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Montag, 6. Februar 2023

OPUS POSTHUM - Frühwerk von Alexander & Julian Scriabin - Maria Lettberg, Piano

Vorglühen


Label/Verlag: Es-Dur
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die schwedische Pianistin Maria Lettberg hat sich bereits sehr erfolgreich mit dem reifen Skrjabin auseinandergesetzt. Nun zeigt sie, wie viele Keime bereits in Skrjabins frühen Klavierwerken enthalten sind.

Alexander Skrjabin gehörte um die Wende des 20. Jahrhunderts neben Sergej Rachmaninoff und Nikolaj Medtner zu den führenden russischen Komponisten-Pianisten. Daher nimmt es nicht wunder, dass Werke für Klavier einen Großteil seines kompositorischen Schaffens ausmachen. Den Kosmos dieses unvergleichlichen, vor allem im Hinblick auf die harmonische Gestaltung höchst originellen und wegweisenden Oeuvres hat die schwedische Pianistin Maria Lettberg vor wenigen Jahren erfolgreich durchwandert. Auf acht CDs präsentierte sie Skrjabins gesamtes mit Opuszahlen versehenes Klavierwerk.

Nun widmet sie sich abermals Alexander Skrjabin, doch diesmal geht sie in seiner Geschichte weiter zurück. Unter dem Titel ‚Opus Posthum‘ hat sie ein Programm zusammengestellt, das sich dem (nicht für die Publikation vorgesehenen und daher aus der offiziellen Werkzählung ausgeschlossenen) Frühwerk für Klavier annimmt. Einige der fast durchweg einsätzigen Stücke wurden erst vor wenigen Jahren herausgegeben und hier zum ersten Mal eingespielt. An den Schluss dieser anregenden Beschäftigung mit Skrjabins frühen Werken aus den Jahren zwischen 1884/85 und 1900 hat Maria Lettberg vier Préludes von Julian Skrjabin gestellt, dem Sohn von Alexander Skrjabin und Tatjana Schloezer, die der hochbegabte Julian in den Jahren 1918/19 komponiert haben soll (wobei große Ähnlichkeiten mit Alexander Skrjabins Werken unüberhörbar sind).

Skrjabin war einer der großen Ekstatiker der Musikgeschichte. In seinen späteren Werken macht man fast immer Bekanntschaft mit dem Rausch in allen denkbaren Erscheinungsformen – in einer sowohl berauschten als auch berauschenden Musik. Die Frühwerke des jugendlichen Skrjabin sprechen freilich eine andere Sprache als seine späteren, und doch zeigt sich hier ein Komponist auf dem Weg: Das Frühwerk ist Skrjabins Vorglühen für den späteren Rausch.

Tanzformen, zu denen neben Mazurka und Walzer auch das Scherzo zählen darf, sind unter den einsätzigen frühen Werken in der Mehrzahl. Doch schon hier zeigt sich, wie Skrjabin deren repetitive Strukturen durch kreative Variantenbildung auf interessante Weise anreichert. Auch sein späterer idiosynkratischer Umgang mit Dissonanzen läuft bereits in Kinderschuhen vorbei, etwa im Walzer Des-Dur, der diese vollauf gelungene Einspielung eröffnet. Im folgenden gis-Moll-Walzer und der Mazurka h-Moll ist zu beobachten, wie phantasievoll der junge Skrjabin mit den unterschiedlichen Strahlkräften der Register umgeht. In der Mazurka F-Dur wird zuerst ein harmloser Salontonfall angeschlagen, der sich über eine unerwartete Generalpausen-Schlucht beugt. Was dann folgt, ist ein romantisch wühlendes, leidenschaftlich aufregendes Aufgeworfensein. Von großen Kontrasten zwischen einem Beginn wie aus einem Mendelssohnschen 'Lied ohne Worte' und brodelnd unruhiger Fortführung ist auch die As-Dur-Nocturne bestimmt, während das Klavierstück b-Moll mit metrischen Ambivalenzen spielt.

Marita Lettberg zeichnet die tänzerischen Bewegungsimpulse in den Walzern, Mazurken und Scherzi mit elastischem, aber stets geschmackvollem Rubato nach. Der Ton ihres Bechstein-Flügels (die der Komponist selbst am liebsten spielte) ist im hohen Register von betörender Schlankheit und fast perkussivem Glanz; manchmal gerät der Klang in die Nähe eines Hammerklaviers. Die in Riga geborene schwedische Pianistin lotet die Farben mit feinem Gespür aus, wobei vor allem die suggestive Brillanz des hohen Registers gegenüber der weichen Mittellage und präziser Tiefe sensibel herausgearbeitet ist. Zum Höhepunkt macht sie die dreisätzige Sonate es-Moll, die am deutlichsten den späteren Skrjabin am Horizont aufscheinen lässt. Mit düster schäumender Leidenschaftlichkeit begibt sie sich in den Kopfsatz, um sodann die klanglich ausgedünnten Lyrismen des Seitensatzes in ihrer latenten Mehrstimmigkeit auszuleuchten. Maria Lettberg verfügt nicht nur über die technische Fertigkeit, es mit dem frühen Skrjabin aufnehmen zu können, sondern vor allem über das Feingespür, den Reiz von Skrjabins frühen Klavierwerken dem Hörer zu vermitteln: durch ein dynamisch und farblich schattiertes, die Reichhaltigkeit des Klaviersatzes offenlegendes, in der Phrasierung kompaktes Klavierspiel. Darüber hinaus weiß sie über den Komponisten, sein pianistisches Frühwerk und dessen Charakteristika auch in Worten auf profunde Weise zu berichten. Ihr Beihefttext dieser vom Label Es-Dur in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur veröffentlichten, auch klanglich überzeugenden Einspielung lässt keine Wünsche offen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    OPUS POSTHUM: Frühwerk von Alexander & Julian Scriabin - Maria Lettberg, Piano

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Es-Dur
1
16.11.2012
67:31
2012
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4015372820404
ES 2040


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Concerti: "Mit weicher Fundierung und einem ausgeprägten Gespür fürs Sangliche zeichnet Lettberg dieses Frühwerk ohne Opuszahlen mit feinen Konturen nach. (Sören Ingwersen / concerti)"

Norddeutscher Rundfunk (NDR): "Maria Lettberg ist wieder einmal eine sehr gelungene Reise zu Scriabins musikalischem Kern geglückt – vor allem weil sie seine Musik tief durchdringt und zu etwas Eigenem macht. (Chantal Nastasi / NDR Kultur) "


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Es-Dur

ES-DUR ist ein Label für klassische und zeitgenössische Musik mit Sitz in Hamburg. Das Label wurde 1992 zusammen mit dem Label CHARADE vom Tonmeister Eberhard Schnellen gegründet und erwarb sich aufgrund der herausragenden künstlerischen und technischen Qualität der mittlerweile rund 50 Veröffentlichungen schnell einen sehr guten Ruf. Im Frühjahr 2011 übergab Eberhard Schnellen die Führung des Labels in die Hände seiner langjährigen Mitarbeiter Karola Parry und Udo Potratz, beide ebenfalls Tonmeister.

ES-DUR bietet sorgfältig produzierte Editionen wie die Kammermusikreihe mit David Geringas und Tatjana Schatz. Im Rahmen dieser Reihe legte David Geringas im November 2011 mit GERINGAS PLAYS BACH PLUS eine außergewöhnliche Einspielung der Cello-Suiten von J.S.Bach vor, die in der Presse überaus positiv aufgenommen wurde.

Die Reihe MUSIK AM GOTHAER HOF mit der Thüringen Philharmonie Gotha unter Herrman Breuer und bekannten Solisten wie Antje Weithaas, Jens Peter Maintz oder Michael Sanderling reflektiert das reiche musikalische Schaffen der Komponisten vom Gothaer Hof wie Louis Spohr, Georg Anton Benda und Andreas Romberg und wurde in der Fachpresse mit höchstem Lob bedacht.

Der ES-DUR-Katalog repräsentiert den Reichtum und die Vielfalt der Musikgeschichte und Gattungen, großen Raum finden aber auch die spannenden musikalischen Entwicklungen der Gegenwart - der Klang unserer Zeit.


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