> > > Händel, Georg Friedrich: Orgelkonzerte Vol. 2
Dienstag, 12. Dezember 2017

Händel, Georg Friedrich - Orgelkonzerte Vol. 2

Freiheit zur Schönheit


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Da jubilieren Kuckuck und Nachtigall: Lorenzo Ghielmi und sein Ensemble La Divina Armonia lassen ihrer Aufnahme der Orgelkonzerte Opus 4 von Georg Friedrich Händels ein fast noch schöneres Second Set an Concerti folgen.

Die Kirche Il Sanctuario del Divin Prigioniero liegt kurz hinter der Schweizer Grenze im italienischen Valle di Colorina und verfügt über eine wunderbar leichtgängige, 2007 von Giovanni Pradella nach historischen Vorbildern gebaute Orgel. Diese ist mit einem Kammerton a von 415 Hz bereits auf ein auf ‚historischen‘ Instrumenten (bzw. Nachbauten) spielendes Ensemble wie La Divina Armonia eingestimmt und verfügt über eine schöne Pfeifenmischung nebst nicht zu mächtigem, kammermusikalisch ausgerichtetem Pedal (ein 16‘ Subbass, Posaune, Rohrflöte und Viola da gamba in 8‘). So transparent, wie die Orgel und auch das kleine Orchester - sechs Violinen, zwei Oboen, der Rest einfach besetzt nebst Lauten-und Cembalo-Continuisten - hier aufgenommen sind, mag man wahrlich nicht an die Pausenkonzerte von Oratorienaufführungen denken (für die diese Stücke von Händel komponiert oder zumeist auch einfach aus anderen Werken umarrangiert wurden).

Perfekter Raumklang, farbenreiches Orgel- und Orchester-Spiel

Vielmehr hören wir Kammermusik erster Güte: Bereits die beiden Eingangssätze des berühmten F-Dur-Konzerts HWV 295 sind ganz auf einen luziden Dialog zwischen den Orchester- und Orgelfarben ausgerichtet. Im Ansatz wird – ganz in der stilbildendne italienischen Originalklang-Tradition etwa des Giardino Amonico – in relativ konstatentem, eher ‚egalem‘ Großrhythmus gestaltet und dabei sehr rund und kantabel ausphrasiert. Ghielmi ist zudem – ganz Händels Vorbild als Organist folgend – ein Meister der Improvisation und Integration, wie die solistischen Ad-libitum-Sätze abermals zeigen: Im unbekannteren d-Moll-Konzert HWV 304 überrascht vor allem die aus der Smmlung 'Six Fugues or Voluntaries' (HWV 305-310) hinzugenommene Fuge. Noch weiter geht die Rekonstruktion einer Chaconne für Orgel und Orchester (HWV 434b), von der nur das orchestrale Ritornell und eine Generalbassstimme überliefert sind, die Ghielmi um einen eigenen Orgelpart nach Vorbild der bekannten Cembalo-Chaconnen HWV 435 und 442 ergänzt, die einen fast gleichen Basso ostinato aufweisen. Für Überraschungen ist gesorgt, denn neben der Orgel kommt diesmal auch Paolo Grazzi, der erste Oboist des Ensembles, mit dem Concerto  g-Moll HWV 287 zu solistischer Ehre. Das Programm dieser CD wird vervollständigt durch das zweite Orgelkonzert (A-Dur HWV 296) des 1738 von John Walsh in London publizierten '2nd Set' Händels für diese Besetzung (nach Opus IV) sowie mit dem g-Moll-Konzert Opus VII No. 5 (HWV 310) – ein Vorgriff und Appetizer auf die hoffentlich bald als Fortsetzung zu erwartende dritte Folge des Ghielmi-Zyklus mit dem Rest von Opus VII.

