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Mittwoch, 15. Juli 2020

Ravel, Maurice - Gaspard de la Nuit

Zweimal hören


Label/Verlag: Channel Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Paolo Giacometti stellt dasselbe Ravel-Programm auf einem Érard- und einem Steinway-Flügel vor. Reizvoller ist das historische Instrument, aber das hat auch mit der Aufnahmetechnik zu tun.

Es gibt nicht allzu viele Pianisten, die sich auf historischen Tasteninstrumenten und modernem Konzertflügel in gleicher Weise zuhause fühlen. Das hängt nicht nur mit der Geschichte Historischer Aufführungspraxis zusammen, damit, dass viele Cembalisten ihr Repertoire in Richtung Klassik und Romantik erweitern und folglich auch auf dem Hammerflügel reüssieren, mit den Instrumenten des 20. und 21. Jahrhunderts aber fremdeln. Es hängt auch mit der Ausbildungssituation zusammen: Immer noch gibt es an Musikhochschulen eine Reihe von Klavierprofessoren, die ihre Schützlinge von den als Teufelszeug verschrienen historischen Instrumenten abhalten. Man braucht sich also nicht zu wundern, dass die Zahl der Pianisten, die ihre Fühler vom modernen Flügel in die Geschichte ausstrecken, recht gering ist. Zu dieser kleinen Gruppe gehört neben Ronald Brautigam, Gerrit Zitterbart, Andreas Staier und Hardy Rittner gerade mal eine Handvoll Pianisten – unbedingt aber auch Paolo Giacometti. Der in Holland ansässige Italiener beschäftigt sich seit längerer Zeit vor allem mit Clavieren des 19. Jahrhunderts; eine Reihe interessanter Aufnahmen belegt die glückliche Verbindung.

Nun hat er beim holländischen Label Channel Classics eine Doppel-SACD herausgebracht, die beide Bereiche seiner Tätigkeit abdeckt. Giacometti gestattet eine reizvolle Perspektive auf dieselben Werke – mal auf einem historischen Flügel, mal auf einem modernen. Unter dem Titel ‚Compared: Érard – Steinway & Sons‘ lädt der Pianist zu einem Vergleich ein, der nicht nur interpretationsästhetisch spannend, sondern auch historisch naheliegend ist. Der Gegenstand des Vergleichs ist nämlich Klaviermusik von Maurice Ravel. Dem Komponisten diente zuhause ein Érard als treuer Begleiter, Konzerte aber gab er auf Steinway-Flügeln. Zu hören sind neben der Sonatine und 'Gaspard de la Nuit' das 'Menuet antique' sowie 'Le Tombeau de Couperin', auf der ersten SACD mit dem Érard, auf der zweiten mit dem Steinway.

Der Vergleich ist reizvoll – aber er hinkt. Denn es unterscheiden sich nicht nur die beiden Instrumente, sondern auch Aufnahmeort und -weise, und das ist für die Beurteilung ganz entscheidend. Denn während der direkt und differenziert aufgenommene Érard-Flügel seine ganze Farbpracht klangtechnisch in geradezu mustergültiger Weise entfalten kann und dynamische Nuancen minutiös abgebildet werden, wirkt der Steinway durchweg wattiert, eingeebnet in den Klangnuancen, nivelliert.

Es ist klar, welches Instrument da den ‚Sieg‘ davonträgt. Allerdings eben nicht auf ganzer Linie, und das ist vielleicht das Interessanteste an dem angestellten Vergleich. Denn es wird deutlich, dass nicht nur das Instrument entscheidend ist, auch nicht nur die Klangtechnik – sondern die Verfasstheit des einzelnen Werks. So wirkt das 'Menuet antique' auf dem Steinway überzeugender, weil das Klangvolumen stärker trägt und Verbindung schafft, wo der schneller verklingende Érard manche Lücke in den Spannungsbogen reißt. Dass hier die Einspielung auf dem Steinway mehr überzeugt, kann aber auch daran liegen, dass Giacometti einen unterschiedlichen Zugang zu den einzelnen Stücken auf den verschiedenen Instrumenten hätte wählen sollen. Es erstaunt, dass sich insgesamt die Satzdauern kaum unterscheiden. Gut möglich, dass das 'Menuet antique' auf dem Érard zwingender wirken würde, wenn Giacometti es etwas schneller, etwas ungeduldiger angegangen wäre.

Das alles aber sind spitzfindige Fragen, die vor der schieren Klangfarbenpracht, die der Pianist hier bietet, verblassen. Mit sicherer Technik lässt Paolo Giacometti die Stärken des Érards erfahrbar werden und setzt in der filigranen Sonatine sachte betonte Bässe gegen die glockenhellen Oberstimmen. Sein Zugriff ist von ausgesuchter Schlichtheit und Delikatesse, nicht nur in den schwerelosen Ornamenten. Im 'Tombeau de Couperin' vermittelt er die tänzerische Bewegung mit der feinen Würze Ravelscher Harmonik. Die unterschiedlichen Registerfarben nutzt Giacometti zu charakterlicher Zeichnung, aber er übertreibt nicht. Die schlanken, direkt ansprechenden Bässe werden von ihm mit Fingerspitzengefühl behandelt. Von ganz besonderem Reiz ist 'Le Gibet', dessen Satzschichten beispielhaft aufgefächert werden und trotzdem als Zusammenhängendes erscheinen. Auch die derben Grimassen von 'Scarbo' haben die nötige Schärfe.

Selbst wenn hier vor allem vom besonderen Attraktionspunkt dieser Aufnahme, dem Érard-Flügel, die Rede war, so muss doch zum Schluss eines klargestellt werden: Hätte Giacometti das Ravel-Programm auch nur auf dem Steinway aufgenommen, dann wäre die Einspielung für sich genommen dennoch beachtlich. Es ist eben der Stern des Érard, der die zweite Platte überstrahlt. (Der Rezensent allerdings muss sich notwendigerweise entscheiden: Daher ist die Klangbewertung als Mittelwert von fünf Sternen für die Érard- und drei Sternen für die Steinway-Aufnahme zu verstehen.)

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ravel, Maurice: Gaspard de la Nuit

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Channel Classics
2
13.06.2012
Medium:
EAN:

SACD
723385316121


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Channel Classics

Channel Classics Records is a quality record label based in Holland. Director, producer and recording engineer is C. Jared Sacks. Having grown up in Boston Massachusetts, schooled at Oberlin Conservatory and the Amsterdam Conservatory of music with 15 years experience playing French Horn, Jared decided to make his hobby of recording a profession in 1987. The label started in 1990 with the name Channel Classics coming from the street he lived on in Amsterdam. (Kanaalstraat).
Jared and his Dutch wife Lydi Groenewegen together with a group of assistants work closely with distributors in 37 countries to promote the artists through the CD?s.


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