> > > Honegger, Arthur: Sämtliche Sinfonien
Sonntag, 26. Juni 2022

Honegger, Arthur - Sämtliche Sinfonien

Verdienstvoll


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Reihe der Honegger-Sinfonien des Philharmonischen Orchesters Lübeck muss neben anderen Einspielungen der Gegenwart nicht in den Schatten treten. Aber es gibt durchaus noch Luft nach oben.

Kaum eines der städtischen Orchester unseres Landes wird in seinem Wirken vor Ort so umfassend abgebildet wie das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck. Das Label Musicaphon präsentierte bereits zahlreiche Mitschnitte, darunter mit einigen Repertoireraritäten sowie Zyklen des sinfonischen Kanons, meist in Kontexte mit weniger Bekanntem oder Erwartbarem gestellt. Eine der interessantesten Produktionen in der Reihe ‚Lübeck Philharmonic Live‘ ist die Klangdokumentation der Sinfonien von Arthur Honegger, die der schweizerische Generalmusikdirektor des Theaters Lübeck, Roman Brogli-Sacher, zwischen 2007 und 2010 aufs Programm gesetzt hat. Die Konzertmitschnitte sind auf zwei hybriden SACDs bei Musicaphon erschienen.

Das sinfonische Œuvre des in Frankreich gebürtigen Schweizers, der den größten Teil seines Lebens in Paris verbrachte, wurde lange Zeit auf dem Tonträgermarkt in überschaubarem Ausmaß gepflegt. Doch dann folgten binnen kurzer Zeit Roman Brogli-Sachers Gesamteinspielung, eine Honegger-Platte des London Philharmonic Orchestra und dann in zwei Folgen ein weiterer Sinfonien-Zyklus des Sinfonieorchesters Basel mit Dennis Russell Davies. Droht in solcher Nachbarschaft das verdienstvolle Engagement für Honegger in Lübeck unterzugehen? Die Antwort lautet: nein. Aber mit einer Einschränkung. Denn obgleich die Aufnahmen des Basler Sinfonieorchesters nicht ganz überzeugen können – bei vorliegender Gesamteinspielung müssen noch ein paar mehr Abstriche gemacht werden, so löblich der Einsatz für Honeggers fünf Sinfonien an sich ist.

Das fängt bei der klanglichen Präsentation an: Sowohl im CD- als auch im SACD-Format wirkt es, als sei das Orchester recht weit entfernt. Mitunter verschmilzt der an wenig erfreulichen Grautönen nicht arme Klang zu einer etwas diffusen Melange. Der Plastizität kontrapunktischer Linienführung, die Honeggers orchestrales Schaffen (und nicht nur das) bestimmt, kommt eine solche Klangvermittlung nicht eben zugute. Zudem ist die klangliche Wucht, die für Honeggers Klangballungen charakteristisch ist, an mancher Stelle nivelliert.

Aber was genau aufs Konto der Klangqualität geht und was dem Orchesterspiel geschuldet ist, kann manchmal nicht feinsäuberlich getrennt werden. Im ersten Satz der dreisätzigen Sinfonie Nr. 1 (1929-30) kommt die rhythmische Kantigkeit ein wenig abgemildert daher, auch die neoklassizistische Konturenschärfe im Allegro-Teil des Kopfsatzes und die Spielfreudigkeit des Finales von Honeggers Zweiter Sinfonie (1941) gerät mitunter etwas schwerfällig. Man kann den Schwarzen Peter gar nicht einzelnen Instrumentengruppen zuspielen; in den flinken Einzelläufen erweisen sich etwa die tiefen Streicher als ebenso wendig wie die Violinen. Es ist eher das Zusammenwirken, das stellenweise, etwa im langsamen Satz der bekenntnishaften Dritten Sinfonie ('Symphonie liturgique', 1945-46), zu kompakten Verdichtungen oder zu klarer Auffächerung der polyphonen Stimmenanlage führt, aber manchmal eben auch ein wenig ziellos Einzelstimmen im Raum umherirren lässt wie im 'Adagio' der Ersten Sinfonie. Da fehlt es an konsequentem Gestalten in formdramaturgischer Hinsicht.

Was hingegen in den meisten Fällen gut gelingt, ist die für den Spannungsverlauf in Honeggers sinfonischen Werken typische strahlende Melodielinie, die sich aus dem rhythmisch aktionistischen Strudel bzw. ihm über entfaltet, sei es nun die Trompetenlinie in der Zweiten Sinfonie (mit Trompete ad libitum), die Volksweise in der Vierten Sinfonie 'Deliciae Basiliensis' (1946) oder andere Momente, in denen das romantische Erbe in Honeggers Musiksprache mit den Härten seiner Gegenwart konfrontiert wird. Dort zeigt sich das Gestaltungsvermögen Roman Brogli-Sachers am besten. Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck spielt über weite Strecken untadelig, wenn auch nicht unbedingt begeisternd, wobei ihm immer wieder Momente großer Spannung gelingen. Das führt zu dem Resümee, mit dieser Doppel-SACD eine willkommene Ergänzung der Honegger-Diskographie vorzufinden, wenn auch keine selig machende. Grund zur Freude ist allerdings, dass unter den fünf Sinfonien die Dritte, die das sinfonische Hauptwerk des Komponisten bildet, auch in der Wiedergabe des Lübecker Orchesters am besten gelungen ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Honegger, Arthur: Sämtliche Sinfonien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Musicaphon
1
03.10.2012
Medium:
EAN:

SACD
4012476569420


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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