Todesglocken – metaphorisch den Lebensweg von fröhlichen Kindertagen bis zum Tod nach. Allerdings in einer für Rachmaninoff typischen Perspektive: Selbst das lustige Schlittengebimmel im ersten Satz wird von wehmütiger Nostalgie getrübt, während der letzte Satz mit einem verklärenden Schluss endet. Das transzendente Schimmern am Ende des vierten Satzes der 'Glocken' sollte auch die Zusammenarbeit mit dem BBC Symphony Orchestra besiegeln: Kurze Zeit später ist Svetlanov in Moskau gestorben. Es konnte niemand ahnen, dass die 'Glocken' Svetlanovs endgültigen Abschied bedeuteten. Doch erreicht das ruhig entfaltete Musizieren eine Intensität, die etwas Endgültiges, nicht Wiederholbares hat.

Doch nicht nur der Umstand, dass es das von Svetlanov als letztes dirigierte Werk ist, macht diese Aufnahme besonders. Sie ist vor allem von tief bewegender Ausdruckskraft. Der versierte Operndirigent Svetlanov war zeit seines Lebens bekannt dafür, über einen besonderes Gespür für die musikalische Dramaturgie auch sinfonischer Musik zu verfügen. So wird etwa im zweiten Satz die innige, helle, aber substanzreiche Glücksstimmung der Hochzeitsglocken in subtilen Schattierungen aufgefächert. Mit klarem Überblick steuert Svetlanov – wenn auch mit etwas langsameren Tempi im Gegensatz zu seinen frühen Jahren – auf den großen Höhepunkt des Satzes zu. Man hat den Eindruck, als überwölbe ein großer Spannungsbogen den gesamten Satz, doch wird dem Übergeordneten das Detail nicht geopfert: Durch süffige dynamische Wellenbewegungen wird im Kleinen jede Phrase suggestiv modelliert.

Die zurückgenommenen Tempi geben Svetlanov die Möglichkeit, das Klangfarbenspiel umso deutlicher und effektvoller zu entfalten. So wird das helle Schimmern des ersten Satzes, in dem der Klang der Schlittenglöckchen evoziert wird, von den in der Balance nach vorn gezogenen Holzbläsern wunderbar filigran und farbig glitzernd abgebildet. In der Satzmitte jedoch legt Svetlanov einen Schleier der Nostalgie über das Kindheitsbild; auf einmal erscheint der Orchesterklang wie hinter einer Nebelwand – eine in diesem Kontext schauerliche Wirkung. Im dritten Satz kommt die Bedrohung trotz bedächtigen Voranschreitens in ihrer Vehemenz ungeschönt zum Ausdruck, während der vierte Satz zuerst in tiefste Tiefen führt, um sich dann der versöhnlich-friedvollen Verklärung zu öffnen. Das alles ist von Svetlanov mit so sicher disponierender Hand gezeichnet, dass jede Wendung, jede Färbung, jedes Detail ins Gesamtbild integriert ist und sich dem großbogigen Schwung unterordnet.

Das Orchester spielt seelenvoll und in der gemeinsam atmenden Phrasierung doch so, als sei jede Regung wie von Geisterhand geführt. Die gegensätzlichen Stimmungen werden mit farbigem Spiel unterstrichen, singende, innig glühende Kantilenen gelingen ebenso überzeugend wie tragisch-düstere Ballungen im dritten und vierten Satz. Neben der exzellenten Leistung des Chors, der mit große Hingabe die Ausdruckswelten des Textes sinnlich gestaltet, können auch die Solisten überzeugen. Daniil Shtoda verfügt über den nötigen Glanz für den ersten Satz, Elena Prokina zeichnet die zarteren Stimmungen des zweiten Satzes mit gerundetem, zu goldenem Aufblühen fähigen Sopran nach, während Sergej Leiferkus im vierten Satz mit seinem durchdringenden Bass ergreifende Todesklagen anstimmt.

Vierzehn Jahre älter ist die Aufnahme des zweiten Programmteils, Sergej Prokofjews 'Alexander Nevsky' op. 78, diesmal allerdings mit dem Philharmonia Orchestra und zugehörigem Chor. Auch dieser Mitschnitt bietet musikalisch Herausragendes und darf zu den herausragenden Einspielungen dieser aus der Musik zu Eisensteins Film hervorgegangenen Kantate gezählt werden. Mit unbändiger Wucht werden die unterschiedlichen Ausdruckswelten der Szenen hingestellt, wobei der fünfte Satz ('Schlacht auf dem Eis') besonders eindringlich gelingt. Die klangliche Umsetzung der beiden Mitschnitte ist passabel, wenn auch freilich das Verhältnis von Chor, Orchester und Solisten in Studioaufnahmen vielleicht noch etwas besser tariert sein könnte. Dafür belohnen die Mitschnitte mit einem überbordend vitalen, ausdrucksintensiven Musizieren, das im Studio wohl kaum möglich gewesen wäre. Das Booklet dieser von ICA Classics veröffentlichten Svetlanov-Zusammenstellung bietet einen kurzen Abriss über den Dirigenten und die Stücke, allerdings sind die Texte der 'Glocken' und von 'Alexander Nevsky' nicht abgedruckt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Svetlanov, Evgeny dirigeirt: Werke von Rachmaninoff & Prokofieff

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ICA Classics
1
04.06.2012
Medium:
EAN:

CD
5060244550698


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ICA Classics

Mit ICA (International Classical Artists) entstand im Jahr 2011 das erste DVD- und CD-Label einer Künstleragentur. ICA bietet in seinem Katalog unter dem Label Legacy sowohl wertvolles Archivmaterial, das aus Quellen der BBC, des WDR Köln oder des Boston Symphony Orchestra stammt, als auch die in renommierten Konzertsälen entstandenen Aufnahmen der hauseigenen Künstler, die unter dem Label Live präsentiert werden. Die meisten der ICA-Titel erscheinen erstmals auf DVD oder CD. Alle historischen Aufnahmen sind nach dem neuesten Stand der Technik liebevoll und fachmännisch restauriert worden.

Für diese einmaligen Aufnahmen wurde das Label ICA bereits mit bedeutenden Preisen - wie dem Toblacher Komponierhäuschen, dem Internationalen Mahler Preis und mehreren Diapasons d'Or geehrt. Zu den besonders erfolgreichen Titeln gehören die 1986 entstandene Aufnahme von Mahlers Dritter mit Klaus Tennstedt und dem London Philharmonic Orchestra sowie die DVD mit dem Royal Philharmonic Orchestra und dem BBC Symphony Orchestra unter Rudolf Kempe mit Musik von Dvorak und Richard Strauss.

Das Team von ICA, dem auch die in der Musikindustrie erfahrenen Experten Stephen Wright und John Pattrick angehören, war in den vergangen Jahren am Erfolg von zahlreichen CD- und DVD-Produktionen beteiligt. Dazu gehören beispielsweise The Art of Conducting, The Art of Piano, The Art of Violin sowie die DVD-Serie Classic Archive. Darüber hinaus entstanden in Koproduktion Dokumentationen über Richter, Fricsay, Mravinsky und Toscanini. Das bereits 1998 gegründete BBC Legends Archiv-Label umfasst mittlerweile mehr als 250 CDs. Für EMI Classics entstand die CD-Serie Great Conductors of the 20th Century.


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