> > > Johann Sebastian Bach: Motetten: BWV 225-230, BWV Anh. 159
Montag, 25. Oktober 2021

Johann Sebastian Bach: Motetten - BWV 225-230, BWV Anh. 159

Gipfelwerke


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Motetten Johann Sebastian Bachs in einer außerordentlich hochklassigen, absolut konkurrenzfähigen Interpretation durch Frieder Bernius' Stuttgarter Kammerchor.

Der Einführungstext der vorliegenden Produktion der Motetten Johann Sebastian Bachs durch den von Frieder Bernius geleiteten Kammerchor Stuttgart weist auf einen in der heutigen Wahrnehmung weitgehend in den Hintergrund getretenen, gleichwohl interessanten Umstand hin: Die dokumentarische Überlieferung ist ausgerechnet für diesen Kernbestand Bachscher Vokalmusik mit Rätseln verbunden, oft bruchstückhaft und hat sich durch die mittelnde Instanz kopierender oder gar bearbeitender Hände vollzogen. Wohl auch die frühe Rezeption dieses Werkbestands hat ihren Teil dazu beigetragen, hatte der Herausgeber dieser ersten Druckausgabe Bachscher Werke seit 1708, der spätere Thomaskantor Johann Gottlieb Schicht, ganz am Beginn des 19. Jahrhunderts möglicherweise noch heute unbekannte Quellen und Informationen zur Verfügung. Jedenfalls hat die Diskussion um die Echtheit des Überlieferten, über die ‚Rechtmäßigkeit‘ der Zugehörigkeit zum Kanon der Bach-Motetten seit dieser Zeit mit verschiedenen Ergebnissen nie ganz abgerissen, wohl auch, weil etliche Details wie konkrete Entstehungsanlässe oder Besetzungsfragen nicht letztgültig zu klären sind und so für die Entscheidungen der praktischen Aufführung eine gewisse Präsenz behalten.

Üblich ist es in der Gegenwart, die Motetten BWV 225 bis 230 einzuspielen, wobei die alleinige Urheberschaft der letztgenannten unter dem Titel 'Lobet den Herrn, alle Heiden' nicht mehr unumstritten ist. Deutlicher an die Sphäre der Gültigkeit herangerückt ist stattdessen die lange Jahre anderen Urhebern zugeschriebene Motette 'Ich lasse Dich nicht' BWV Anh. 159. Dieser Umstand ist erfreulich, bringt dieses Werk doch eine schlichte Trauergeste ein, die das sonst hochfigurierte Werk der übrigen Motetten gelungen kontrastiert.

Dem Rang der Kompositionen angemessene interpretatorische Größe

Auch Frieder Bernius hat diese Motette in das Programm der Einspielung einbezogen und unterstreicht, was über die Motetten Bachs insgesamt bekannt ist: Die Arbeiten bilden ein unvergleichlich zu nennendes Werk – in ihrem kompositorischen Wert, in der mannigfaltigen Expressivität, in ihrem mittlerweile ehrfurchtgebietenden musikhistorischen Rang.

Bernius‘ Kammerchor Stuttgart wird sämtlichen Anforderungen ohne erkennbare Mühen gerecht: Der Dirigent hat das Ensemble in langen Jahren zu einem famosen Instrument geformt. Der Chor ist mit 27 Vokalisten kraftvoll und ausgeglichen besetzt, in weichen, verschmelzungsfähigen Registern, die dennoch fein zu zeichnen in der Lage sind. Auch in dichtester Kontrapunktik ist der Gesang absolut transparent und luzide – die große Fuge im ersten Teil von 'Singet dem Herrn ein neues Lied' BWV 225 gerät in dieser Hinsicht geradezu perfekt. Intonatorisch erweist sich der chorische Gesang als makellos, ohne dominierende Soprane, in plastischer Harmonie zusammengefügt. Auch die Artikulation verrät akribische Arbeit: Es sind sehr schön belüftete Linien und Entwicklungen von sprechender Klarheit zu hören, ohne dass dabei Klangsinnlichkeit oder elegante Wirkungen gefährdet würden.

In voller Besetzung entfaltet der Chor immer wieder wunderbare lyrische Qualitäten, findet in Chorälen oder schlichteren Abschnitten zu beseelter Linearität. Die Diktion ist plastisch und vollkommen natürlich, das Singen vollzieht sich insgesamt sehr nah und intensiv am Text. Die von Bernius an einigen Stellen geforderten Soli gehen vollkommen niveaugleich aus dem Chor hervor und kontrastieren das Geschehen überzeugend. Deutlich verfängt auch der in den Tempi oft frische Ansatz Bernius‘, der auch choraliter nie zögerlich wird, keine wirklich breiten Schlusswirkungen kennt.

Das ansprechend klare Klangbild wirkt harmonisch balanciert. Alle Stimmen werden gleichrangig vorgestellt, auch die delikate, präzise und in ihrer Unauffälligkeit hilfreiche instrumentale Grundierung durch Viola da gamba und Orgel ist gut in den Gesamtklang integriert. Minimales Manko in diesem Bereich ist, dass es zwischen der Vielzahl der einzelnen Takes etwa in BWV 227 'Jesu, meine Freude' kleinere Diskontinuitäten gibt, die das zyklische Erleben berühren. Das schon angesprochene Booklet wirft interessante Fragen auf und vermeidet so die bloße Repetition des sattsam Bekannten: Auch das kann den Wert eines Booklets in oft durchmessenem Repertoire ausmachen.

Frieder Bernius und sein Kammerchor Stuttgart positionieren sich mit dieser Produktion klar in der ersten Reihe der kammerchorischen Interpretationen des Bachschen Motettenwerks. Die unterschiedlichen Charaktere der Einzelwerke werden plastisch herausgearbeitet – darin und auch in der klaren Wahl frischer Tempi zeigt sich die Deutung besonders entschieden. Manche Passage wird fast klassizistisch rein und mit leichter Eleganz geboten, fern aller dräuenden Schwere. Doch entbehrt das klingende Ergebnis nie substanzieller Emotion oder sprachgebundener Intensität. In der Summe ist es eine absolut respektable, unbedingt erstrangige Interpretation.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Johann Sebastian Bach: Motetten: BWV 225-230, BWV Anh. 159

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.11.2012
066:29
2012
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
4009350832985
8329800


Cover vergössern

"Der Kammerchor Stuttgart unter Leitung von Frieder Bernius ist einer der besten Chöre weltweit. Besonders die vielen preisgekrönten A-cappella-Aufnahmen haben oft Referenzcharakter. Nun legt Frieder Bernius die lang erwartete Neueinspielung aller Motetten Johann Sebastian Bachs vor. Neben den sechs Motetten BWV 225 bis BWV 230 ist auch „Ich lasse dich nicht“ (BWV Anh. 159) enthalten. Die Aufnahme erscheint in exzellenter SACD-Aufnahmetechnik."


Cover vergössern

Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Carus:

  • Zur Kritik... Vorstellung einer großen Orgel mit Bach und Duruflé: Der Wiederaufbau der Frauenkirche ging einher mit dem Neubau einer Orgel. Sebastian Kummer stellt sie mit barocken und spätromantischen Werken souverän vor. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Weihnachtliche Zweitverwertung: Das Calmus Ensemble macht diesen Querschnitt seiner sängerischen Qualitäten wegen sicher für Ersthörer attraktiv. Wer systematischer unterwegs und auf dem diskografischen Weg schon länger dabei ist, dem sei abgeraten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Stecknadeln auf der Weltkarte: Eine entspannte Calmus-Platte – zum unverkrampften Kennenlernen für alle, die dieses großartige Ensemble bislang noch nicht erlebt haben sollten. Und für Kenner der Formation eine weitere Stunde Musik auf höchstem Niveau. Ein Genuss. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Carus...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Verschlungene Wege: Enrico Onofri und sein Orquesta Barroca de Sevilla mit einer gelungenen Lesart von Pergolesis 'Stabat Mater', die sich wesentlich dem vokalen Glanz von María Espada und Carlos Mena verdankt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Konzentriert: Ein kompletter Kantatendreier in gerade vierzig Minuten Spieldauer, der es substanziell in sich hat: Bachs Musik ist bei Rudolf Lutz und seinen Ensembles der St. Gallener Bach-Stiftung in besten Händen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Cembalistische Variationskunst: Bachs Goldberg-Variationen: Was man in jedem Takt hören kann, ist Bachs tiefe Inspiration – hier mit Raum zum Atmen und sublimer Virtuosität von Michel Kiener verlebendigt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich