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Mittwoch, 17. Juli 2019

Bach, Johann Sebastian: Matthäus-Passion - Thomanerchor, G. C. Biller, Gewandhausorchester

Leipziger Bach-Tradition


Label/Verlag: ACCENTUS Music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tradition lautet die Devise. Nicht immer ganz perfekt, dafür aber hingebungsvoll und überzeugend - so präsentiert sich der Thomanerchor mit Bachs Matthäus-Passion auf einem DVD-Mitschnitt aus dem Jubiläumsjahr 2012.

Schon das Setting ist vielversprechend und weckt hohe Erwartungen: Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche, dem Ort ihrer Uraufführung, aufgeführt vom Thomanerchor, dem Chor der Uraufführung, unter der Leitung des Thomaskantors Georg Christoph Biller, dem inzwischen sechzehnten Amtsnachfolger Bachs, am Karfreitag des Jahres 2012 und damit 285 Jahre nach der Uraufführung – und nebenbei das Ganze auch noch im 800. Jahr nach der Gründung des Chores. Auf DVD und BluRay liegt der Konzertmitschnitt nun pünktlich zur diesjährigen Passionszeit vor und ist ein stolzes Zeugnis der Leipziger Bach-Pflege, um die sich niemand so sehr verdient macht, wie der Thomaskantor und sein Chor.

Unerfüllte Erwartungen

Deshalb ist die Erwartung besonders groß, schließlich steht der Thomanerchor mit seinem Namen für eine lange Chortradition. Und wer den Thomanerchor schon einmal erlebt hat, weiß, dass sich diese Tradition im Resultat maßgeblich von den Vokalensembles führender Bach-Interpreten unterscheidet. Mit dieser Besetzung, ja vor allem mit diesem Chor ist man eben näher dran am historischen Bach, könnte man sagen. Aber ist das Ergebnis wirklich zufriedenstellend?

Zu oft mangelt es der Musik an darstellerischen Details, die die Matthäus-Passion so interessant machen. Zu selten gelingt es dem Chor nach den betrachtenden Chorälen in die Rolle des aufgebrachten Volkes zu schlüpfen. Der empörende Ruf ‚Lass ihn kreuzigen‘ etwa klingt beim ersten Mal nahezu gleichgültig; und zum zweiten Turbachor müssen die Thomaner nach der vorangegangenen Arie dann erst mal aufstehen, was die Spannung einbrechen lässt und den auskomponierten Überraschungseffekt verhindert. Gerade in solchen Chören hätte eine konsequente Artikulation und weniger Legato die Darbietung enorm aufwerten können. Auch die Balance zwischen den Stimmen ist nicht selten unausgewogen, was sich schon in den ersten Turbachören (‚Wozu dienet dieser Unrat‘) offenbart. Auch die Entscheidung, in den Chorälen alle Fermaten ohne Rücksicht auf den Text auszuhalten, reißt inhaltliche Zusammenhänge zu oft auseinander und erscheint kaum sinnvoll.

Der Doppelchörigkeit des Werkes hätte man durch die Positionierung der beiden Chöre und Orchester, die direkt nebeneinander auf der Orgelempore stehen und die Soliloquenten in ihrer Mitte einschließen, entgegenkommen können. Die Matthäus-Passion ist nicht einfach Doppelchörig, sie ist in ihrer Anlage sogar eine Art komponierter Raummusik, was bei vielen Aufführungen kaum zutage tritt. Wie spannend wäre es aber gewesen, gerade bei einer Aufführung in dem Raum, für den sie geschrieben wurde, diesen Aspekt noch stärker zu unterstreichen? Zumindest bei der Sopran-Gruppe ‚in ripieno‘ hätte man das räumliche Moment der Musik stärker betonen können, indem man die Sänger des cantus firmus vom großen Klangkörper getrennt aufgestellt hätte. Ein großer Wurf jedenfalls ist diese Aufnahme nicht, dafür ist die Konkurrenz auf dem Plattenmarkt, an dem sich jede Neuerscheinung messen lassen muss, zu groß.

Leipziger Tradition

Wohl stellt diese Matthäus-Passion ein Zeugnis der beeindruckenden Leipziger Bach-Tradition dar. So ergibt sich ein beeindruckendes Gesamtbild, bei dem Überzeugung und Tradition im Vordergrund stehen. Die Leipziger Interpreten erreichen dadurch eine ganz eigene Art von Authentizität, hinter dem die musikalische Perfektion zurücksteht, wie man es sonst kaum erlebt. Einerseits ergibt sich dieser Eindruck durch die Routine der Hauptakteure Thomanerchor und Gewandhausorchester, andererseits durch die Leitung von Thomaskantor Georg Christoph Biller, der die Ensembles souverän und mit lockerem Zügel durch die Aufführung führt. Dazu führt auch die Entscheidung, dass sämtliche kleineren Rollen (Judas, Petrus usw.) mit unterschiedlichen Stimmen aus dem Chor besetzt sind. Zwar schwankt auch hier die Qualität der jungen choreigenen Solisten, aber grundsätzlich ist diese Abwechslung äußerst begrüßenswert, auch wenn sie im Booklet leider namenlos bleiben. Dafür weist man stolz darauf hin, dass beide Tenöre (Wolfgang Lattke, Evangelist / Martin Lattke, Arien) und der Altist (Stefan Kahle) ehemalige Thomaner sind. Allen dreien gelingt eine konsequente Gestaltung ihrer Partien, mit dem richtigen Gespür für die Gratwanderung zwischen affektiertem Pathos und distanzierter Berichterstattung. Routiniert wie alte Hasen wirken daneben die Bässe Klaus Mertens (Jesus) und Gotthold Schwarz (Bass, Pilatus/Arien), die beide mit kraftvollem, oftmals leider aber zu kräftigen Zugriff über das Orchester hinwegfegen, vielmehr laut als gestalterisch. Im Hochtonregister dieser Besetzung erweist sich Christina Landshamer als gute Wahl, die ihre Partie sehr einfühlsam gestaltet. Ihr gelingt eine sehr ergreifende, geradezu herausragend gute Arie 'Aus Liebe will mein Heiland sterben' – zweifelsfrei ein Höhepunkt dieser Aufnahme.

Unterm Strich handelt es sich um eine grundsolide Matthäus-Passion aus der Leipziger Thomaskirche. Tatsächlich liegt ein Mehrwert dieser Aufnahme in der visuellen Komponente, welche wesentlich zur Stimmung beiträgt. Hier steht alles unter dem Eindruck einer jahrelangen Bach-Tradition. Nicht alles ist perfekt, dafür aber hingebungsvoll und überzeugend.

Der Thomanerchor im Leipziger Direktvergleich

Abschließend drängt sich ein Vergleich mit einer drei Jahre zuvor, ebenfalls in Leipzig entstandenen Aufnahme nahezu auf. Unter Riccardo Chailly sang der Thomanerchor damals neben dem Tölzer Knabenchor gemeinsam mit dem Gewandhausorchester (klassik.com berichtete). Abgesehen von allen anderen Unterschieden klingen im Direktvergleich bei Chailly nicht nur die Orchester, sondern vor allem auch die Chöre viel klarer und durch eine kontrollierte Dynamik und bestechend konsequente Artikulation wesentlich differenzierter. Kaum zu glauben, dass es sich tatsächlich um den gleichen Chor handelt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Peter Büssers Kritik von Peter Büssers,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Matthäus-Passion: Thomanerchor, G. C. Biller, Gewandhausorchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ACCENTUS Music
2
15.05.2013
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4260234830279
ACC 20256 (2 DVD)


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"Nicht nur berühmt durch seinen prominenten Kantor Johann Sebastian Bach feiert der renommierte Thomanerchor Leipzig sein 800. Jubiläum mit einem außerge-wöhnlichen Konzert: die fulminante Aufführung der Matthäus-Passion. Der Guardian lobte „diese gesangliche Harmonie, durchwoben von einer Transzen¬denz, wie sie nur durch das tägliche Zusammenleben und Zusammenarbeiten erreicht wer¬den kann.“ Mit diesem Titel ist Accentus Music ein Solitär in der Geschichte Bach?scher Mu-sikaufzeichnungen gelungen. Denn es ist die einzige audiovisuelle Veröffentlichung der Matthäus-Passion, die durch den Chor, für den sie geschrie¬ben wurde, inter-pretiert und zudem an der Wirkungs- und Grabesstätte des Kom¬ponisten, der Thomaskirche Leipzig, aufgeführt wurde. "


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ACCENTUS Music

ACCENTUS Music wurde 2010 als Produktionsfirma mit einem sehr erfahrenen Team aus Produzenten, Regisseuren, Kameraleuten, Tonmeistern und Cuttern und als gleichnamiges DVD Label auf dem Klassikmarkt gegründet. Die Firma mit Sitz in der Musikstadt Leipzig, unweit der Thomaskirche, produziert weltweit erstklassige Konzertereignisse, Opern sowie Künstlerportraits und Dokumentarfilme. Auf den DVD- und Blu-ray Veröffentlichungen finden sich herausragende Künstler wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Evgeny Kissin, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Pierre Boulez, Joshua Bell, Lucerne Festival Orchestra, New York Philharmonic und das Simón Bolívar Jugendorchester. ACCENTUS Music erfüllt sowohl künstlerisch wie auch technisch höchste Ansprüche von Klassik-Liebhabern rund um den Globus.


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