> > > Liszt, Franz: The Sound of Weimar 5: Prometheus & Festklänge
Montag, 6. Dezember 2021

Liszt, Franz - The Sound of Weimar 5: Prometheus & Festklänge

Traditionsbewusst


Label/Verlag: NCA - New Classical Adventure
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch die fünfte Folge der Symphonischen Dichtungen von Franz Liszt mit der Wiener Akademie hat ihre größten Stärken in der Farbdifferenzierung der historischen Instrumente.

Die Musik des 19. Jahrhunderts wird in den vergangenen drei Jahrzehnten immer stärker Arbeitsbereich auch historisch informiert musizierender Aufführungskörper. Neben den London Classical Players, dem New Queen’s Hall Orchestra, dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique, dem Orchestra of the Age of Enlightenment, dem Orchestre des Champs Élysées, Anima Eterna, Musica Florea oder der Capella Colonensis zählt bereits seit diversen Jahren auch die Wiener Akademie unter ihrem Leiter Martin Haselböck dazu. Haselböcks systematische Erschließung der Orchesterwerke Franz Liszts kann rein interpretatorisch durchaus nicht immer mit jenen herkömmlicher Klangkörper konkurrieren, doch ist die klangfarbliche Komponente von ähnlich revolutionärer Kraft wie seinerzeit etwa bei Roger Norringtons Einspielung von Berlioz‘ 'Symphonie fantastique'. Mit Folge 5 der Reihe wird die Gesamteinspielung der Symphonischen Dichtungen komplettiert; ob die 'Faust-Sinfonie' und/oder andere Werke noch folgen, wird man sehen.

'Prometheus' entstand 1850 ursprünglich als Ouvertüre zu Herders ‚Der entfesselte Prometheus‘, doch geht es schon in dieser ersten Form, die bis 1855 überarbeitet wurde, vor allem um den Titanen selbst, nicht um die Handlung des Dramas, vom Geist her Beethovens ‚Coriolan‘-Ouvertüre vergleichbar. Haselböck gelingt eine intensive Wiedergabe, durch die Hervorhebung verschiedener Klangfarben in manchen Momenten Wagners 'Meistersinger' und den 'Ring' vorwegnehmend, in manchen Momenten zeitnahe Kompositionen Robert Schumanns spiegelnd; zwar gibt es noch glutvollere Interpretationen, doch ist die klanglich-klangfarbliche Komponente ein bedeutender Beitrag.

Auch von 'Festklänge' (1853-61) gibt es zwei Fassungen, dem unterschiedlichen Anlass gemäß (zunächst als Huldigungskomposition für die Fürstin Wittgenstein, dann als Vorspiel zu einem allegorischen Drama Schillers, zuletzt als Symphonische Dichtung Nr. 7). Das umfangreiche Werk mit insgesamt durchaus traditioneller Formstruktur hat nicht ganz die Prägnanz etwa der Phantasie-Ouvertüren Tschaikowskys, doch ist es musikalisch ungemein reizvoll. Gerade für ein historisch informiert musizierendes Ensemble ist es insofern ausgesprochen attraktiv, werden doch zahlreiche unterschiedliche Farbvaleurs gefordert, bis hin zur hier besonders apart klingenden Glocke. Es ist auffallend, dass selbst bei solch scheinbar nebensächlichen Instrumenten ganz eigene Klangfärbungen im heutigen Orchester verloren gegangen zu sein scheinen. Die teilweise durchaus nicht ganz einfache Balance zwischen den einzelnen Instrumentengruppen ist hier kongenial umgesetzt, auch wenn die Streicher durch die Darmsaiten sehr viel gezähmter klingen als in mancher Aufführung mit modernen Instrumenten.

1858 entstand Liszts 'Hamlet', zunächst abermals als Schauspielouvertüre, doch wurde das Werk erst 1876 als seine zehnte Symphonische Dichtung aus der Taufe gehoben, obschon sie vom Kompositionsdatum her eigentlich seine letzte des zentralen Zwölferzyklus war. Sehr schön kommen in der vorliegenden Interpretation die Verbindungen zum früheren 19. Jahrhundert zur Geltung, zu Weber und Schumann, später auch Berlioz. Die Raffinesse, die Haselböck dem Werk angedeihen lässt, kann jedoch nicht über die eine oder andere Schwäche in Liszts Motivbehandlung hinwegtäuschen.

