> > > Bach, Wilhelm Friedemann: Flute Concertos
Montag, 29. November 2021

Bach, Wilhelm Friedemann - Flute Concertos

Aus wiederentdecktem Archiv neu belebt


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Über den Zeitraum eines halben Jahrhunderts galt das Archiv der 1791 von Friedrich Fasch gegründeten Berliner Singakademie als verschollen. Die Wiederentdeckung dieser Sammlung durch Professor Christoph Wolff in Kiew/Ukraine ist ebenso erfreulich wie die Tatsache, das die gesamte Sammlung an die Akademie zurückgegeben wurde. Die hier vorgestellten Flötenkonzerte stellen die erste Ausgabe einer des Labels cpo geplanten Edition von bislang unbekannten Werken aus diesem Fundus dar. Nicht weniger als etwa 5200 Titel und Werke unterschiedlicher Gattungen wurden seinerzeit von Carl-Friedrich Zelter zusammengetragen. Sie harren nun der Entdeckung und sorgfältigen Wiederaufbereitung durch die musikalische Praxis.

Diese Wiederaufbereitung von Konzerten der beiden Bach-Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel sowie Leopold Hofmann ist bei der Wiener Akademie unter der Leitung von Martin Haselböck in guten Händen. Um die historische Bedeutung der Flötenkonzerte im Kompositionsstil der ‘Berliner Schule’ um 1740 richtig einschätzen zu können, bedarf es einiger Hintergrundinformationen: Die Traversflöte hatte sich von ihrer ursprünglichen Verwendung bei der Militärmusik zum aristokratischen Instrument hochgemausert. Sie entsprach den klanglichen und interpretatorischen Anforderungen des empfindsamen Geschmacks und war darüber hinaus das Lieblingsinstrument des Königs. Der junge Monarch hatte sich als Lehrer für seinen Unterricht keinen Geringeren als Johann Joachim Quantz an seinen Hof geholt. In der Folge hatte es in den Kreisen der Adels- und Bürgerfamilien zum guten Ton zu gehören, den männlichen Nachwuchs dieses Instrument erlernen zu lassen. Und wer als Komponist in Berlin tätig war, hatte deshalb auch für Traversflöte zu komponieren. Punktum. Die Konzerte stehen in D-Dur. Die jeweils dreisätzigen Stücke werden, dies hört man gleich, in einem sauberen und gründlich erarbeitetem Interpretationsstil vorgetragen. Diese Musiker genießen professionelle Leitung und sind darüber hinaus als Ensemble eine geschlossene, klangschöne Einheit. Das einleitende Konzert von W.F. Bach zeichnet sich in den Ritornellen durch einen hohen Formenreichtum ,in den Episoden durch kontrastreiche Melodien aus. Die Einsätze der Streicher erfolgen punktgenau, Phrasierungen werden exakt formuliert und die Bogenführung trifft zwischen kräftigem und sanftem Strich die jeweils richtige Intensität. Vor allem in der Verarbeitung der Dynamik wird dies deutlich. Der erste Satz - un poco allegro- wirkt belebt und beinhaltet eine gewisse Zurückhaltung in der Färbung, sowohl dynamisch als auch melodisch. Im zweiten Satz - largo - werden Solist und Ensemble von ruhiger Hand geleitet. Zwischen den beiden Ecksätzen eröffnet sich dem Zuhörer so ein beschauliches Klangbild, dem in seiner Ruhe -bedingt durch gefühlvolles Spiel- auch eine deutlich bemerkbare Intensität innewohnt. Im Schlusssatz - vivace - bricht sich diese Intensität neue Bahnen. Beschwingt geht es durch Solo und Tutti, es scheint als benutze die Flöte das Ensemble als Tanzfläche, auf der sie ihre Kunst präsentiert. Christian Gurtner stellt sein Können durch ein technisch präzises, farben- und kontrastreiches Spiel unter Beweis.
Das zweite Konzert von C.P.E. Bach kann als Beleg für dessen meisterhafte Beherrschung der kompositorischen Mittel betrachtet werden. Die reichhaltige Verarbeitung der Themen und Motive in der Instrumentierung, sowie die rasch wechselnden Ritornelle und Episoden verbinden sich mit den reichen Melodien zu einem Genuss für den Hörer. Das Cembalo unterstützt die Melodien der Streicher indem es sie akkordisch und rhythmisch anreichert Die Qualität der Interpretation schließt nahtlos an das erste Konzert an. Im Mittelsatz -un poco andandte e piano- wird mit der Dynamik sparsam verfahren. Die Flöte wird wesentlich sanfter angeblasen und die Streicher führen ihre Bögen entsprechend weicher. Die Solopassagen bringen die klangfarblichen Eigenschaften der Flöte zur Entfaltung, diese Gelegenheit wird von Christian Gurtner voll ausgeschöpft. Ingesamt wirkt dieser Satz melancholisch, zugleich jedoch in der Wärme seiner Ausdeutung tröstlich.
Im dritten Satz schlägt die Stimmung abermals um, man kann sich diese lebensfrohe Musik zur Umrahmung einer aristokratischen Feier oder reichhaltigen Mahlzeit gut vorstellen. Nach den beiden Bach-Söhnen kommt noch der Wiener Komponist Leopold Hofmann an die Reihe. Auch hier wird der ruhige, in mäßigem Tempo gehaltene Mittelsatz von zwei lebhafteren, schnelleren Ecksätzen flankiert. Solo und Tutti wechseln weit weniger rasch in ihrer Reihenfolge. Die Tuttis sind weniger reich instrumentiert, erfahren aber in den Ecksätzen durch Hörner eine wesentliche klangfarbliche Bereicherung. Die Melodien der Traversflöte sind in ihrem Intervallaufbau von einer Leichtigkeit und infolgedessen Eingängigkeit, welche bei den vorhergehenden Konzerten nicht in diesem Ausmaß anzutreffen ist. Die Möglichkeiten, die sich hier für die Traversflöte ergeben, dürfte für die Auswahl dieses Konzertes maßgeblich gewesen sein. Es bildet einen schönen Ausklang der Zusammenstellung.

In Deutsch, Englisch und Französisch werden im Booklet die Wiener Akademie, Dirigent und Solist mit Kurzbiographie vorgestellt. Es finden sich auch einige aufschlussreiche Informationen über die Stücke und die historischen und biographischen Hintergründe, unter denen sie entstanden sind. Die Wiederentdeckung des Archivs wird ebenfalls beschrieben. Zusammenfassend darf festgestellt werden, dass hier eine erfreuliche und empfehlenswerte Aufnahme vorliegt. Bei der Veröffentlichung weiterer Stücke aus diesem Archiv werden ukrainische Musikwissenschaftler mit eingebunden werden. Sollten auch diese Interpretationen die gleiche Qualität aufweisen, darf man ihnen erwartungsvoll entgegenblicken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Martin Kofler,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Wilhelm Friedemann: Flute Concertos

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
cpo
1
55:38
2002
2002
Medium:
BestellNr.:
CD
999 888-2

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Bach, Carl Philipp Emanuel
Bach, Wilhelm Friedemann
Hofmann, Leopold


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Dirigent(en):Haselböck, Martin
Orchester/Ensemble:Wiener Akademie
Interpret(en):Gurtner, Christian (Transverse Flute)


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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