> > > Distler, Hugo: Der Totentanz op. 12 Nr. 2
Samstag, 2. Juli 2022

Distler, Hugo - Der Totentanz op. 12 Nr. 2

Luzider Totentanz


Label/Verlag: Rondeau
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die beiden jungen Leipziger Vokalformationen Sjaella und Ensemble Nobiles bieten eine gut konzipierte und sehr überzeugend interpretierte Platte mit wichtigen geistlichen Vokalwerken Hugo Distlers.

Hugo Distler (1908-1942) ist ohne Zweifel eine aus der Vielzahl der Akteure der deutschen Chor- und Orgelbewegung der 1920er Jahre deutlich herausragende Größe. Und sein kompositorisches Wirken überstieg diesen in seiner Fortentwicklung durchaus auch einengenden, reglementierenden Rahmen souverän und mit einer bemerkenswert selbstständigen ästhetischen Konzeption. Natürlich basierte seine kompositorische Arbeit wie die zahlreicher Kollegen auf der Hinwendung zur textlichen Basis und zu manch älterem Formvorbild, auch auf der Abkehr von einem als überbordend empfundenen harmonischen Reichtum, wie ihn die Chormusik der Spätromantik repräsentierte. Dass sich die Bedingungen für eine solcherart motivierte musikalische Erneuerung nach 1933 nicht sofort verschlechterten, sondern im Gegenteil Aufwind erfuhren, kann weder überraschen, noch soll es hier verschwiegen werden – wenngleich die kurze Form einer Rezension nicht dazu angetan sein kann, die durchaus ambivalente, persönlich auch tragische Position Hugo Distlers in der Zeit des Nationalsozialismus zu verhandeln.

Deutlicher sei der Blick auf Distlers kompositorischen Personalstil gerichtet, der in den auf der aktuell vorliegenden Platte der beiden jungen Leipziger Vokalformationen Sjaella und Ensemble Nobiles vorgestellten Werken klar Profil gewinnt: Distlers Musik liegt eine polyphone Verwobenheit zu Grunde, aus der unmittelbar vertrackte Rhythmik entsteht. Die Dominanz des linearen Moments ist allgegenwärtig, wobei oft sich ins Nichts verlierende Melismen profiliert werden. Aus dieser Basis resultiert eine gelegentlich raue, aber doch konzentrierte Harmonik, die immer wieder schwebende Klänge evoziert. Diese individuelle Mischung ist in ihrer Erfindung frisch inspiriert und im Grunde kaum mit dem Werk anderer Hände zu verwechseln. Und bei aller Klarheit der Sätze bleiben dem aufmerksam Hörenden doch Rätsel, über die nachzudenken sich deutlich lohnt.

Das ist auch beim Totentanz so, der als Nummer zwei der Geistlichen Chormusik op. 12 eingegliedert ist und mit seinen 14 Motetten doch einen eigenen kleinen Zyklus umschreibt. Distler stützte sich textlich auf Sprüche aus dem Cherubinischen Wandersmann von Angelus Silesius, die er mit Sprechtexten Johannes Klöckings konfrontierte. Der so entstehende Dialog zwischen dem Tod einerseits und Kaiser, Arzt, Jungfrau, Greis oder Kind auf der anderen Seite umschreibt das seit dem Mittelalter vertraute Bild des alle gleichmachenden Todes, den weder Stand noch Verdienst zu beirren vermögen.

Klangliche Delikatesse & Jugend

Im Mittelpunkt der vorliegenden Distler-Platte steht dieser Totentanz, unter anderem flankiert von den gewichtigen Motetten 'Fürwahr, er trug unsre Krankheit', 'Das ist je gewisslich wahr' oder dem unvergleichlich betrübten und doch hoffnungsvoll jenseitsgläubigen 'Ich wollt, dass ich daheime wär', alle aus dem Hauptwerk op. 12 stammend. Die sechs Damen und fünf Herren von Sjaella und dem Ensemble Nobiles vereinen sich zu einem Distler-Kammerchor von hohen Graden. Ihr enormes sängerisches Potenzial verdichten sie in einem gemeinsamen Klangideal, das weich und leicht ist, mit mild modellierter linearer Gestaltung überzeugt und aus seiner Sprachbasierung gestische Frische und eine elegant zu nennende Agilität gewinnt. Distlers satztechnische Komplexität wird durch diesen Ansatz belüftet, vertrackte Rhythmen werden belebt statt bloß korrekt abgebildet. Die Sprachbehandlung ist sehr differenziert, aktiv und mit kraftvollen Momenten in der bewegteren Faktur, sehr zurückgenommen in der schlichteren linearen Ausprägung. Intonatorisch agiert die kombinierte Formation ohne Fehl und Tadel, scheint frei von jedem Druck und überaus belebt.

