> > > Mendelssohn Bartholdy, Felix: Lieder ohne Worte op. 19b, 30, 38, 53
Montag, 30. Januar 2023

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Lieder ohne Worte op. 19b, 30, 38, 53

Instrumentales Singen


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die erste Folge von Ronald Brautigams Gesamteinspielung der 'Lieder ohne Worte' von Felix Mendelssohn Bartholdy darf eine Spitzenposition in der Diskographie einnehmen.

Ronald Brautigam gehört zu den führenden Pianisten der Gegenwart, auch wenn er medial weit weniger stark ins Scheinwerferlicht gerückt wird wie viele seiner Kollegen. Vor allem gehört er zu der verschwindend kleinen Gruppe – Andreas Staier, Alexander Melnikov oder Hardy Rittner wären neben Brautigam zu nennen –, die sich sowohl auf dem Konzertflügel wie auch auf historischen Claviermodellen in gleicher Weise zurechtfindet.

Nun hat sich Ronald Brautigam Felix Mendelssohn Bartholdys 'Liedern ohne Worte' gewidmet. Auch wenn es auf dem Cover der bei BIS als hybride SACD veröffentlichten Einspielung nicht eigens vermerkt ist: Brautigam greift bei dieser Aufnahme, der ersten, die Bücher 1-4 und fünf verstreute Einzelstücke enthaltenden Folge einer Gesamteinspielung von Mendelssohns 'Liedern ohne Worte', auf den Nachbau eines Pleyel-Flügels der 1830er Jahre zurück. Es ist, soweit ich sehe, die erste Interpretation der gesammelten 'Lieder ohne Worte' auf einem Instrument des mittleren 19. Jahrhunderts. Tobias Koch hat bei seinem Streifzug durch Mendelssohns Klaviermusik auf einem Kisting -Flügel nur eine kleine Auswahl der 'Lieder ohne Worte' aufgenommen.

Was Brautigams Mendelssohn-Produktion zu einer Spitzenposition in der Diskographie von Mendelssohns 'Liedern ohne Worte' verhilft, ist aber nicht allein die schlanke, direkte Ansprache des Bassregisters und der gedeckte, wie mit einem ledernen Köpfchen überzogene Klang des oberen Lage. Außergewöhnlich ist vielmehr, dass Brautigam die Potentiale des Pleyel-Nachbaus interpretatorisch zu nutzen versteht: Die klangliche Darstellung ist aus den Möglichkeiten und Eigenheiten des Instruments direkt entwickelt. Zum Glück aber begnügt sich Brautigam nicht mit einer ‚Darstellung‘ des Notentextes, sondern erfüllt jede Sekunde mit lebhaftem Ausdruck. Freilich strebt Brautigam keine Rekonstruktion romantischer Klavierpraxis an; er verzichtet (weitestgehend) auf asynchronen Anschlag, willkürliches Arpeggieren und rhythmische Abweichungen vom Notierten, die zu einer stilistisch der Werkentstehungszeit angepassten Interpretation gehören würden. Aber er erweckt den Eindruck eines instrumentalen Singens durch äußerst geschmackvoll eingesetzte Rubati, agogische Akzente und derlei interpretatorische Ideen mehr, die seine Deutung aus der Masse der dahinplätschernden Wiedergaben von Mendelssohns 'Liedern ohne Worte' haushoch hervorragen lassen.

Wer es gewohnt ist, die kurzen instrumentalen Lieder als gepflegte Kaminfeuer-Unterhaltung zu hören, wird bei der ersten Begegnung mit Brautigams elektrisierender Lesart schockiert sein. Denn mit so viel Ausdruckskraft und -schattierungen erfüllt hört man diese Musik selten, wobei es nicht den Anschein hat, als überfrachte Brautigam die kurzen Stücke. Eher scheint es, als nehme der Pianist sie einmal wirklich ernst. Dazu gehört auch, den Kantilenen nicht jenen heimelig-biedermeierlichen Charakter zu geben, als würden sie im bürgerlichen Salon des 19. Jahrhunderts traumselig gesummt, sondern von einem Sänger nach allen Regeln der hohen Kunst lebendig und ausdruckssatt gemacht. So zögert Brautigam manch melodischen Höhepunkt sachte hinaus, um ihn dann, mit Samthandschuhen angefasst, als Scheitelpunkt der Phrase wirken zu lassen (op. 19b Nr. 1). An anderer Stelle scheint es, als übersetze Brautigam vokale Techniken in die Klavierpraxis, wenn er dort, wo Sänger der Mendelssohn-Zeit vielleicht Portamenti eingesetzt hätten, mit Anschlagsdifferenzierung und Timing arbeitet (op. 35 Nr. 1). Auch dynamische Unterschiede, mithilfe derer der zweigeteilten, aus Begleitung und Oberstimme bestehenden Satzstruktur Echowirkungen verliehen, Resonanzräume zwischen den Ebenen erschlossen werden, setzt Ronald Brautigam auf suggestive Weise ein, etwa in dem erlkönighaften b-Moll-Allegro op. 35 Nr. 2.

Am aufregendsten ist jedoch, dass er die Musik mit genau dem richtigen Maß gespannter Unruhe erfüllt, das nötig ist, um die Stimmungen der einzelnen instrumentalen Lieder sensibel herauszuarbeiten. Zuweilen lässt Brautigam, wie immer mit sattelfester Technik, fiebrige Nervosität entstehen, etwa in op. 19b Nr. 5. Die Klangeigenschaften des Pleyel-Flügels erlauben es ihm, im 'Presto agigato' g-Moll op. 35 Nr. 3 dort kräftig (und dem Ausdruck vollkommen entsprechen) zuzupacken, wo bei einem Flügel unserer Zeit dynamische Modifikationen notwendig wären, um die Balance der Stimmen zu wahren.

Wunderbar, wie Ronald Brautigam den Flügel zum Singen bringt, Phrasen mit Atem füllt und dann zart, aber nie verhaucht zu Ende führt, während er der Begleitung, die immer wieder mit Spannungsspitzen nach oben kocht, ebenso große Sorgfalt zukommen lässt. Die unterschiedlichen Farben des Pleyel-Nachbaus werden von der Klangtechnik äußerst präzise abgebildet, wobei glücklicherweise der Hörer nicht zu nah an (oder in) den Flügel herangeführt wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Lieder ohne Worte op. 19b, 30, 38, 53

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
17.10.2012
Medium:
EAN:

SACD
7318599919829


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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