> > > Ensemble Insomnio: Werke von Schönberg & Boulez
Sonntag, 14. August 2022

Ensemble Insomnio - Werke von Schönberg & Boulez

Ein Auffrischen alter Stücke der Neuen Musik


Label/Verlag: encora
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das junge Insomnio-Ensemble blickt ganz neu auf zwei Klassiker der Moderne: Schönbergs 'Pierrot Lunaire' und Boulez' 'Le Marteau sans maître'. In einer Filmdokumentation wird die Entstehung der CD beleuchtet.

Ist denn das Neue Musik? Schönberg starb vor mehr als einem halben Jahrhundert. Kann man seinem Schlüsselwerk für die moderne Musik überhaupt noch etwas Neues abgewinnen? Aufnahmen seiner Werke und speziell von 'Pierrot Lunaire' gibt es schon zuhauf. Auch der Editor der Neue-Musik-Reihe beim Deutschlandfunk, Frank Kämpfer, war nicht sofort von der Idee begeistert. Das junge Ensemble Insomnio landete mit seiner Debut-CD ausschließlich mit Werken junger, zeitgenössischer Komponisten einen großen Erfolg. Nun greift es auf ein ‚altes Stück der Neuen Musik‘ (Kämpfer) zurück. ‚Das ist Musikgeschichte‘, so Kämpfer, meint damit aber Pierre Boulez. Sein Stück 'Le Marteau sans maître' entstand in den 1950er Jahren, das von Schönberg sogar schon am Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch es sei spannend gewesen, wie das Ensemble Insomnio so ein altes Stück für sich entdeckt, denn ‚es wird Zeit, dass man einen anderen Blick darauf wirft‘. Spannend war es auch für das Ensemble selbst, wie man in dem Begleitfilm ‚Fenced‘ sehen kann. Leider ist dieser (nur) ein Making-of der CD und erfüllt nicht die Erwartungen, die sich bei einem Untertitel wie ‚a film about contemporary music‘ einstellen. Man erhält interessante Einblicke in die Arbeit des Ensembles und besonders dessen Leiter Ulrich Pöhl, aber mehr auch nicht.

Boulez versetzte in seinem berühmt gewordenen Essay Schönberg einen Todesstoß, doch spürt man besonders an den hier eingespielten Werken, dass es sich bei dieser Tat um Vatermord handelt. 1912 legte Schönberg mit der Instrumentation seines Melodrams mit Gesang, Klavier, Flöte, Klarinette, Violine/ Bratsche und Violoncello den Grundstein für den Umgang mit kammermusikalischen Besetzungen in der modernen Musik. Was bei Schönberg revolutionär war, hatte sich in den 50ern bereits etabliert. Boulez nutzte neben Gesang ebenfalls die Flöte, Bratsche, außerdem Gitarre, Xylorimba, Vibraphon und Perkussionsinstrumente. Die freie Zusammenstellung kleiner Instrumentalensembles hat sich bis heute in der Neue Musik gehalten. Eindrücklich, wie die einzelnen Soloinstrumente eigene Charaktere entfalten: Keines beschränkt sich auf eine nur begleitende Funktion; der Gesang steht an keiner Stelle im Vordergrund. Schönberg schuf ein Melodram in freier Atonalität, während Boulez sich nach einer Zeit der seriellen Komposition nun freieren Formen zuwandte, wobei er immer wieder auf serielle Elemente zurückgriff.

Beklemmende Düsternis, wie in 'Die Nacht' aus Pierrot und erschreckende Ausbrüche in 'Gemeinheit', sind in der Einspielung des Ensembles Insomnio hervorragend abgestimmt. An keiner Stelle wirkt die vielströmige Musik ungeordnet. Intime Momente, etwa Dialoge zwischen Flöte und Gesang, sowohl in 'Pierrot' als auch in 'Marteau' vorhanden, werden hier zu hochspannenden Klangmomenten. Die Kräfte der einzelnen Musiker verschmelzen zu einem gemeinsamen Ganzen. Die Interpretation wirkt nicht besonders avanciert und ist auch nicht radikal. Vielleicht war es Vorsicht oder Ehrfurcht vor diesen Klassikern, doch aus dieser Haltung entsteht ein feinfühliges Klanggebilde, das keine Brutalität braucht. Das Ensemble Insomnio lässt sich ganz auf die Musik ein und formuliert ein eigenes Bild dieser Stücke.

Beide Werke zeichnen sich durch eigenwillige Behandlung der Stimme aus, was ebenso flexible Sängerinnen voraussetzt. Charlotte Rieijk und Valérie Guillorit wissen ihren Rollen die nötigen Eigenheiten beizumischen. Nur an wenigen Stellen soll wirklich gesungen werden, andererseits soll der Text aber auch nicht einfach gesprochen werden; meist ist es eine Zwischenform. Beiden Sängerinnen gelingt es, die eigentümlichen Texte von Albert Giraud ('Pierrot') und René Char ('Marteau') wirklich zu beleben und eine individuelle Interpretation zu liefern, die so unangepasst ist wie die Stücke selbst. Dafür nutzen sie zahlreiche Facetten des Stimmapparats. Sie hauchen, lassen die Stimmbänder kratzen, schreien auf, überstilisieren durch sentimentales Vibrato und kehren den sarkastischen Charakter, der beiden Werken zugrunde liegt, hervor. Bitterer Zynismus kommt auf, wenn Charlotte Rieijk im sechsten Stück 'Madonna' den makaberen Text so agil und doch an Kälte kaum zu übertreffend wiedergibt. Valérie Guillorit dagegen zaubert mit ihrer sonoren, vollen Stimme eine gespenstische Atmosphäre in 'l‘Artisana furieux'. Ihre Kraft und Wandlungsfähigkeit – von still flüsternd urplötzlich ins angreifenden fortissimo – erzeugt Gänsehaut. Das Ensemble kommentiert und ergänzt den Gesang variantenreich und erschafft eine bedrückende bis bedrohliche Stimmung. Da jede Stimme auch eine Solostimme ist, kann jeder der Musiker sich frei entfalten. Diese Freiräume nutzt jeder von ihnen auf seine Weise und gestaltet seinen Part so aus, dass jeder Einsatz immer auch eine neue Stimmung hinzufügt.

Die auf der beiliegenden DVD enthaltene Dokumentation zeigt viele Facetten dieses jungen, auf zeitgenössische Musik spezialisierten Ensembles auf. Die Probleme der Interpretation bei Stücken, die noch keine Aufführungstradition haben, zeigen sich mit dem ersten Aufschlagen der Partitur. ‚Manchmal schreiben sie so viele Noten und so kompliziert‘, erzählt einer der Perkussionisten. Manches ist einfach unspielbar, und man muss mit dem Komponisten einen Kompromiss finden. Doch nach einigen Probentagen stellt sich immer ein Gefühl für den Klang des Werks ein und die Musiker beginnen zu verstehen, was diese Musik sagen will – sie eignen sich das Stück an. Dann beginnt die Musik im eigentlichen Sinn und die Musiker spielen nicht mehr nur Noten – denn darauf kommt es an, so Ensembleleiter Pöhl.

Auch Boulez selbst arbeitet mit dem Ensemble, um seinem Stück den letzten Schliff zu verpassen. Dieser Meilenstein der Neuen Musik lässt sich aber nichts mehr sagen, das musste auch Pöhl lernen, dem Boulez unmissverständlich klar macht, wie er zu dirigieren hat: ‚Ich kann dir jetzt schon sagen, dass dies nicht funktionieren wird.‘ Mit bestimmter Freundlichkeit hilft er den jungen Musikern auf seine Art. ‚Du brauchst nicht viel zu tun, nur den Puls angeben. Sorry, dass ich das so sage, aber ich spreche aus Erfahrung.‘ Mit schönen Bildern führt der knapp einstündige Film in das ‚Wagnis‘ Neue Musik ein. Der Film will Lust machen auf Neue Musik, die Faszination dieser Musik für die Menschen, die sich mit dieser auseinandersetzen, anschaulich machen. Doch braucht ein Publikum, das sich diese CD kauft, solche Anreize?

Schade, dass die Filmemacher Rino Gouw und Jan de Wit sich nicht selbst zu neuen Wegen getraut haben und den Film nicht, wie Schönberg und Boulez, weit entfernt von den Konventionen ihrer Zeit, weit abseits von gewohnter Making-of-Manier angelegt haben. Die SACD allein überzeugt durch eine ambitionierte Interpretation der zwei wegweisenden Werke der Neuen Musik. Das junge Ensemble, dessen Mitglieder aus verschiedenen Ländern stammen, kann dieser Musik spannende neue Facetten verleihen. Die Ergänzung der klangtechnisch überzeugenden Einspielung durch das sehr aufschlussreiche Booklet hätte jedoch völlig ausgereicht. Die DVD ist neben der CD nur eine nette Beigabe.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






David Buschmann Kritik von David Buschmann,


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    Ensemble Insomnio: Werke von Schönberg & Boulez

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
encora
1
19.11.2015
Medium:
EAN:

SACD DVD
4260104940138


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encora

Das Label encora wurde 2002 im Münsterland gegründet, um zu Unrecht weniger beachtete Komponisten und seltenere Besetzungen in höchster Tonqualität aufzunehmen und zu verlegen. So haben Mandolinisten und Gitarristen sowie Akkordeonisten bei encora eine Heimat gefunden. Aber auch Standardrepertoire im Bereich der Klassik wird verlegt, wobei der Schwerpunkt bei Erstveröffentlichungen liegt.
Auch die Singer/Songwriter Markus Segschneider und Paul O´Brien sind im Katalog von encora vertreten.
Die CD/SACD "Insomnio" wurde für den Preis der deutschen Schallplattenkritik für den Jahrespreis nominiert und steht auf der Bestenliste 2.2011.


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