> > > Schumann, Robert: Sinfonien Nr. 1 & 3 Vol. 2
Sonntag, 29. Januar 2023

Schumann, Robert - Sinfonien Nr. 1 & 3 Vol. 2

In der Deckung


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch die zweite Folge der Gesamteinspielung von Robert Schumanns Sinfonien mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne hat sehr fein ausgehörte Momente. Doch insgesamt fehlt das Überbordende, der Mut zum Risiko.

Das Gros bedeutender Einspielungen der Sinfonien von Robert Schumann in den letzten Jahren stammt von Kammerorchestern. Das Chamber Orchestra of Europe unter Nikolaus Harnoncourt, das Czech Chamber Philharmonic Orchestra unter Douglas Bostock, das Swedish Chamber Orchestra unter Thomas Dausgaard, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi, nicht zu vergessen das Orchestra of the Swan unter Kenneth Woods (ein mit Werken von Hans Gál kombinierter Schumann-Zyklus, der hierzulande viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt) – da befindet sich der Pianist und Dirigent Christian Zacharias in bester Gesellschaft. Bei MDG hat er nun mit den Sinfonien Nr. 1 und 3 seine Schumann-Gesamteinspielung mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne vervollständigt, nachdem die Sinfonien Nr. 2 und 4 vor wenigen Monaten erschienen waren, ebenfalls als klangtechnisch erstklassige hybride SACD.

Farbiger Mischklang

Im Gegensatz zu einigen der oben genannten Dirigenten – Harnoncourt und Woods sind dabei auszunehmen – sitzt Zacharias nicht dem Irrglauben auf, möglichst große Transparenz und Trennschärfe der Stimmen lasse Schumanns in der Vergangenheit oft gescholtenen Orchestersatz zum Schillern bringen. Schumanns Instrumentation zielt auf einen Mischklang, der die solistische Äußerung fast komplett ausschließt; fast durchgängig färben die Streicher das Geschehen in den Bläsern ein (nicht umgekehrt). Daher wirkt es sich äußerst positiv auf den Gesamtklang aus, wenn die Streicher in ein angemessenes Verhältnis zu den Bläsern gebracht werden – wie hier beim Orchestre de Chambre de Lausanne.

Auffächerung der Polyphonie

So fein die Instrumentalfarben einer optimalen Balance der Stimmen verschmelzen, so ist das Ergebnis doch von Konturenlosigkeit verschont: Zacharias arbeitet in der ‚Rheinischen‘ Sinfonie Es-Dur op. 97 die kanonischen Motivverarbeitungen in den ersten Sätzen sehr sorgsam heraus. Äußerst positiv fällt auch die Beleuchtung des Bassfundaments auf, das in kammerorchestralen Interpretationen nicht selten allzu schlapp wirkt. Die mehrstimmige Anlage kommt im vierten Satz der Dritten Sinfonie zu ihrem Höhepunkt: Die Polyphonie dieser Musik ‚im alten Stil‘ unterstreicht Zacharias mit einer vibratoreduzierten, der Alten Musik verbundenen Klanglichkeit der Streicher. In der Ersten Sinfonie B-Dur op. 38 nutzt er die Färbung der ehemals nur mit gestopften Tönen erreichbaren Noten, auch dies eine Ausnahme, die seine Interpretation aus dem Gros der Vergleichseinspielungen herausragen lässt. Den Mittelstimmen Raum verschaffend wird die ganze Reichhaltigkeit des Schumannschen Orchestersatzes, etwa im 'Larghetto' der Ersten Sinfonie oder dem 'Scherzo' der Dritten, mustergültig ausgebreitet.

