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Donnerstag, 2. Juli 2020

Händel, Georg Friedrich - Saul

Eine Wolke des Schönklangs


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Harry Christophers und The Sixteen setzen die Reihe ihrer Einspielungen von Händels Oratorien mit großer Klangschönheit und einem exzellenten Sängerensemble fort.

Es ist nicht abwertend gemeint, wenn festzustellen ist, dass diese neue Aufnahme von Georg Friedrich Händels viertem englischem Oratorium 'Saul' vor allem schön anzuhören ist. Man wird dramatischere, plastischere Interpretationen, einen wuchtigeren Zugriff auf dieses ‚sacred drama‘ finden können, doch die typisch britische Klangkultur mit weichen Streichern, einem unaufgeregten Cembalo, mit lichten Akzenten (wie in der funkelnden 'Sinfonia', in der ein Carillon Verwendung findet) und dem stets natürlichen Impuls der Musik betont die Schönheiten der Partitur.

Harry Christophers geschmeidiges Klangideal, das er in großer Präzision und Natürlichkeit mit seinen Ensembles The Sixteen ausbreitet, kennt neben kleineren dramatischen Regungen vor allem einen hellen, leuchtenden Sound, stets sauber und aufgeräumt, vielleicht nicht immer auf die Akzente des Dramas im Sinne des opernhaften eingehend, doch straff geführt und immer um Klangkultur bemüht. Es ist wie eine große Wolke des Schönklangs, auf die man sich betten kann. Die dramatischen Aspekte wie Krieg, Politik oder der ‚emotionale Realismus‘, von dem der lesenswerte Beitrag im rein englischsprachig gehaltenen Beiheft spricht, findet in dieser Lesart nur bedingt eine musikdramatische Entsprechung.

Als Saul gestaltet Christopher Purves mit seinem weichen, wohl geführten Bass einen schön klingenden, mehr durch einschmeichelnde Töne als drohende Dominanz charakterisierten Tyrannen. Schon sein 'What do I hear', mit dem er auftritt, klingt ausgesprochen nobel, und die folgende Arie 'With rage I shall burst' ist dann ein sehr gebändigter Wutausbruch, was auch der Entscheidung zum Schönklang im Orchester und dem daraus mangelnden Furor geschuldet ist. Die Textverständlichkeit ist bei Purves und allen Sängern exemplarisch. Robert Murrays ebenso direkter wie idiomatischer Jonathan ist dazu mit seinem leicht angerauten Tenor ein effektvoller Kontrast. Die bei uns weniger bekannten Joélle Harvey (Michal) und Elizabeth Atherton (Merab) haben beide frische, helle Sopranstimmen, die zwischen lieblichem Lyrismus und beherzter Musikalität einen passende Ausdruckspalette für ihre die Arien finden. Die kleineren Rollen sind durch Chormitglieder von The Sixteen bemerkenswert gut besetzt. Es ist ohnehin die Homogenität der Zusammenstellung der Stimmtypen, die die vokale Seite dieser Einspielung so überzeugend werden lässt.

Herausragend bei dieser Studioproduktion ist, wenn man die Entscheidung, diese Partie mit einem Mezzosopran zu besetzen akzeptiert, Sarah Connolly. Ihr David klingt in jeder Phrase differenziert und sinnlich, die Stimme wandelt sich, leuchtet aus dem Orchester hervor, jedes Wort, jede Nuance findet eine gesangstechnisch brillante Gestaltung. Die Intensität der Gestaltung, die sie in den feinen Abstufungen der Arie 'O Lord whose mercies' im ersten Akt findet, sind gemeinsam mit der dezenten, weichen Begleitung einer der Höhepunkte dieser Produktion.

Der Chor des Ensembles The Sixteen steht ganz in der großen Chortradition Englands, mit sehr homogen geführten Stimmgruppen, klarer Diktion und einer warmen Klangfülle, die auch in den polyphonen Chorsätzen nie verwaschen wirkt. Vom Jubilieren des Beginns bis hin zu den mehr kommentierenden Passagen ist die Oratoriengestaltung von großer Kraft. Die Technik unterstreicht das mit warmen Klangbild und einer überzeugenden Balance zwischen Kirchenhall und Transparenz.

Mit den Einspielungen von Gardiner, McGegan und Jacobs gibt es hochwertige Alternativen, doch akzeptiert man die Entscheidung für das Primat der Klangschönheit über die opernhafte Dramatik des Bibeldramas, so ist Harry Christophers’ neue Aufnahme durchaus in diese illustre Reihe einzuordnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Frank Fechter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Saul

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coro
3
23.08.2012
Medium:
EAN:

CD
828021610325


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Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


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