> > > Hofmann, Heinrich: Sinfonie "Frithjof" op. 22
Donnerstag, 3. Dezember 2020

Hofmann, Heinrich - Sinfonie "Frithjof" op. 22

Harmonisch


Label/Verlag: Sterling
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zu seiner Zeit berühmt, heute vergessen: Heinrich Hofmann. Drei Orchesterwerken kann man sich nun hörenderweise nähern. Die Bekanntschaft lohnt sich.

Wie sich die Zeiten wandeln. Komponisten, die heute ganz en vogue sind, mögen in hundert Jahren in einer bestimmten Nische der Musikgeschichte noch bekannt sein. Aber wer kann die Popularitätsentwicklung der Gegenwart schon vorhersagen? Niemand hätte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gedacht, dass Heinrich Hofmanns Sinfonie 'Frithjof' heute nur mehr eine Marginalie der Musikgeschichte ist. Umso verdienstvoller ist die Veröffentlichung der ersten Tonträgereinspielung, seit fast 140 Jahren.

Heinrich Hofmann (1842–1902) hatte in seiner Geburtsstadt Berlin Musik studiert und wurde später ein respektiertes Mitglied der Berliner Königlichen Akademie der Künste. Obwohl seine Werke in den 1870er- und 1880er-Jahren zu den meistaufgeführten Werken in ganz Deutschland zählten, erlebte er schon früh nachlassendes Interesse – der Geschmackswechsel der Jahrhundertwende machte seinem Erfolg den Garaus. Hofmann ist musikalisch eindeutig Vertreter seiner Epoche, der Epoche Reineckes, Raffs, Gouvys, Draesekes und vieler anderer, die heute von der Musikforschung zumeist belächelt und den Musikveranstaltern ignoriert werden, obwohl sie einzeln zunächst deutlich mehr Erfolg hatten als Brahms und Bruckner zusammen. Seinen Stil würden manche heute als akademisch, als wenig abenteuerfreudig bezeichnen, doch besteht die Entwicklung der Musikgeschichte ja immer wieder aus Phasen der Etablierung eines Stiles (hier eines Stiles jenseits von Mendelssohn oder Schumann), die später als wichtige Übergangsphasen erkannt werden mögen, denen es aber selbst gewissermaßen an äußerstem Innovationspotenzial mangelt.

Die vorliegende CD präsentiert zwei der erfolgreichsten Orchesterwerke Hofmanns, die 'Ungarische Suite' op. 16 mit Benutzung ungarischer Nationalmelodien und die Sinfonie Es-Dur 'Frithjof' op. 22. Beide Werke entstanden kurz hintereinander 1872-1874 und etablierten Hofmanns Ruf. Eröffnet wird die CD mit der kurz danach entstandenen Schauspiel-Ouvertüre op. 28, die offenkundiges Bindeglied zwischen Schumann und Brahms‘ fünf Jahre später entstandener 'Tragischer Ouvertüre' ist. Vom Geist her ist sie aber weitaus leichtgewichtiger; in Momenten erinnert sie an Mendelssohn’schen Sommernachtsspuk, dann aber wieder an etablierte Sinfonik der Zeit. Auffallend ist das hohe handwerkliche Können Hofmanns – im direkten Vergleich reicht Liszt bezüglich der instrumentatorischen Fähigkeiten nur in Ausnahmefällen über den heute Vergessenen hinaus. Man spürt Verbindungen zu Smetana und Sterndale Bennett, somit heute verlorene Vernetzungen des Musiklebens des 19. Jahrhunderts. Auch eine Hornphrase, die Strauss hätte inspirieren können, fehlt nicht – insgesamt ausgesprochen ansprechend gemachte Musik, die im Konzert bei genügend kraftvoller Wiedergabe auch heute noch erfolgreich sein könnte.

Ähnliches lässt sich über die 'Frithjof'-Sinfonie sagen, deren komplexe Programmbeigabe heute nur mehr andeutungsweise verstanden werden kann. Zwei der vier Sätze haben Titel, die anderen illustrieren die damals weithin bekannte norwegische Sage. Natürlich hat die Musik nichts Norwegisches an sich, ist vielmehr aber auf im internationalen Vergleich durchaus hohen Niveau angesiedelt, mit für den Zeitstil durchaus nicht unspannenden Materialdurchführungen. Wagnerisch inspirierte Zerklüftungen bietet der zentrale langsame Satz 'Ingeborg’s Klage', der allerdings vielleicht ein wenig zu episodenhaft ist (offenbar bedingt durch das stete Bestreben, die Sage durchgängig weiterzuerzählen, ein durchaus legitimes Verfahren).

Die 'Ungarische Suite' ist ein substanzreiches dreisätziges, melodienreiches, handwerklich außerordentlich überzeugendes Werk mit besonders viel Lokalkolorit im 'In der Puszta' überschriebenen Schlusssatz; dennoch steht Hofmann offenkundig abermals Liszt näher als Brahms. Der 'Romanze' betitelte Mittelsatz (mit einer kleinen Reminiszenz an Schubert) ist ein entzückender stimmungshafter Satz, den auch von Grieg oder andere ‚größeren‘ Namen geschaffen haben könnte.

Das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera unter Leitung von Eric Solén bemüht sich sehr um Hofmanns Schaffen, doch merkt man an manchen Stellen (etwa in verschiedenen Streichereinsätzen im langsamen Satz), dass wir es, so sorgsam die Einstudierung sein mag, nicht ganz mit einem sogenannten 1a-Orchester zu tun haben (was nicht heißen soll, dass nicht auch diese Orchester ihre schlechten Tage, Wochen, Monate oder Jahre haben können). Vor allem wäre vielleicht an manchen Stellen ein etwas stärkeres Kontrastieren (das vielleicht nicht in der Partitur steht), dem Werk gut bekommen; besonders die Tempi erscheinen manchmal deutlich zu gemäßigt. Insgesamt scheinen die Musiker ein wenig zu sehr um Harmonie bemüht und die möglichen Kontraste nicht voll ausreizend – besonders auch den ‚ungarischen Ton‘ in der 'Ungarischen Suite'.

Ein zuverlässiges Booklet (das sich auf Englisch besser liest als auf Deutsch) und sorgsame Aufnahmetechnik komplettieren eine dennoch insgesamt erfreuliche Neuerscheinung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hofmann, Heinrich: Sinfonie "Frithjof" op. 22

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Sterling
1
15.11.2012
Medium:
EAN:

CD
7393338109723


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Sterling

Sterling is a record label specialising in orchestral music from the Romantic era, founded by Bo Hyttner. Most of the CDs released by Sterling contain previously unrecorded works. After setting out with Swedish romantics, Sterling is now spreading out towards the musical heritage of other European countries. In Sweden, the label is represented through CDA.



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