> > > Rachmaninoff, Sergei: Sinfonische Tänze op. 45
Dienstag, 25. Januar 2022

Rachmaninoff, Sergei - Sinfonische Tänze op. 45

Hochspannende Verdichtung


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Andrew Litton begeistert mit Rachmaninoffs 'Toteninsel' und 'Der Fels', sein Zugang zu den 'Sinfonischen Tänzen' ist allerdings etwas problematisch.

Bereits in jungen Jahren legte der amerikanische Dirigent Andrew Litton bei Virgin eine beachtliche Gesamteinspielung der Sinfonien von Sergej Rachmaninoff vor, die manch altgedienten Kollegen ziemlich blass aussehen ließ. Es gelang Litton nicht alles gleich gut und gerade im Hinblick auf suggestive Detailarbeit hat er in der Zwischenzeit seine Rachmaninoff-Lesart verfeinert. Doch bereits in diesem frühen Zyklus kündigte sich an, dass Litton die weiten Bögen Rachmaninoffs mit einem vollmundigen Zugriff spannungsvoll nachzuzeichnen versteht. Einige Zeit später legte er mit Stephen Hough eine der herausragenden Gesamteinspielungen von Rachmaninoffs Klavierkonzerten vor. Da weckt vorliegende Einspielung mit drei Orchesterwerken aus Rachmaninoffs drei kompositorischen Phasen hohe Erwartungen, zumal Littons Arbeit mit dem Philharmonischen Orchester Bergen in der jüngsten Vergangenheit bereits so manchen diskographischen Edelstein hervorbrachte.

Eingerahmt zwischen zwei der bekanntesten Orchesterwerke Rachmaninoffs steht die frühe Orchesterfantasie 'Der Fels' op. 7 aus dem Jahr 1893. Den Anfang macht 'Die Toteninsel' op. 29 aus Rachmaninoffs mittlerer Periode, am Ende stehen die 'Sinfonischen Tänze' op. 45, das letzte Werk des Russen im amerikanischen Exil, ein Blick zurück in Wehmut, in dem das Dies-irae-Motiv, das auch die 'Toteninsel' durchzieht, die Klangszene bestimmt und somit korrespondierend dem ersten Stück eine inhaltliche Klammer des schlüssig zusammengestellten Programms bildet.

Am besten gelungen ist hier erstaunlicherweise 'Der Fels', der in zahlreichen Einspielungen eher wie ein Lückenfüller wirkt; hier aber kommt die Instrumentierungskunst, die der junge Rachmaninoff bereits besaß, bestens zum Vorschein. Die interpretatorische Umsetzung ist von differenziertem Farbenspiel bestimmt. Litton lässt die Qualitäten der Holzbläser des wieder einmal in allen Gruppen exzellenten Philharmonischen Orchesters Bergen hervortreten; das Schneeflocken-Gewimmel im hohen Holz ist filigran und quicklebendig. Gegen Ende ballt Litton die dramatischen Elemente zu einer riesigen Steigerung, die auch den Rachmaninoff-Experten russischer Provenienz (Svetlanov oder Rozhdestvensky) alle Ehre machen würde.

Freilich ist 'Die Toteninsel' kompositorisch noch ein ganzes Stück ausgereifter, und auch die klangliche Darstellung dieser bei BIS als hybride SACD erschienenen Aufnahme ist fesselnd; sie steht dem 'Fels' in kaum etwas nach. Litton zeichnet die düstere Stimmung mit einem recht bedächtig gewählten Anfangstempo nach, doch nach den ersten erhellenden Dur-Aufschwüngen, die von den Streichern mit süffigen Portamenti ausgestattet werden, erhöht Litton Spannung und Tempo. Die beiden großen Steigerungen in der zweiten Hälfte des Stücks gelingen geradezu überwältigend, die zuerst in sich ruhende Motivik der Passage im Dreivierteltakt wird spannungsvoll verdichtet und in einen zermalmenden Strudel hineingezogen, der einen am Ende mit kathartischer Wucht in tiefste Tiefen herunterreißt. Polyphone Umrankungen und instrumentatorische Schattierungen sind mustergültig herausgearbeitet, die Spannungslinien überaus klar und packend klanglich ausgeformt. Und doch ist da in winziger Rest Unzufriedenheit, denn Litton wirkt manchmal etwas zu präzise und notengetreu. Das Gegeneinander von zwei zu drei im Fünfachteltakt steht einem ungehemmten Strömen etwas entgegen, später sind es dann Punktierungen, die ein bisschen zu plastisch wirken. Doch wird dies mehr als ausgeglichen von einer Orchesterleistung auf internationalem Spitzenniveau. Allein schon die unterschiedlichen Färbungen der Blechbläsergruppe sind mehr als beachtlich, ihr Piano ist so weich und düster wie die grünen Matten der Toteninsel.

Mit den 'Sinfonischen Tänzen' beginnt allerdings der etwas problematische Teil der Einspielung. Sie könnten eine großartige Rachmaninoff-Einspielung krönen – aber das bleibt aus. Denn Litton geht an diese nostalgische Musik zwar nicht ganz so düster, stampfend und mit zähen Tempi heran wie jüngst Valery Gergiev, aber Littons Deutung geht gefährlich in diese Richtung. Er legt die Betonung bei der Interpretation des dreisätzigen Werks auf ‚sinfonisch‘, nicht auf ‚Tänze‘. Den Schwung, den Dirigenten wie Kirill Kondraschin, Mariss Jansons oder Yuri Temirkanov mit einer wehmütig-tragischen Grundtönung zu verbinden wussten, lässt Litton kaum aufkommen, weil er mit massigem Klang und scharfem Rhythmus tänzerische metrische Gewichtung zugunsten gleichmäßig betonter Schwerpunkte zurückstellt und der Vorwärtsbewegung, wenn sie einmal in Gang ist, mit Luftpausen und Ritardandi Hürden in den Weg stellt, vor allem in den Rahmenteilen des ersten Satzes.

Klangfarblich jedoch erweisen sich Litton und das Philharmonische Orchester Bergen auch hier als versiert; das Flirrend-Spukhafte des zweiten Satzes ist großartig herausgearbeitet, und auch der dritten Satz ist nuancenreich gestaltet, die Bläserarbeit im ruhigen Mittelteil des Kopfsatzes von betörender Schönheit. Doch so schön manche Kantilene hier gelingt, so ‚amerikanisch‘ wirken die metrischen Verschiebungen am Ende des dritten Satzes, die im Schlagwerk so hämmernd daherkommen, als handle es sich um Musik zum ‚Herrn der Ringe‘. Vor allem aber fragt man sich, welcher Teufel Litton, der seinen Rachmaninoff doch ebenso ernst wie genau nimmt, geritten hat, den tragischen Tam-tam-Schlag am Ende des Satzes, der eigentlich bis zum Erlöschen verklingen soll, abzudämpfen. Das erstaunt vor allem insofern, als dem Schlagwerk gerade in den 'Sinfonischen Tänzen' etwas zu viel Prominenz im ansonsten tadellosen, dynamisch sehr breiten und das Klangpanorama des Orchesters wunderbar satt wiedergebenden Klangbild zugestanden wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rachmaninoff, Sergei: Sinfonische Tänze op. 45

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
14.11.2012
Medium:
EAN:

CD
7318599917511


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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