Abgesichert

Ein weiterer Aspekt betrifft den Umgang mit artikulatorischen Differenzierungen und Akzentgebungen. Es ist höchst erfreulich, dass bei Zacharias nicht jedes Sforzando mit Donnerwucht hereinkracht, wie man das heutzutage allenthalben hören kann. Oft versteht er Akzente als Hinweise auf metrische Umgewichtungen, was den insgesamt kantablen Vortrag sehr elastisch macht. Immer wieder schafft Zacharias durch einen über mehrere Takte reichenden metrischen Puls weit ausgreifende Schwünge – doch mit ebensolcher Regelmäßigkeit folgen solchen Glanzmomenten Phasen von hölzerner Bräsigkeit. Das technisch famose Orchestre de Chambre de Lausanne ist in allen Gruppen erstklassig besetzt und weiß Schumanns Musik mal schimmernd, mal aufleuchtend, mal angemessen dunkel zu präsentieren – aber es fehlt der Überschwang. Der interpretatorische Zugriff von Christian Zacharias ist ungemein genau in der Umsetzung des Notentextes, und das Meiste klingt schlichtweg erstklassig. Aber was macht man mit einem Hauptthema im Kopfsatz der ‚Frühlingssinfonie‘, das ohne überschießende Freude im letzten Drittel der Einleitung erreicht wird und dann mit gleichbleibend zurückhaltender Nonchalance dahin schlendert? Oder mit einem ersten Satz der ‚Rheinischen‘, bei dem alle latente Mehrstimmigkeit akribisch herausgearbeitet ist, aber in der Durchführung die vorbildlich betonten Bassgänge ohne Drängen erfolgen, also letztlich folgenlos bleiben?

Zacharias‘ Schumann ist klanglich wundervoll, aber interpretatorisch allzu abgesichert. Stets bleibt er in Deckung, hält den Überschuss, den diese Musik nach außen trägt, geschmackvoll zurück. Eine solche interpretatorische Haltung ist angenehmer als jene auf Krawall gebürsteten, rhythmisch beißenden, modischen Schumann-Deutungen unserer Tage – aber eben nicht vollkommen zufriedenstellend. Keinerlei Wünsche lässt allerdings die klangtechnische Umsetzung offen, die den subtil verschmelzenden Instrumenten nicht zu nahe kommt, aber trotzdem ein Höchstmaß an Klarheit vermittelt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schumann, Robert: Sinfonien Nr. 1 & 3 Vol. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
16.11.2012
Medium:
EAN:

SACD
760623177267


Cover vergössern

MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Florian Schreiner zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Farbliche Auffächerung: Christian Zacharias bietet eine Schumann-Lektüre von erlesener Klarheit und Farbigkeit. Doch bietet diese feingliedrige Interpretation keinen Raum für das Manische, den Überschuss an Ausdruck. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 01.07.2012)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag MDG:

  • Zur Kritik... Bach im Austausch: BachWerkVokal natürlich mit Bach – in frischer, mit etlichen individuellen Akzenten versehener Deutung. Dazu ältere Impulse und programmatische Ausflüge bis in die Gegenwart. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... 'Don Giovanni' als Kammermusik: Bearbeitet für Bläser: Das Trio Roseau spielt eine umfangreiche Harmoniemusik aus 'Don Giovanni' sowie einige Arien mit Streicher-Beteiligung. Weiter...
    (Dr. Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Wiederentdeckungen aus der Romantik: Ferdinand Ries gehört zu den zahlreichen Komponisten der damaligen Zeit, die bis heute unterschätzt werden. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
blättern

Alle Kritiken von MDG...

Weitere CD-Besprechungen von Florian Schreiner:

  • Zur Kritik... Ordnende Hand: Interpretatorisch lässt sich Paavo Järvis Einspielungen mit dem Cincinnati Symphony Orchestra einiges abgewinnen. Klanglich gibt es aber bei einem großen Teil erhebliche Mängel. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
  • Zur Kritik... Sattes Fundament: Diese äußerst reichhaltige Sammlung historischer Aufnahmen eines Großteils des Schaffens von Carl Nielsen ist vor allem für jene, die Nielsen aus jüngeren Aufnahmen schon einigermaßen kennen, eine unverzichbare Bereicherung. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
  • Zur Kritik... Wiederentdeckung des Gesangs: Das Ensemble Armoniosa bringt Giovanni Benedetto Plattis Triosonaten zum Funkeln. Mitreißend vom ersten bis zum letzten Ton. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
blättern

Alle Kritiken von Florian Schreiner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2022) herunterladen (5000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2023) herunterladen (5000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Max Bruch: Kol Nidrei

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich