> > > Tschaikowski, Peter Iljitsch: Sinfonie Nr. 2
Samstag, 29. Januar 2022

Tschaikowski, Peter Iljitsch - Sinfonie Nr. 2

Erfolgreiches Doppel


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dmitrij Kitajenkos Tschaikowsky-Zyklus für Oehms ist auf bestem Wege, zu einem diskographischen Ereignis zu werden.

Bei den bisherigen Folgen von Dmitrij Kitajenkos Tschaikowsky-Zyklus mit dem Kölner Gürzenich-Orchester wurden stets die im Zentrum stehenden Sinfonien mit kleinen musikalischen Appetithäppchen garniert. Diese Edition mit der Zweiten Sinfonie macht eine Ausnahme, denn ihr zur Seite stehen die ‚Rokoko-Variationen‘ für Violoncello und Orchester. Ein Zuckerstückchen gibt es aber trotzdem obendrauf: das 'Andante cantabile' aus Tschaikowskys Streichquartett Nr. 1 D-Dur.

Tschaikowskys 1872 entstandene Sinfonie Nr. 2 c-Moll op. 17 mit dem inoffiziellen Untertitel ‚Kleinrussische‘ (der Komponist verarbeitet darin Volksmusik der Ukraine, damals als Kleinrussland apostrophiert) bietet ihren Interpreten zahlreiche Fallstricke – Mikhail Pletnev kann davon ein Lied singen, denn in seiner vor Kurzem erschienenen Aufnahme ist er ihnen prompt erlegen. Da wären etwa Sequenzen, die nur allzu leicht unmotiviert und ermüdend wirken, wenn ihnen nicht ein dynamisches, entwickelndes Moment eingeschrieben wird; da wäre eine lange langsame Einleitung zum Kopfsatz, die ihrerseits bereits genug Gewicht und Leben haben muss, weil man ansonsten vier Minuten vergebens wartet, bis es endlich mit dem schnellen Teil losgeht; da wäre in Marsch im zweiten Satz, den der Komponist zwar als 'Andantino marziale' überschreibt, aber doch in der beweglichen instrumentalen Farbenschichtung ganz unmartialisch daherkommt; und da ist ein Finalsatz, dessen Dramaturgie eine geschickte Hand erfordert; vor allem der Anlauf zur Schlusssteigerung wirkt nur dann zwingend, wenn der voraufgehende Höhepunkt kathartische Wirkung hat.

Dmitrij Kitajenko meistert all diese Schwierigkeiten mit kapellmeisterlicher Versiertheit und Sorgfalt, verbunden aber mit einem persönlichen Blick auf Tschaikowskys Musik. Am deutlichsten zeigt sich letzterer in dem vor allem im Vergleich zu vielen anderen Interpretationen sehr schnellen Trio-Teil des Scherzos, denn Kitajenko bremst dafür kaum ab. Der Schwung des ungemein lebhaft gespielten Scherzos bleibt erhalten. Bemerkenswerte Tempokonstanz zeigt sich auch im Kopfsatz. So geht etwa Kitajenko in die harmonischen Umbrüche der Durchführung ohne Zögern hinein, wo andere Interpreten den Durchführungsbeginn mit einer geringfügigen Dehnung inszenieren.

Spannung und Entwicklung schafft Kitajenko auf andere Weise, etwa wenn er in der Kopfsatz-Einleitung Motivwiederholungen zu einer steigernden Entwicklung auf engem Raum oder als Echowirkung erfahrbar macht, zudem Phrasenhöhepunkte mit dynamischer Nuancierung verbindet und so bereits dem Anfangsteil des Potential zu sinfonischer Entfaltung gibt. Neben der minutiösen Kontrolle über die Gewichtung der Stimmen ist es das Gespür für die Rolle von Einzelinstrumenten, die Kitajenkos Sicht in jeder Hinsicht überzeugend erscheinen lässt. Immer wieder erstaunt im Finale etwa, wie Kitajenko dem Blech, insbesondere den Posaunen zu Prominenz verhilft und dadurch – selbst bei gemäßigten Tempi – Steigerungen von großer Intensität erreicht.

In den ‚Rokoko-Variationen‘ macht Leonard Elschenbroich deutlich, dass er zu den talentiertesten jungen Cellisten zu zählen ist. Der graziöse Gestus der Variationen wird durch leichtfüßiges, aber doch tonlich substanzreiches und technisch einwandfreies Spiel unterstrichen. Elschenbroich übertreibt nicht, die Variationen atmen einen klassizistisch federleicht-beschwingten Geist.

Kitajenko kann sich stets auf feinfühlig agierende, prominente Holzbläser des Kölner Gürzenich-Orchesters verlassen, die für Kantilenen, Einfärbungen, weiche Gegenmelodie-Ausformungen oder grazile Tupfer in gleicher Weise einstehen. Vor allem den agilen Unterstimmen lässt der Dirigent einiges Gewicht zukommen; billige Oberstimmenpolitur bracht man hier nie zu befürchten. Sehr schön sind die in eher schlankem Ton, aber mit raspelnder Körnigkeit aufwartenden Posaunen, die hohen Streicher wirken im Vergleich zu den anderen Folgen des Tschaikowsky-Zyklus hier stellenweise ein wenig dünn und hell, etwa im Seitenthema des Kopfsatzes. Das Klangbild ist durchsichtig, die dynamische Bandbreite sehr gut und nicht zuletzt kommt man hier in den Genuss, auch das Schlagwerk präzise hören zu können, der katastrophische Tam-tam-Schlag auf dem Höhepunkt des letzten Satzes eingeschlossen. Doch erscheinen die Anteile insbesondere des Schlagwerks etwas hallig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tschaikowski, Peter Iljitsch: Sinfonie Nr. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
05.11.2012
Medium:
EAN:

SACD
4260034866690


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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