> > > Prokofieff, Sergei: Sinfonien Nr. 1-7
Mittwoch, 17. August 2022

Prokofieff, Sergei - Sinfonien Nr. 1-7

Mit Biss


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zdeněk Košlers Einspielung der Prokofjew-Sinfonien ist vor allem in den Stücken überzeugend, die anderen Interpreten Probleme bereiten.

Gesamteinspielungen der Sinfonien von Sergej Prokofjew gibt es nicht allzu viele. Eine der ersten entstand zwischen 1976 und 1982, produziert hinter dem Eisernen Vorhang von Supraphon. Verantwortlich dafür zeichnet der tschechische Dirigent Zdeněk Košler; er leitet die Tschechische Philharmonie. Supraphon machte diese damals noch als LP erschienenen Aufnahmen bereits vor Jahren als CD zugänglich. Die nun vorgelegte 4-CD-Box basiert auf einer digitalen Überarbeitung der Originalbänder; zudem hat man noch eine Lizenz der 'Skythischen Suite' op. 20 (aufgenommen bereits 1973) hinzugenommen, um die Laufzeit der mit der Fünften Sinfonie nur teilweise ausgefüllten dritten CD voll auszunutzen. Die Vierte Sinfonie C-Dur op. 112 ist nur in der zweiten Version (1947) vertreten.

Zdeněk Košler hat sich nicht zuletzt als berufener Schostakowitsch- und Strawinsky-Interpret einen Namen gemacht. Auch bei Prokofjew erreicht er achtbare Ergebnisse – zumindest großenteils. Vor allem in den frühen Sinfonien ist Zdeněk Košlers interpretatorischer Zugriff überzeugend. Der Ersten Sinfonie D-Dur op. 25 (‚Symphonie classique‘) verleiht er mit spitzer, präziser Artikulation ein sardonisches Antlitz. Entgegen neoklassizistischer Betulichkeit tun sich hinter der vorgeblich heiter-verspielten Musik tiefe Abgründe auf. Der Dirigent arbeitet sowohl tickende Motorik als auch scharf artikulierte Nadelstiche klar heraus, die rhythmischen Schichten legt er präzise übereinander und macht sie trennscharf hörbar. Da greift eins ins andere Rädchen, aber es ist eben keine Haydn’sche Lockerheit, sondern maschinelles Raster.

Košler versteht die Erste Sinfonie offenbar von den modernistisch-komplexen Klangkonstruktionen der folgenden Sinfonien her. Genau für sie, die sperrigen Sinfonien Nr. 2 bis 4, findet der Dirigent eine in ihrer Scharfkantigkeit ausdrucksstarke Darstellung. Prokofjews schneidende Tonsprache bringt Zdeněk Košler ungeschönt zum Klingen, seine Lesart lässt an Biss und stechender Schärfe nichts vermissen, nicht im Rhythmischen und auch nicht in der Farbgebung: Bemerkenswert sind die ganz trocken daherkommenden, durchdringenden Blechbläser, insbesondere die Trompeten. Auch die Streicher agieren mit einem betont schlanken, fokussierten, fast drahtigen Ton, der zu dieser Musik bestens passt.

Während in manch anderer Gesamteinspielung der Prokofjew-Sinfonien die früheren Beiträge (abgesehen von der Ersten) als eher der Vollständigkeit halber eingegliedert erscheinen, ist es hier andersrum. Košlers straffe, sehnige Diktion lässt die Spannungen und Schroffheiten der frühen Sinfonien auf packende Weise hörbar werden, doch tut er sich mit den melodisch weiter ausgreifenden Bögen der Sinfonien Nr. 5 und 7 ungleich schwerer. Mit Schärfe kommt man diesen Werken nicht bei, zumindest aber geht das Wesentliche verloren. Gut möglich, dass das Affirmative, das beide Sinfonien in sich tragen, für Košler nicht erreichbar ist (oder sein soll). Die Sinfonie Nr. 6 macht eine Ausnahme, weil das melodisch expansive Material hier oft von einer konsequent zustechenden Begleitung (etwa in den Marschteilen) unterlegt wird.

Klanglich hat sich die digitale Überarbeitung zwar positiv ausgewirkt, doch lassen sich grundlegende Unzulänglichkeiten der Originalbänder dadurch nicht zum Positiven wenden. So sind etwa die Anteile des Klaviers oder des Schlagwerks (Tam-tam) unterrepräsentiert. Auch die dynamische Breite ist eingeengt, was etwa den Höhepunkt im Kopfsatz der es-Moll-Sinfonie op. 111 einiges von seiner Wirkung nimmt. Das ist schade, zumal die öde Landschaft des ‚Nachbebens‘ von Zdeněk Košler eindringlich gezeichnet wird.

Diese Aufnahme der Prokofjew-Sinfonien kann vor allem wegen Zdeněk Košlers bedrückend-ausdrucksstarkem Zugriff auf die Sinfonien Nr. 2 bis 4 und 6 für sich einnehmen. Da es gerade von der Fünften zahlreiche exzellente Einzelaufnahmen gibt, lohnt sich diese Box auf jeden Fall. Abgerundet wird das positive Gesamtbild von einem knappen, dreisprachigen Booklettext, der über die Entstehungsdaten der Sinfonien in aller Kürze Auskunft gibt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Prokofieff, Sergei: Sinfonien Nr. 1-7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
4
13.08.2012
Medium:
EAN:

CD
099925409326


Cover vergössern

Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Supraphon:

blättern

Alle Kritiken von Supraphon...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Mendelssohns Feuerwerkmusik aus Paris: Lars Vogt verpasst den beiden Mendelssohn-Klavierkonzerten eine dramatische Wucht, die den Werken eine überraschend düstere Aura geben. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Aufgetürmter Neubau: Telemanns Michaelis-Oratorium 1762 zeigt den Hamburger Komponisten auch in seinem letzten Lebensjahrzehnt auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Zwei Komponisten des Hochbarocks begegnen einander: Heinrich Ignaz Franz Biber und Georg Muffat lebten etwa zur selben Zeit und könnten sich in Salzburg begegnet sein. Dora Szilágyi und Flóra Fábri spüren Verwandtes und Unterschiede in der Kammermusik beider Komponisten auf. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7-8/2022) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich