> > > Pleyel, Ignaz Joseph: Streichquartette: Pariser Quartette 2 Vol. 10
Samstag, 24. Oktober 2020

Pleyel, Ignaz Joseph - Streichquartette: Pariser Quartette 2 Vol. 10

Routiniert


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Ersteinspielung von Ignaz Joseph Pleyels letzten drei Streichquartetten durch das Janáček Quartet hat vor allem dokumentarischen Wert. Die romantisierend-schwerfällige Interpretation ist leider nicht mehr zeitgemäß.

Zu seinen Lebzeiten wurde Ignaz Joseph Pleyel (1757-1831) als Komponist als einer der ganz Großen neben seinem Privatlehrer Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart genannt. Heute fristen die meisten seiner ca. 850 Werke ein Schattendasein. Die Internationale Pleyel Gesellschaft, die in Pleyels Geburtsort, dem niederösterreichischen Ruppersthal residiert, in seinem Geburtshaus ein Pleyel-Museum eingerichtet hat, gemeinsam mit zahlreichen Musikwissenschaftlern an einer Pleyel-Gesamtausgabe arbeitet und zahlreiche Projekte, Seminare und Konzerte veranstaltet, versucht dessen Werke dem Dornröschenschlaf zu entreißen. Teil davon ist eine CD-Edition, die gemeinsam mit dem Label Ars Produktion gestaltet wird und deren zehnte CD sich zum zweiten Male Streichquartetten Pleyels widmet.

Vor allem seinen frühen Streichquartetten und Klaviersonaten verdankte Pleyel seine große Popularität zu Lebzeiten. Sie wurden den Verlagen praktisch aus den Händen gerissen, unzählige Male kopiert und für andere Besetzungen arrangiert. Da damals niemand nach dem Copyright fragte und Pleyel die Flut von fremden Werken, die unter seinem verkaufssteigernden Namen herausgegeben wurden, eindämmen wollte, gründete er schließlich 1797 seinen eigenen Verlag, der rasch zu einem der größten und erfolgreichsten weltweit aufstieg. Mit dem Einstieg in die Geschäftswelt – später kam noch die berühmte Klaviermanufaktur dazu – hatte Pleyel allerdings nicht mehr die Zeit und Ruhe zum Komponieren. Außerdem merkte er wohl selbst, dass seine Werke mit dem Spätwerk Haydns und den frühen Quartetten Beethovens nicht mehr mithalten konnten, die er auch in seinem Verlag drucken ließ. So wurden seine hier eingespielten letzten drei Quartette auch nicht im eigenen Verlag herausgegeben. Die ersten beiden erschienen in London, wohin Pleyel seit seinem Aufenthalt 1789-92 gute Kontakte pflegte, das letzte blieb Fragment und wurde nun erstmals in eine spielfähige Fassung gebracht.

Die ersten beiden Quartette entfernen sich stilistisch, obwohl erst 1810 komponiert, nicht besonders weit von Haydns frühen Quartetten, der Zeit also, in der Pleyel, finanziell gefördert vom Grafen Erdödy, bei Haydn Privatunterricht nehmen durfte. Dabei sind die Kopfsätze der jeweils dreisätzigen Werke erstaunlich lang, vor allem, wenn alle Wiederholungen gespielt werden, wie vom Janáček Quartet auf dieser Aufnahme. Zwar sind die einzelnen Sätze gut gearbeitet und man kann sich beim langsamen Satz des ersten Quartetts genüsslich zurücklehnen und bei den Variationen des zweiten Quartetts Wetten abschließen, welches Instrument denn in der nächsten solistisch agieren wird. Doch groß begeistern können weder die Werke noch die aus der romantisierenden Tradition stammende Interpretation des Janáček Quartet, die oft schwerfällig wirkt und mit übermäßigem Einsatz von Vibrato jede Erkenntnis historischer Aufführungspraxis leugnet. Schade ist dies vor allem beim dritten Quartett, welches wohl das letzte ist, das Pleyel komponierte und das viel interessanter ist als seine beiden Vorläufer: Hier kündigt schon der Fugato-Beginn einen kontrapunktisch höchst komplexen Kopfsatz an, wartet das Menuett mit überraschenden Harmonieverläufen auf, bietet das Trio mit volkstümlichen Bordunklängen einen herrlichen Kontrast dazu, ist der Variationssatz viel einfallsreicher ausgestaltet und schließt ein feuriges, dramatisches Vivace das Werk ab. Man muss dem Janáček Quartet zugute halten, dass es sich bei der Aufnahme um einen Konzertmitschnitt handelt. Dafür agiert das Ensemble erfreulich souverän mit wenigen Intonationstrübungen, aber eben auch ein bißchen zu routiniert. Auch der sehr trockene Klang bringt wenig Leben in die Aufnahme.

Einen kleinen Pluspunkt verdient sich der Text im Booklet, in dem man z. B. erfährt, dass es Pleyels Popularität im deutschsprachigen Raum bis heute schadet, dass er sich seinerzeit auf die Seite der Französischen Revolution stellte, Einreiseverbot nach Deutschland und Österreich erhielt und in schulischen Lehrbüchern totgeschwiegen wurde. Insgesamt ist diese CD so ein hörenswertes Dokument von Pleyels spätem Quartettschaffen (alle drei Quartette sind Ersteinspielungen). Es punktet mit viel Hintergrundwissen im Booklet, das man aber lieber bei den Interpreten in Form von historisch informiertem Spiel gehört hätte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pleyel, Ignaz Joseph: Streichquartette: Pariser Quartette 2 Vol. 10

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS Produktion
1
01.11.2012
Medium:
EAN:

CD
4260052388204


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Pleyel, Ignaz Joseph
 - Streichquartett in Es-Dur, Ben 368, 1810, Ersteinspielung - Allegro
 - Streichquartett in Es-Dur, Ben 368, 1810, Ersteinspielung - Adagio
 - Streichquartett in Es-Dur, Ben 368, 1810, Ersteinspielung - Rondo. Allegro
 - Streichquartett D-Dur, Ben 369, 1810, Ersteinspielung - Allegro molto
 - Streichquartett D-Dur, Ben 369, 1810, Ersteinspielung - (Tema con Variazioni): Tempo di Minuetto
 - Streichquartett D-Dur, Ben 369, 1810, Ersteinspielung - Rondo. Allegro
 - Streichquartett in g-Moll, Ben 370, Ersteinspielung - Allegro mon troppo
 - Streichquartett in g-Moll, Ben 370, Ersteinspielung - Menuet un poco Allegretto. Trio
 - Streichquartett in g-Moll, Ben 370, Ersteinspielung - (Tema con Variazioni): Andante cantabile
 - Streichquartett in g-Moll, Ben 370, Ersteinspielung - Vivace. Finale


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Interpret(en):Vacek, Milos
Zavadilik, Vitezslav
Reznicek, Jan
Vybiral, Bretislav


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
?Die SACD - Super Audio CD kombiniert die Präzision der digitalen Reproduktion mit der Wärme des analogen Klanges. Das hat uns überzeugt.?


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