Die Stimmen wirken und sind sämtlich sehr jung, was das Feine, Leichte besonders gelingen lässt, allenfalls an einer Spur profilierter Tiefe herrscht Mangel – wenngleich auch die weiche Zeichnung dieses Registers harmonisch in den Gesamtklang eingefügt ist. Sprecherisch überzeugt vor allem der von Heinz-Martin Benecke modulationsreich gegebene Tod. Die anderen Rollen werden überwiegend aus den Ensembles besetzt und zeitigen wechselnden Ertrag, ohne, dass diese auch in anderen Einspielungen des Totentanzes nie ganz unproblematische Sphäre enttäuschte.

Immer wieder werden die motorischen Potenziale bei Distler in rascheren Tempi zur Geltung gebracht, lassen sich auch dynamisch etliche fein gestufte Nuancen hören. Das basiert auch auf einer außerordentlich stark differenzierten Artikulation, die dezidierte Linearität mit geradezu berstend bewegter Lebendigkeit kontrastiert. Die technische Realisierung des Klangs folgt konsequent dem leichtfüßigen interpretatorischen Ansatz, ist fast durchscheinend und ohne jede Schwere, dazu mit einer sehr ansprechenden Räumlichkeit ausgestattet.

Sjaella und das Ensemble Nobiles entsprechen mit ihrem Klangideal und der Jugendlichkeit ihrer Stimmen wunderbar der Faktur der Distlerschen Sätze. Alle wichtigen interpretatorischen Entscheidungen erweisen sich als tragfähig. Ergebnis ist eine rundum überzeugende Distler-Platte, die sich in der gar nicht so schmalen Diskographie deutlich behaupten kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Distler, Hugo: Der Totentanz op. 12 Nr. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Rondeau
1
22.10.2012
Medium:
EAN:

CD
4037408060684


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Rondeau

Rondeau Production – am kulturellen Puls!

Rondeau Production ist ein Synonym für künstlerisch wie technisch erstklassige Einspielungen von geistlicher Chor- und Vokalmusik. Seit Jahren verbindet das Unternehmen eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Spitzenensembles der Vokalszene: Der Thomanerchor Leipzig, der Windsbacher Knabenchor, der Knabenchor Hannover – gerade hier engagiert sich Rondeau mit Begeisterung für die jungen Talente und stellt ihre beeindruckende Leistungsfähigkeit mit mehrfach ausgezeichneten Aufnahmen unter Beweis. Erstklassige Künstler, deren hohe Ansprüche an sich selbst und der Fokus auf besondere Qualität bedingen die eigene Unternehmensphilosophie und sind der Grundstein für ein in dieser Ausprägung einzigartiges Portfolio an Tonträgern. Eine weitere Öffnung für Orgelmusik mit Künstlern wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme sorgt für weitere Klangvielfalt. Neben Labelmanager und Produzent Frank Hallmann garantiert ein kreatives Team musikbegeisterter Mitarbeiter den hohen Standard. Die Aufnahmen entstehen an interessanten und handverlesenen Konzertorten, während Mischung, Mastering und CD-Produktion im hauseigenen Tonstudio in der Leipziger Petersstraße erfolgen. Daher sorgt nicht nur der Sitz in der Bach-Stadt dafür, dass das Label stets am kulturellen Puls agiert.

Geschichte: Aus der Provinz in die weite Welt!

Rondeau Production – das sind über 25 Jahre begeistertes wie begeisterndes Engagement für die Chormusik in Deutschland auf höchstem Niveau. Karl-Friedrich Beringer, langjähriger Leiter des Windsbacher Knabenchores, gründete 1977 gemeinsam mit Herbert Lange das erfolgreiche CD-Label, um die eigenen Tonträger anbieten zu können, und noch immer gehört das Spitzenensemble aus Mittelfranken zu den Zugpferden des Unternehmens. Im Jahr 2005 entschloss sich die Rondeau Production zu einer Erweiterung ihres Angebots und nahm den traditionsreichen Thomanerchor sowie den Knabenchor Hannover als renommiertes Pendant in ihr Portfolio auf. Diesen vokalen Klangkörpern folgten immer mehr namhafte Chöre und Ensembles, so dass sich der Katalog von Rondeau Production mittlerweile wie ein „Who is who?“ der deutschen Vokalszene liest und anhört. Darüber hinaus ergänzte man das Angebot auch in Richtung Orgelmusik, wofür man Interpreten wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme gewinnen konnte. Seit 1996 ist Frank Hallmann als Journalist und Diplom-Kirchenmusiker Geschäftsführer von Rondeau Production und damit maßgeblich für das heutige breite wie tiefe Angebot des Unternehmens verantwortlich. Rondeau Production ermöglicht dabei nicht nur die Produktion, sondern auch den weltweiten Vertrieb ausgewählter CDs mit exzellenter Geistlicher Chormusik in hoher Qualität. Für den bundesweiten Vertrieb der Tonträger im Fachhandel sorgt Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH und fungiert so als wichtiger Partner der Rondeau Production.


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