> > > Händel, Georg Friedrich: Concerti grossi op. 6
Montag, 5. Dezember 2022

Händel, Georg Friedrich - Concerti grossi op. 6

Temperamentvolle und klanglich erstklassige Händel-Preziosen


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Händels Concerto-grosso-Sammlung Opus 6 ist beim Combattimento Consort Amsterdam in den besten Händen.

Georg Friedrich Händel war ein Meister darin, prekäre Situationen als Stachel kreativer Schübe zu nutzen. Nachdem sein Opernprojekt wirtschaftlichen Schiffbruch erlitten hat, verlegte er sich aufs Oratorium. Instrumentalsätze zur Auflockerung waren stets vonnöten, und so schuf Händel in rekordverdächtiger Zeit 1739 zwölf Concert grossi, die später als sein Opus 6 in die Geschichte eingingen. Die etwas mehr als 60 Einzelsätze enthaltende Sammlung gilt heute als eines der Meisterwerke barocker Instrumentalmusik neben zentralen Werken von Bach, Corelli oder Vivaldi.

Im Schallplattenkatalog finden sich zahlreiche empfehlenswerte Aufnahmen – und doch kann die nun von Challenge Classics veröffentlichte Einspielung mit dem Combattimento Consort Amterdam als eine willkommene Ergänzung begrüßt werden. Das hat nicht zuletzt mit der klangtechnischen Präsentation zu tun. Die Gesamtaufnahme der Concerti grossi op. 6 wurden als hybride SACD produziert und besticht durch einen detailgenauen, fokussierten, ungemein plastischen Klang, der das kunstvolle Spiel des niederländischen Ensembles sowohl in seiner dynamischen Finesse sowie farblichen Schattierung in allerbesten Licht dastehen lässt. Klangtechnisch sich auf diesem Niveau bewegende Einspielungen von Händels Opus 6 muss man mit der Stecknadel suchen – oder einfach zu der Produktion des Combattimento Consorts Amsterdam greifen.

Die Empfehlung ist vor allem darin begründet, dass auch die musikalische Gestaltung kaum Wünsche offen lässt. Einerseits geht das Combattimento Consort Amsterdam im Gegensatz zu Ensembles wie Il Giardino Armonico weniger manieristisch und vor allem weitaus weniger ruppig zu Werke; andererseits ist die musikalische Darstellung nicht ganz so geradlinig wie man das von diversen angelsächsischen Alte-Musik-Ensembles gewohnt ist. Unter der kundigen und offensichtlich stimulierenden Leitung des Geigers Jan Willem de Vriend wählt das Combattimento Consort einen Mittelweg, allerdings einen überzeugenden. Die spieltechnische und interpretatorische Gestaltung bleibt ihm sicheren Rahmen dessen, was der Aufführungspraxis-Forscher Clive Brown als ‚modern period style‘ beschreibt, also als einen momentan gängigen Stil von Alte-Musik-Ensembles. Das zeigt sich etwa an den Sekund-Bindungen im ersten Satz des Konzerts a-Moll HWV 322: Sie werden nicht, wie in den zu dogmatischen Lösungen neigenden Kindertagen Historischer Aufführungspraxis, einzeln als Seufzermotiv rhetorisch aufgeladen, sondern melodisch eingebunden in einen größeren Zusammenhang.

Im Rahmen des heute (auf hohem künstlerischem Niveau) üblichen Spiels von Barockmusik-Spezialisten findet das Combattimento Consort einen eigenen Ton und nutzt interpretatorische Freiräume, um der ebenso kunstvoll beschlagenen wie abwechslungsreichen Musik Ausdruck zu verleihen. So scheint in der Interpretation des holländischen Ensembles die Musik im letzten Satz des G-Dur-Konzerts HWV 319 wiederholt dynamisch auszulaufen, um dann wieder mit Schwung zurückgeholt zu werden. Neben dynamischen Nuancen, die auch die Balance der Stimmen erfassen, sind es im Schluss-Allegro des Konzerts a-Moll HWV 322 reizvolle Tempowechsel, dadurch zustande kommend, dass die expressive Gestalt den Bewegungsfluss bestimmt. Im Schlusssatz ('Hornpipe') des Konzerts B-Dur HWV 325 werden nicht nur mit perkussiven Akzenten, sondern mit bodenständiger Deftigkeit die metrischen Schwerpunkte lustvoll betont; gleiches gilt für die 'Polonaise' des e-Moll-Konzerts HWV 321.

Die klangliche Darstellung des Combattimento Consorts Amsterdam ist nicht nur intonatorisch von bestechender Klarheit, sondern auch virtuos in der spieltechnischen Gestaltung. Um die Farbigkeit zu erweitern, nutzt das Ensemble die von Händel optional hinzugefügten Oboen in den Konzerten Nr. 1, 2, 5 und 6, wobei das die aus Cembato, Orgelpositiv und Chitarrone bestehende Continuo-Gruppe dabei um Fagotte (für Solo- und Ripieno, die in Händels Opus 6 je eine eigene Continuo-Grundierung haben) ergänzt wird.

Kontrapunktische Verläufe der Fugen und Doppelfugen werden klar, aber ohne schulmeisterleicht Note entfaltet. Das ist auch in zahlreichen anderen Aufnahmen zu beobachten, die durch Händels zwölf Concerti grossi interpretatorisch allerdings mit Autopilot hindurch sausen. Höchst attraktiv erscheint an dieser Einspielung die vollauf geglückte Verbindung einer sensiblen, kompetenten Auffächerung des instrumentalen Satzes mit einem temperamentvollen, locker bewegten, tänzerischen und differenzierten Zugang.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Concerti grossi op. 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
3
28.09.2012
Medium:
EAN:

SACD
608917257021


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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