> > > Cavalli, Francesco: La Didone
Donnerstag, 28. Mai 2020

Cavalli, Francesco - La Didone

Krieg und Liebeskummer


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Drastik und Klassizität: Cavallis Oper 'La Didone' in einer exzellenten Inszenierung. Das Orchester und viele Solisten überzeugen, doch die Gesangsleistungen divergieren stark.

1641, im Jahr der Uraufführung von 'La Didone', war die Institution Oper noch jung; erst drei Jahre zuvor war in Venedig die erste kommerzielle Oper über die Bühne gegangen. Um das Werk des Monteverdi-Schülers Cavalli war es jahrhundertelang ruhig. 2006 erklang 'La Didone' in Venedig. Eine weitere Inszenierung feierte Premiere 2011 im Théâtre de Caen. Die gut aufgemachte DVD ist ein Live-Mitschnitt. Clément Hervieu-Légers Regie ist schlicht und werkdienlich. Sie stellt die Klassizität dieser Oper heraus.

Der Librettist Busenello orientierte sich nach eigener Aussage an der spanischen Romanliteratur. Den elliptischen Aufbau des ersten Akts glättet die Regie, indem sie das Geschehen praktischerweise auf einen einzigen Schauplatz verlegt (die Kürzungen sind geschickt und unauffällig). Dieser Akt verhandelt die Einnahme Trojas und deren Folgen mit einer ungewöhnlichen Drastik – die hier nicht reißerisch, sondern realistisch umgesetzt wird. Ein Schocker ist Creusas Ermordung, Enea ist da mit Vater und Sohn schon auf und davon (stark und verletzlich: Tehila Nini Goldstein als Creusa).

Die Bildsprache ist durchdacht und kraftvoll (Bühne: Eric Ruf). Der zweite Akt zeigt einen Torbogen, eine Morgendämmerung: Der Palast befindet sich noch im Bau, wie ja auch in Vergils ‚Aeneis‘ Karthago eine junge Stadt ist. Doch die Mauer im dritten Akt erinnert an die Ruine, von der herab Iride den Prolog gesungen hatte, und deutet so auf Karthagos Untergang voraus. Hervieu-Léger findet kluge Lösungen. So segelt am Ende des ersten Akts nicht, wie es im Libretto steht, die Flotte vorüber, sondern Venere eilt mit einem Koffer über die Bühne. Das umstrittene Lieto fine wird als fragwürdig vorgeführt: Im Textbuch hält Iarba Didone noch rechtzeitig von der Selbsttötung ab, hier stimmt die blutverschmierte Königin wie untot seiner Liebe zu; der entsetzte Blick ihrer Schwester Anna spricht Bände.

Die Personenführung ist klar, die Energie der Auftritte furios (und die Mehrfachbesetzungen sind stimmig). Den Waffenruf der Trojaner singt der Chor mit Schmackes. Kresimir Spicer in der Rolle des Enea ist facettenreich in Gesang und Spiel, anrührend ist seine Trauer beim Abschied von Didone. Xavier Sabata, derzeit als ‚Bad Guy‘ unterwegs (CD-Titel), sticht mit der emotional schlüssigen und technisch souveränen Darstellung des Iarba heraus. Er macht die Erschütterungen spürbar, als Dido ihn abweist; groß ist er in seiner verzweifelten Wut. Für (erotische) Spannung sorgt die als Venus perfekt besetzte Claire Debono. Leider fällt ausgerechnet die Titelfigur ab: Anna Bonitatibus leidet unter Intonationsproblemen, ihr Ton ist unrund, der Stimmklang scharf. Ihre Darstellung gleicht das streckenweise aus. Abstriche sind auch bei manchen Nebenrollen zu machen: Victor Torres' Intonation neigt zur Trübung (Anchises), die von Mathias Vidal ist mangelhaft (Mercurio/Ilioneo).

Doch viele Darstellungen berühren. Corebo, soeben im Zweikampf tödlich verwundet, triumphiert, bevor er sich seiner Wunde gewahr wird – den Affektumschwung gestaltet Valerio Contaldo famos. Der zerbrechliche Satz wird nur vom Cembalo begleitet (Orchesterleiter William Christie). Das Lamento der zurückbleibenden Cassandra singt Katherine Watson naturalistisch, unsagbar traurig. Sinons höhnischer Gesang (Francisco Javier Borda) ist burlesk instrumentiert – wie überhaupt die gesamte Handschrift wirkungsvoll eingekleidet wurde, denn 'La Didone' liegt nicht in einer Partitur vor. Das Orchester stellt die Schönheiten heraus. Christie und Les Arts Florissants haben bereits Rameau ‚wiederentdeckt‘, steht im Beiheft; diese Produktion soll nun der ‚Anfang einer Cavalli-Wiederbelebung‘ sein. Das ist zu hoffen, vor allem im Hinblick auf dieses erschütternde Kriegs- und Liebeskummerstück.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cavalli, Francesco: La Didone

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
10.09.2012
Medium:
EAN:

DVD
809478010807


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