Das gelungene Programm und die herausragende Interpretation heben Ghielmis Händel abermals auf Referenz-Status: Die Produktion ist nicht nur der verbreiteten, aber etwas eintönigen, dumpfer, distanzierter aufgommenen Gesamtschau der Orgelkonzerte mit Christian Schmitt und Nichol Matt (Brilliant Classics) vorzuziehen, sondern schlägt auch ob ihrer demonstrativen Gelassenheit und Klangschönheit die sportiveren älteren Archiv Produktionen mit Simon Preston und Trevor Pinnock. Sowohl aufnahmetechnisch als auch hinsichtlich der Qualität des Booklets (mit einmführendem Text Ghielmis in Englisch, Französisch und Deutsch) hat das kleine belgische Label Passacaille wieder herausragende Arbeit geleistet – zurecht prämiert jüngst mit einem weiteren Diapason d’Or.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Händel, Georg Friedrich: Orgelkonzerte Vol. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
01.10.2012
EAN:

5425004849908


Cover vergössern

Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Passacaille:

  • Zur Kritik... Il Gardellino spielt Beethovens Kammermusik für Blasinstrumente: Auch wenn es sich bei dieser Aufnahme nicht um eine Rarität handelt, hat sie doch einen gewissen Seltenheitswert, sodass der geneigte Hörer sicher bereit ist, bei kleinen Schönheitsfehlern ein Auge zuzudrücken. Weiter...
    (Sonja Jüschke, )
  • Zur Kritik... Verschlungen: Hana Blažíková singt berückend schön, Bruce Dickey und sein kleines Ensemble leisten einen gleichrangigen Beitrag. Sopran und Zink, menschliche Stimme und Instrument sind einander tatsächlich sehr nah, oft eng ineinander verschlungen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Kosmos Konzert: Insgesamt ist diese Produktion ein schöner Beitrag zum Phänomen der Konzerte bei Bach. Der Beschäftigung mit diesem Teil des Bachschen Werkes wird kein Ende sein. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Passacaille...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Hartmut Hein:

  • Zur Kritik... Der Unbekannte Wagner: Es gibt Werke von Richard Wagner, für die sich die Nachwelt in gewisser Weise zu schämen scheint. Seine frühen Ouvertüren lassen den späteren kompositionsgeschichtlichen Revolutionär kaum schon erahnen. Märkls geballte Sammlung hat aber Informationswert. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Claras und Ragnas persönliche Handschrift: Beethovens Viertes Klavierkonzert ist ein Repertoire-Stück. Und zwar eines, das schon Clara Schumann mit eigener Kadenz spielte. 'Clara' als Konzert-Pianistin und Komponistin rückt in Ragna Schirmers neuer Aufnahme ins Visier. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Blick auf das symphonische Frühwerk: Mit richtig gutem Konzept findet sich dieses Album auf dem überschwemmten Schostkowitsch-Markt platziert: Zwei Orchester-Scherzi und die Variationen op. 3 sollen zeigen, wie sich der junge Komponist den Weg zum symphonischen Erstling bahnte. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Hartmut Hein...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Der Unbekannte Wagner: Es gibt Werke von Richard Wagner, für die sich die Nachwelt in gewisser Weise zu schämen scheint. Seine frühen Ouvertüren lassen den späteren kompositionsgeschichtlichen Revolutionär kaum schon erahnen. Märkls geballte Sammlung hat aber Informationswert. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Jede Menge Bearbeitungen - und ein Original: Ilya Gringolts und Peter Laul überzeugen mit einer Wiedergabe von Igor Strawinskys Werken für Violine und Klavier. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... De Rore im Porträt: Björn Schmelzer setzt seinen Weg mit Graindelavoix konsequent und unbeirrt fort. Vor allem immer reflektiert und gut begründet. Man weiß eben nicht, wie diese Musik wirklich gesungen wurde. Und Schmelzer kann zeigen, dass es auch so gewesen sein könnte. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Maurice Ravel: Daphnis et Chloè: Troisième Partie - Daphnis et Chloé miment l'aventure de Pan et de Syrinx

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich