> > > Charpentier, Jacques: 72 Études karnatiques für Klavier
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Charpentier, Jacques - 72 Études karnatiques für Klavier

Ein pianistischer Kosmos


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michael Schäfer interpretiert die 72 'Études karnatiques' von Jacques Charpentier mit unendlich scheinender dynamischer Vielfalt und technischer Meisterschaft.

Sie finden das sich stets wiederholende Klavier-Repertoire allmählich langweilig? Sie sind auf der Suche nach etwas Abwechslung von der geschätzten, aber auch bekannten Literatur zwischen Bach und Bartok? Und Sie hatten schon immer den Verdacht, dass die Klaviermusik zwischen 1945 und der unmittelbaren Gegenwart mehr zu bieten hat als den beinharten Modernismus eines Karlheinz Stockhausen? Dann wenden Sie sich vertrauensvoll an Michael Schäfer, Klavierprofessor an der Musikhochschule München und Schatzgräber im unfassbar reichen Klavier-Repertoire der letzten hundert Jahre – seine bisherigen CD-Einspielungen galten unter anderem den Komponisten Vincent d‘Indy, Cyril Scott und Ignaz Friedman. Kannte man diese drei Herren zumindest durch das eine oder andere Werk, so ist der Franzose Jacques Charpentier (Jahrgang 1933), dem Schäfers neueste Veröffentlichung gewidmet ist, ein echter Geheimtipp. Gewiss, im Pariser Musikleben hat der Messiaen-Schüler einen gewissen Ruf, doch in Klavierabenden hierzulande ist sein Name praktisch nie anzutreffen und auch auf Tonträgern ist das Werk des Komponisten und Organisten bisher nur ganz vereinzelt zu hören.

Auf den vorliegenden insgesamt drei CDs widmet sich Schäfer dem riesigen, 72 Stücke umfassenden Etüden-Zyklus mit dem schönen Titel 'Études karnatiques'. Die in einem Zeitraum von fast 30 Jahren entstandenen Kompositionen spiegeln die intensive Beschäftigung Charpentiers mit der indischen Musik wider, nehmen aber auch vielfachen Bezug auf die Gattungstradition der Klavieretüde zwischen Chopin und Ligeti. Von einer Etüde im strengen Wortsinn (also als Übungsstück) kann allerdings keine Rede sein, denn die hochvirtuosen ‚karnatischen Etüden' sind für den professionellen Pianisten komponiert. Das dargebotene Ausdrucks-Spektrum ist gewaltig und reicht von zarten, impressionistisch angehauchten Klängen bis zu heftigen Attacken im extremen fortissimo, wobei Charpentier eine hochkomplexe rhythmische Differenzierung verlangt. Gewiss also keine Musik zum entspannten Nebenher-Konsumieren – Charpentiers Werke verlangen die volle Aufmerksamkeit des Hörers. Wer wirklich alle 72 Etüden am Stück hören will, stellt sich einer beachtlichen Herausforderung.

Schäfers Zugriff auf diese rätselhafte und faszinierende Musik ist in erster Linie von einer dynamischen Vielfalt geprägt, die kaum zu übertreffen sein dürfte. Gewiss kann man die Fortissimo-Extreme als brutal empfinden, doch sich ebenso von den hauchzarten Pianissimi überwältigen lassen. Die technischen Fähigkeiten des Pianisten muss man kaum noch erwähnen, doch gerade in den heftigen Klang- und Akkordballungen etwa des siebten Heftes (CD 2, Track 13 bis 18) zeigt Schäfer eine Mühelosigkeit, die verblüfft. Natürlich kann man einzelnen Etüden skeptisch gegenüberstehen, etwa den endlosen Ton-Repetitionen in der Nr. 43 ('Gavambodi'), auch das von Charpentier wiederholt zelebrierte Ausreizen der höchsten und tiefsten Klavier-Register wird nicht bei jedem Hörer auf Gegenliebe stoßen. Doch wie Schäfer den pianistischen Charakter jedes einzelnen Stückes ausprägt, wie er klangliche Schärfe mit subtilsten Schattierungen verbindet – das hat allemal höchsten Respekt verdient.

Der Klang des Klaviers wurde zwar nicht überragend, aber doch sehr gut eingefangen, was bei diesen Etüden ohne Zweifel eine kniffelige Aufgabe an die Tontechnik darstellte. Wenn hier und da die dichten Strukturen des Werkes selbst einen Effekt des Zudeckens einzelner Stimmen bewirken, so kann dies wohl kein Pianist und kein Tontechniker verhindern. Charpentiers Musik ist, obwohl ausdrücklich für das Klavier geschrieben, bisweilen von einer klanglichen Wucht, die über das Instrument hinausgeht. Die letzte Etüde auf der zweiten CD (Nr. 48) ist hierfür ein besonders beeindruckendes Beispiel.

Wer möchte, kann in einzelnen Werken vielfältige Bezüge zu anderen, insbesondere französischen Komponisten entdecken – natürlich zu Charpentiers Lehrer Messiaen, aber auch zu Ravel und Debussy, Charles Koechlin oder Alexander Skrjabin. Doch als gleichsam pianistischer Kosmos stehen Charpentiers 'Études karnatiques' einzig da, sowohl als Zyklus wie auch in der vielfältigen Struktur des jeweils einzelnen Stückes. Angesichts der kompositorischen Substanz und der interpretatorischen Präzision darf diese 3-CD-Box als Glücksfall bezeichnet werden, der jeden aufgeschlossenen Klaviermusik-Freund begeistern wird. Michael Schäfer hat bei seiner Schatzsuche in der neueren Klavier-Literatur erneut einen wahren Edelstein entdeckt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Charpentier, Jacques: 72 Études karnatiques für Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
3
01.11.2012
Medium:
EAN:

CD
4260036252576


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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