Mit 'Von der Wiege bis zum Grabe' griff Liszt nach langjähriger Pause 1881/82 die Gattung der Symphonischen Dichtung ein letztes Mal auf, mit klaren Vorgriffen auf die Musikentwicklung im 20. Jahrhundert im mittleren Abschnitt. Herrlich gestaltet Haselböck mit seinen Musikern den Beginn der Komposition, mit den schwebenden Streicherklängen, die zwar nicht ganz so differenziert dargeboten werden wie in Jos van Immerseels Einspielung mit Anima Eterna aus dem Jahre 2004, doch immer noch Qualitäten besitzen, die modernen Symphonieorchestern abgehen (müssen). Ganz offenkundig lassen sich manche Qualitäten in Liszts Orchesterwerken nur durch Instrumente des 19. Jahrhunderts vermitteln; die Chancen, um die sich moderne Symphonieorchester bringen, sind beträchtlich.

Insgesamt nähert sich die Einspielung des Orchesters Wiener Akademie dem Ideal schon stark; vielleicht würde an manchen Stellen noch etwas mehr dramatischer Zugriff die Musik noch unmittelbarer wirken lassen, ganz gleich ob es der Notentext sanktioniert oder nicht. Die Aufnahmeakustik ist, wie schon in der ganzen Reihe ‚The Sound of Weimar‘, wunderbar natürlich und durchhörbar; die Booklettexte neigen zu etwas oberflächlicher Werkbetrachtung, die Ausführungen zu Orchester und Dirigent zu etwas zu arger Ausführlichkeit. Insgesamt eine sehr erfreuliche Veröffentlichung, die die Reihe auf gleichbleibend hohem Niveau fortführt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Liszt, Franz: The Sound of Weimar 5: Prometheus & Festklänge

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
NCA - New Classical Adventure
1
13.07.2012
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
885150602553
60255


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"Mit der vorliegenden CD wird die Reihe der Sinfonischen Dichtungen vervollständigt. Ähnlich dem entstehungsgeschichtlich frühen Stück der Gattung, „Tasso“ haben „Prometheus“ und „Hamlet“ ihren Ursprung im Milieu der Schauspielmusik, nämlich in der Bestimmung als Ouvertüre zu dem mythologischen Drama „Der entfesselte Prometheus“ von Johann Gottfried Herder bzw. zum gleichnamigen Drama William Shakespeares. In beiden Werken will Liszt nicht das Drama im Medium der Instrumentalmusik „nacherzählen“, sondern den Charakter oder Mythos der Hauptfiguren mit musikalischen Mitteln schildern. Insbesondere bei „Hamlet“ gelingt ihm ein so hervorragendes psychologisches Porträt der Hamletfigur, dass es manchen Liszt- Kenner für die überzeugendste Symphonische Dichtung Liszts halten. Eindrucksvoll auch das letzte Werk dieses Zyklus. Nirgendwo sonst in Liszts Werk prallen die Kontraste so unvermittelt aufeinander: Zunächst Idylle eines Wiegenlieds nach Art der späten religiösen Orgelstücke Liszts. Dann der „Kampf ums Dasein“: ein schneidendes Thema in unvermittelter Schärfe, welches kaum zufällig das Intervall eines Tritonus umfasst (des symbolischen „Diabolus in musica“) und leitet einen Katastrophensatz ein, der in seine gedrängtesten Präzision auch im Werk Franz Liszts seinesgleichen sucht."


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NCA - New Classical Adventure

20 Jahre NCA

Als im Jahre 1992 das Klassiklabel NCA ins Leben gerufen wurde, dachte niemand daran, dass man heute das 20-jährige Jubiläum feiern könnte. In zwei Jahrzehnten wurde ein Katalog geschaffen, der mehr als 150 Produktionen umfasst und zum Besten gehört, was die Klassik zu bieten hat.

NCA steht für neue Interpretationen bekannter Werke, steht für eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit Musik in den verschiedensten, vielleicht auch ungewohnten Besetzungen, steht für auserlesene, oft zu Unrecht selten oder bisher noch nie eingespielte Werke in allen Stilistiken der klassischen Musik, was insgesamt zum Markenzeichen des Labels wurde und ist damit die ideale Ergänzung für den Plattenschrank eines Klassikliebhabers werden.Dabei ist selbstverständlich Grundvoraussetzung eine hohe künstlerische und technische Qualität der Einspielungen.

Bei NCA findet sich keine Trennung des Repertoires, sondern alle Einspielungen dienen gleichberechtigt dem einen Zweck, das Phänomen ?Musik? im Sinne eines Mosaiks ganzheitlich (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) entstehen zu lassen.

Viele Einspielungen aus sämtlichen Genres der klassischen Musik wurden von der Fachpresse hochgelobt und mit diversen Preisen ausgezeichnet. Viele berühmte und weltbekannte Künstler zeugen von der höchsten Qualität der Produktionen. Ein besonderes Augenmerk gilt der Förderung junger und aufstrebender Künstler, um ihnen ein Sprungbrett in die weite Welt der Klassik zu bieten.

Wenn Sie Lust auf klassische Abenteuer im besten Sinne des Wortes haben, dann sollten Sie sich NCA nicht entgehen lassen!

Klaus Feldmann
A&R Managing Director


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