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Dienstag, 17. Oktober 2017

Duo Arp Frantz spielt - Werke von Bach & Kurtag

Aus der Zeit


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Duo Arp Frantz präsentiert einen gelungenen Brückenschlag zwischen Johann Sebastian Bach und György Kurtág.

Es ist keine kleine Herausforderung, in der klassischen Musik ein Plattencover zu gestalten, das weder zu dröge, noch zu arty ist, und noch dazu etwas mit dem Inhalt, dem Konzept der Einspielung zu tun hat. Im Falle der neuen CD des Duos Arp Frantz scheint diese Kreisquadratur gelungen. Zwar spart die Rückseite nicht mit einer recht gewöhnlichen Kiefernallee, die lustwandelnden Musiker in der Ferne, aber das Cover selbst bringt den springenden Punkt zustande. Vor einem von mehreren Schichten Graffiti patinierten Abschnitt Berliner Mauer stehen Julian Arp und Caspar Frantz in Konzertgarderobe, quer durch das Bild läuft, grobe schwarze Buchstaben auf weißer Fläche, der Satz ‚time isn’t passing‘. Das Apostroph wird von der Zeit selbst, von einer Verwitterungsspur im Stahlbeton, geschrieben, die Köpfe der zwei Musiker trennen die drei Wörter voneinander. Dass die Photographie von Neda Navaee den Nachsatz dieser Wandmalerei (‚it’s you passing‘) abschneidet, verwandelt den Satz von einer politischen Mahnung in eine ästhetische Maxime. Musiker als Worttrenner, Stichwortgeber und Akteure in der Diktion der Zeit, voilà. Zugleich entspricht der weiße Querbalken, der die Schrift trägt, im Umkehrschluss dem Reihendesign des Labels Genuin, und diese ‚mise en abyme‘ führt uns ins Innere der CD.

Die neue CD des Duos vereint Werke, die fast dreihundert Jahre auseinander liegen: Johann Sebastian Bachs drei Gambensonaten BWV 1027–1029 sowie eine Reihe kürzerer Komposition von György Kurtág: 'Virág az ember... ', 'Hommage à John Cage' für Cello solo, 'Prelude and Chorale' für Klavier solo, 'Ligatura Y', 'Jelek', 'Aus tiefer Not', 'Pilinszky János', 'Schatten' und 'Kroó György in memoriam'. Den Beschluss des Programmes macht das 'Adagio' aus Bachs Toccata BWV 564; dieses Werk wurde, wie auch Kurtágs Streichtrio 'Ligatura Y' von Julian Arp für die Duobesetzung arrangiert.

Die Balance zwischen der spezifischen Kühle der neuen Musik und der spezifischen Kühle Bachs gelingt dem Duo über die weitesten Strecken, so dass am Ende das Ganze sprichwörtlich mehr ist als die Summe der Teile und eben kein kühles, distanziertes Album entsteht. Im Vergleich etwa des Klaviersolostückes 'Aus tiefer Not', das Caspar Frantz fragil und meditativ, mit anrührender Sparsamkeit der Mittel vorträgt, und dem bestechend nüchternen Klagegestus des 'Andante' aus Bachs D-Dur-Sonate BWV 1028, kann sich das Motto der CD unter Beweis stellen. Denn einerseits wird im ruhigen Fluss der Musik klar, dass das, was da vergeht, nicht einfach mit Zeit in Sekunden berechnet werden kann, wie andererseits das, was die verschiedenen Tonsprachen aufeinander bezieht, nicht einfach von Zeit in Jahrhunderten getrennt wird.

Der versiert und behutsam vorgetragenen Neuen Musik steht ein moderner Bachzugriff gegenüber; über das Instrumentarium hinaus ist hier gouldscher Drive spürbar. Man merkt einen Zug ins Vermittelnde, um die uns grundsätzlich fremde Gefühlsrhetorik des Barock an der romantischen Tradition geschult an uns Zeitgenossen weiterzugeben. Naturgemäß geht das mal mehr, mal weniger auf. So herrscht etwa im vierten und letzten Satz der G-Dur-Sonate BWV 1027 ein mit großer Zielsicherheit gewähltes Tempo, das anstrengungslos dahinrollt. Was hier zum Vorschein kommt, ist tatsächlich eine Verlaufsform, eine schlanke Horizontale, was möglich wird, weil das Duo routiniert als ein musikalisches Subjekt agiert, das transparente Spiel von Caspar Frantz aber andrerseits die polyphone Vervielfältigung des einzelnen Musikers erfahrbar werden lässt. Das beschließende 'Adagio' aus der Toccata BWV 564 romantisiert sich hingegen etwas zu sehr, zu warm gerät die Einfühlung, aus der heraus vor allem Arps Celloton hier, stärker als sonst, lamentiert und ein wenig aus der Fassung gerät. Das ist die andere Seite der Maxime ‚time isn’t passing‘, deren brückenschlagende Bewegung zwischen Barock und Moderne auch deswegen so gut gelingen kann, da beide Stilistiken gleichsam, wie es mir scheint, keine Tränendrüse besitzen. Jedenfalls keine, die uns Zeitgenossen in jene melancholische Stimmung führen sollte, in der wir den Sekundenzeiger als Damoklesschwert erleben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Duo Arp Frantz spielt: Werke von Bach & Kurtag

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
01.10.2012
EAN:

4260036252569


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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